Früherkennung und Vorsorge kann Leben retten

Die Zahl der Krebserkrankungen steigt, doch gleichzeitig auch die Lebenserwartung vieler Betroffener. Bessere Früherkennungsmöglichkeiten und Therapien helfen, schwere Verläufe und Todesfälle zu vermeiden. Die beste Vorsorge ist eine Umstellung der individuellen Lebensführung.

Illustration: Olga Aleksandrova
Illustration: Olga Aleksandrova
Andrea Hessler Redaktion

Hollywoodstar Michael Douglas scheut keine offenen Worte. Auch über seine Krebserkrankung redete er öffentlich. Trotz heftiger Beschwerden sei er lange irrtümlich gegen einen Halsinfekt behandelt worden. Als schließlich der Tumor entdeckt wurde, hatte Douglas die Vermutung, dass humane Papillomviren (HPV) den Krebs ausgelöst haben könnten. Diese Viren werden meist beim Sex übertragen. Eine wahrscheinliche Hypothese, denn Douglas hatte sich in seiner Sturm- und Drang-Zeit damit gebrüstet, dass er „schon zum Frühstück drei Frauen vernaschen“ würde.

Heute weiß man, dass eine HPV-Infektion auch Tumore an Gebärmutterhals, After und Penis auslösen kann. Wirksame Vorbeugung ist eine Impfung von Kindern und Jugendlichen gegen HPV, die nahezu vollständig gegen eine Ansteckung schützt und damit auch das Krebsrisiko senkt. Doch nicht nur HPV stellen ein Risiko dar. Die Deutsche Krebsgesellschaft berichtet, dass in den Industrienationen etwa acht Prozent der Krebserkrankungen auf Infektionen mit Viren oder Bakterien zurückgehen. So kann eine chronische Infektion mit Hepatitis-B-Viren Leberkrebs verursachen. Die Hepatitis-B-Impfung schützt sicher vor diesem Virus und kann auch Leberkrebs vorbeugen.

Impfen gegen Krebs
Seit Jahrzehnten setzen Mediziner große Hoffnungen in Impfstoffe gegen Krebs. Auch die mRNA-Impfstoffe gegen Covid-19 wurden ursprünglich zur Krebsbekämpfung entwickelt. „Unsere Vision ist es, die Stärke der körpereigenen Abwehrmechanismen gegen Krebs und Infektionskrankheiten zu nutzen“, sagt Dr. Özlem Türeci, Mitgründerin und Chief Medical Officer beim Unternehmen BioNTech, das einen dieser Impfstoffe entwickelt hat. Es gebe bereits ermutigende Ergebnisse. Doch bis zu einem breiten Einsatz ist es noch ein weiter Weg. Zudem werden die meisten Tumorerkrankungen nicht von Viren ausgelöst, sondern es kommen, wie bei Michael Douglas, verschiedene Ursachen in Betracht. Ob eine genetische Disposition (rund fünf Prozent der Krebserkrankungen werden durch genetische Veränderungen verursacht und vererbt), Sexualpraktiken oder Missbrauch von Genussgiften entscheidende Auslöser sind, lässt sich oft nur schwer feststellen. Unbestritten ist, dass Tabak und Alkohol (mit-)ursächlich sein können. Douglas hat, wie Filmstar Humphrey Bogart, der schon mit 57 Jahren an Speiseröhrenkrebs starb, lange Zeit stark geraucht und getrunken. Die meisten Tumoren werden im fortgeschrittenen Alter entdeckt – Douglas war 66. Mehr als die Hälfte aller Krebspatient:innen in Deutschland erkrankt im Alter von 60 bis 79 Jahren, rund 21 Prozent sind zwischen 40 und 59.

Mehr Prävention nötig
Gleichzeitig steigen die Krebszahlen, etwa von Darmkrebs, bei jüngeren Menschen, die auf den ersten Blick keine erkennbaren Risikofaktoren wie eine genetische Disposition oder Genussmittelmissbrauch haben. Daher will die Arbeitsgemeinschaft (AG) Prävention der Nationalen Dekade gegen Krebs exemplarisch anhand von Darmkrebs Ursachen in den Blick nehmen und Strategien für die Gesunderhaltung und Vorbeugung (Primärprävention) der jüngeren und künftigen Generationen entwickeln. Außerdem, so die Forscher, müssen geeignete Maßnahmen für die Früherkennung beziehungsweise Verhinderung des Fortschreitens der Krebserkrankung (Sekundärprävention) und zur Verhinderung des Fortschreitens oder des Eintritts von Komplikationen bei einer bereits manifesten Erkrankung (Tertiärprävention) erprobt und ausgewertet werden. Wichtig sei dabei die internationale Vernetzung mit Forschungsinstitutionen und Patientenvertretern. Weiter fordert die AG, dass die Früherkennung bei Menschen mit erhöhtem Risiko, zum Beispiel bei erblicher Belastung oder Rauchern, verbessert wird.

