Zufall oder Risiko?

Die Zahl der Krebserkrankungen korreliert mit dem Durchschnittsalter der Bevölkerung. Dass die Menschen immer älter werden, ist jedoch keinesfalls der einzige Grund für die hohen Steigerungsraten.
Illustration: Dominika Kowalska
Illustration: Dominika Kowalska
Mirko Heinemann Redaktion

Wer raucht, sich ungesund ernährt und wenig Sport treibt, der könnte sich auf Bert Vogelstein berufen. Der US-amerikanische Krebsforscher ist mit seiner These bekannt geworden, dass die Entstehung von Krebs vor allen Dingen dem Zufall zu verdanken sei. Sein statistisches Modell, das der Wissenschaftler der John Hopkins University in Baltimore gemeinsam mit dem Mathematiker Cristian Tomasetti entwickelte, verglich die Häufigkeit von Tumoren mit der Häufigkeit von Stammzellteilungen in verschiedenen Organen und Gewebstypen. Wo Stammzellen sich besonders oft teilen, ist demnach auch das Tumorrisiko höher. Dort, wo weniger Zellteilungen stattfinden, entsteht auch seltener Krebs. Die Folgerung: Krebs entsteht, auch wenn man alle Risikofaktoren ausschließen würde.

Die Signifikanz der Ergebnisse überraschte die Fachwelt: Danach wären für etwa zwei Drittel der Unterschiede in der Häufigkeit von Krebsarten Mutationen in den Stammzellen verantwortlich. Es sei Zufall, so die US-Forscher, ob Erbschäden durch Mutationen entstehen. Passieren können sie in jedem Gewebe, die Häufigkeit der Stammzellteilung aber mache es mehr oder weniger wahrscheinlich. Familiäre Vorbelastung spielte dabei nur bei fünf bis zehn Prozent der Betroffenen eine Rolle. Vogelstein leugnet nicht die Existenz von Risikofaktoren, doch insgesamt gilt die Schätzung: Nur vier von zehn Tumoren wären durch einen gesünderen Lebenswandel vermeidbar gewesen. Die Entstehung der anderen sei demnach dem Zufall zu verdanken.

Andreas Trumpp, Direktor des Stammzell-instituts HI-STEM am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, erklärte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die Ergebnisse der Vogelstein-Studie passten „gut zu dem, was wir in jüngster Zeit gelernt haben: dass gerade die Stammzellen eine entscheidende Rolle bei der Tumorentstehung spielen.“ Fast sechstausendmal, so kalkulieren Vogelstein und Tomasetti, teilt sich eine Dickdarmstammzelle im Laufe ihres Lebens, rund dreihundertmal das Pendant in der Brust, nur sechsmal das in der Lunge. Und bei jeder Teilung produziert die unzuverlässige zelluläre Kopiermaschine durchschnittlich drei neue Mutationen. Je älter die Zelle wird, desto mehr Fehler schleichen sich ins Erbgut ein.

Zufall? Viele Wissenschaftler, deren Forschungen auf dem Prinzip von Ursache und Wirkung beruhen, wollen dies nicht hinnehmen. Zumal die Auswertung von Krebsregisterdaten Zusammenhänge ergibt, die dem widersprechen: Weltweit werden Krebserkrankungen allgemein in den wirtschaftlich stärkeren Regionen häufiger diagnostiziert. Dies könne nicht nur durch eine höhere Lebenserwartung erklärt werden, sondern hänge „vermutlich“ auch mit Lebensstilfaktoren zusammen, so das Robert-Koch-Institut in seinem jüngsten „Bericht zum Krebsgeschehen in Deutschland“. Dazu kämen unterschiedlich hohe Entdeckungsraten für bösartige Tumoren.  

