»Jeder Mensch will leben«

Juni 2017 | Die Zeit | Leben mit Krebs

»Jeder Mensch will leben«

Aufgrund der höheren Lebenserwartung leiden immer mehr Menschen mit schweren geistigen Behinderungen an Krebs. Nur fallen sie durchs Raster der Regelversorgung.

Dr. med. Jörg Stockmann, Internist u. leitender Arzt im Zentrum für Behindertenmedizin im Krankenhaus Mara / Prof. Dr. med. Florian Weißinger, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin, Hämatologie/Onkologie u. Palliativmedizin am EvKB
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Herr Dr. Stockmann, was kann Ihr Zentrum für Behindertenmedizin leisten, was die Regelversorgung nicht kann?
Wir haben uns hier im Zentrum vor allem auf die Versorgung von Menschen mit geistigen Behinderungen spezialisiert, bei denen die Kommunikation oftmals stark eingeschränkt oder gar nicht möglich ist. Diesen Menschen können Sie weder erklären, warum Sie gerade Blut abnehmen oder eine Infusion legen, noch können sie Ihnen ihre Beschwerden und Symptome schildern. Man braucht mehr Zeit und viel Ruhe im Umgang mit diesen Patienten, aber auch eine konzeptuelle Herangehensweise und das ist im ‚normalen’ Krankenhausalltag meist nicht möglich – auch weil die Erfahrung mit diesen Patienten fehlt.
 

Hat das Auswirkungen auf ihre Versorgung?
Eine Auswertung von Todesfällen in Großbritannien hat gezeigt, dass die Anzahl vorzeitiger, vermeidbarer Todesfälle bei Patienten mit Behinderung doppelt so hoch ist wie bei regulären Patienten. Und auch zu uns kommen tatsächlich Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet – gerade, wenn es um schwerwiegende Erkrankungen wie Krebs geht –, weil es zu wenig Alternativen für ihre Behandlung gibt.
 

Herr Prof. Weißinger, wie behandeln Sie Menschen mit Behinderung in Ihrem Tumorzentrum?
Wir arbeiten hierfür sehr eng mit den Kollegen des Zentrums für Behindertenmedizin zusammen und entscheiden sehr individuell für jeden Fall, wie und wo die Therapie stattfindet. Je nachdem ob die Behinderung oder die Tumorerkrankung im Vordergrund steht, liegt der Patient auf unserer Station und die Kollegen unterstützen uns in der Therapie oder umgekehrt. Benötigt der Patient eine komplexe Tumortherapie, ist eine Behandlung in der Hämatologie/Onkologie unbedingt erforderlich.
 

Das heißt, beide Disziplinen arbeiten sehr eng zusammen?
Genau. Schon auf den Tumorkonferenzen besprechen wir die Fälle gemeinsam und lassen beide Expertisen in den Therapieplan einfließen. Der Aufwand hierfür ist recht groß, aber unbedingt nötig, um den Patienten auch wirklich gerecht zu werden. Denn auch neue Forschungserkenntnisse und Krebstherapien sorgen nicht dafür, dass der Behandlungsaufwand bei Patienten mit schweren geistigen Behinderungen einfacher wird. Denn letztendlich sind wir bei Nebenwirkungen, Symptomen und anderen Veränderungen sehr häufig auf die fremde Einschätzung der Familie oder der Pflege angewiesen und bekommen oft von den Patienten selbst kein klares Bild.  
 

Herr Dr. Stockmann, woher weiß man, dass sich die Patienten überhaupt dem teils schweren Kampf gegen den Krebs stellen wollen?
Aus unserer Sicht gilt hier, was für alle gilt: Jeder Mensch will leben. Deshalb sehen wir es als selbstverständlichen Auftrag, auch bei schweren Behinderungen komplexe Tumorbehandlungen zu ermöglichen, wenn sie indiziert sind. Bei schwierigen Entscheidungen, hat sich unser Ethikkonsil, das wir hier in Bethel als Besonderheit haben, als sinnvolle Instanz für einen Konsens zwischen allen Beteiligten erwiesen.


www.evkb.de
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