Es bleibt die Herausforderung, dass Vorsorge in erster Linie eine Aufgabe der individuellen Lebensführung ist. Die Wissenschaftler der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) veröffentlichten die Ergebnisse verschiedener Studien, die nahelegen, dass stark verarbeitete Lebensmittel und Getränke ein Risiko für verschiedene Krebsarten darstellen wie das Plattenepithelkarzinom der Speiseröhre, Dickdarmkrebs, Enddarmkrebs, Leberzellkarzinom und Brustkrebs nach der Menopause. IARC-Wissenschaftlerin und Hauptautorin der Studie Dr. Nathalie Kliemann ist sicher, dass das Krebsrisiko sinkt, wenn nährstoffarme Lebensmittel wie Convenience-Mahlzeiten und Fastfood durch naturbelassene Produkte ersetzt werden.

Hauptrisiko Rauchen und Alkohol
Neben der Ernährung erhöhen vor allem Rauchen und Alkohol das Krebsrisiko. Häufigste krebsbedingte Todesursache in Deutschland war im Jahr 2021 der Lungen- und Bronchialkrebs mit 44.600 Todesfällen, die meisten davon Raucherinnen und Raucher. Echte Vorsorge heißt dabei schlicht und ergreifend Verzicht. Eine Früherkennung ist schwierig, da sich Lungenkrebs oft ausbreitet, ohne größere Beschwerden zu verursachen. Doch während für Brust-, Prostata- und Darmkrebs von Krankenkassen finanzierte Früherkennungsmaßnahmen wie Mammographie, Tastuntersuchung und Darmspiegelung eine rechtzeitige Diagnose und Behandlung ermöglichen können, gibt es in Deutschland ausgerechnet für die häufigste Krebsart noch keine geregelte Früherkennung. Helfen könnte vor allem eine strahlungsarme Computertomografie. Experten prüfen gerade, unter welchen Voraussetzungen sie eingeführt werden könnte. Studien haben gezeigt, dass sich die Sterblichkeit durch Lungenkrebs-Früherkennung mittels Niedrigdosis-CT senken lässt.

Rauchen ist nicht nur die Hauptursache für Lungenkrebs, sondern erhöht auch das Risiko für die weltweit häufigste Krebsart Brustkrebs. Etwa 685.000 Frauen starben 2020 an der Krankheit. Ein Vorteil der hohen Fallzahl: Es wird viel geforscht und zahlreiche Initiativen wie Pink Ribbon machen mit prominenter Hilfe, zum Beispiel der Moderatorinnen Sylvie Meis und Frauke Ludowig, auf das Problem aufmerksam. Gerade im Brustkrebsmonat Oktober 2023 engagieren sich zudem Unternehmen wie der Versender bonprix, der Kosmetikspezialist RevitaLash und die Wäschefirma Lilysilk mit Aktionen und Spenden für Betroffene und Initiativen wie mamazone – Frauen und Forschung gegen Brustkrebs e.V.. Inzwischen haben die meisten Brustkrebspatientinnen eine gute Prognose für Heilung und langfristiges Überleben, wenn der Krebs in einem frühen Stadium erkannt und richtig behandelt wird. Das gilt nicht nur für Brustkrebs, sondern für viele weitere Krebsarten. Allein in Deutschland leben laut der Deutschen Krebsgesellschaft rund vier Millionen Menschen, die eine Krebserkrankung erfolgreich überstanden haben.

Auch Michael Douglas hat bislang seine Erkrankung überlebt. Er kommentierte seinen Kampf so: „Der Krebs hat mich nicht in die Knie gezwungen, sondern er hat mich wieder auf die Beine gebracht.“ 

FRÜHERKENNUNGSPROGRAMME
In Deutschland gibt es ein gesetzliches Krebsfrüherkennungsprogramm.
Diese Untersuchungen werden teilweise auch als
„Krebsvorsorge“ bezeichnet. Die Teilnahme ist freiwillig. Folgende
Leistungen werden für verschiedene Altersgruppen von den
gesetzlichen Krankenkassen übernommen:
Ab 20: Untersuchung der äußeren und inneren Geschlechtsorgane
20-34: Abstrich vom Gebärmutterhals, HPV-Test
Ab 30: Abtasten von Brüsten und Achselhöhlen
Ab 35: alle 2 Jahre Hautkrebs-Screening
Ab 45: jährlich Abtasten der Prostata
Ab 50: jährlich Test auf okkultes Blut im Stuhl
Ab 50 m / 55 w: alle 10 Jahre Darmspiegelung
50 – 69: alle 2 Jahre Mammographie-Screening

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