Danach hat sich die Zahl der Neuerkrankungen an Krebs seit Anfang der 1970er Jahre in Deutschland fast verdoppelt. „Eine wesentliche, aber nicht die einzige Ursache“ sei die demografische Alterung der Bevölkerung in diesem Zeitraum. Etwa jeder Zweite erkrankt im Laufe seines Lebens einmal an Krebs, jeder Vierte stirbt daran. Die Überlebenschancen nach einer Krebsdiagnose steigen in Deutschland und gehören zu den höchsten in Europa. Die Zahlen der mit einer Krebserkrankung lebenden Menschen und der Langzeitüberlebenden nach Krebs sind im Vergleich zu den Neuerkrankungen noch stärker angestiegen. Insgesamt leben in Deutschland vermutlich etwa vier Millionen Menschen, die schon einmal in ihrem Leben an Krebs erkrankt sind.

Der Krebsinformationsdienst verweist darauf, dass man gerade gegen einige der häufigeren Krebsarten etwas tun könne: „Das Risiko sinkt, wenn man die heute bekannten Auslöser vermeidet und darauf achtet, was im Alltag guttut.“ Zu den vorbeugenden Maßnahmen zählt danach das Nichtrauchen, ein gesundes Körpergewicht, regelmäßige Bewegung im Alltag und eine gesunde Ernährung: „Essen Sie häufig Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Obst und Gemüse. Schränken Sie Ihre Ernährung mit kalorienreichen Lebensmitteln ein (hoher Fett- oder Zuckergehalt) und vermeiden Sie zuckerhaltige Getränke. Vermeiden Sie industriell verarbeitetes Fleisch, essen Sie weniger rotes Fleisch und salzreiche Lebensmittel.“

Weniger Alkoholkonsum, wenig Sonnenstrahlung, insbesondere bei Kindern. Und der Hinweis auf Radon: „Finden Sie heraus, ob Sie in Ihrem Zuhause einer erhöhten Strahlenbelastung durch natürliches Radon ausgesetzt sind.“ Radon, ein natürliches, radioaktives Gas, gilt nach dem Rauchen als zweithäufigste Ursache für Lungenkrebs.

Radon kommt im Boden vor und wird zum Beispiel bei Baumaßnahmen freigesetzt. Das Bundesamt für Strahlenschutz gibt eine Landkarte mit der Radonkonzentration heraus.

Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), die zur Weltgesundheitsorganisaton gehört, verweist darauf, dass verschiedene Krebsarten in den verschiedenen Teilen der Welt sehr unterschiedlich häufig vorkommen. Speiseröhrenkrebs zum Beispiel ist in Ostafrika ein häufiges Problem und kommt in Westafrika praktisch nicht vor, die Brustkrebsrate ist in Nordeuropa viermal so hoch wie in Ostasien. Offenbar gibt es regional spezifische Risikofaktoren, etwa eine stärkere Sonneneinstrahlung oder eine Ernährung mit weniger Ballaststoffen, die das Darmkrebsrisiko steigen lässt. Vor kurzem veröffentlichte das Forscherteam Bert Vogelstein und Tomasetti eine neue Studie, die Daten in 69 Staaten ausgewertet hat, in denen zwei Drittel der Weltbevölkerung leben. Darin enthalten sind auch Daten zu Brust- und Prostatakrebs, die in der ersten Analyse noch gefehlt hatten. Wieder dasselbe Phänomen: Die Höhe der Krebs- und die Teilungsrate korrelieren zu rund achtzig Prozent.

Es ist ähnlich wie bei den Allergien: Das Pros-tatakarzinom kommt in den Vereinigten Staaten bis zu 25 Mal häufiger vor als in Japan, und das Erkrankungsrisiko japanischer Männer, die nach Nordamerika umziehen, gleicht sich schon nach kurzer Zeit fast an. Das deutet stark auf Umwelteinflüsse hin, deren Wirkmechanismen aber noch nicht bekannt sind. Dies zeigt: Die Krebsforschung ist immer noch am Anfang.

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