Wann verliert Krebs seinen Schrecken?

Bei jedem zweiten Menschen in Deutschland wird im Laufe seines Lebens Krebs festgestellt. Dabei werden die Prognosen bei vielen Krebsarten immer günstiger. Das liegt zum einen an den erfolgreichen Programmen zur Krebsfrüherkennung, zum anderen an neuen, immer wirksameren Therapien.

Illustration: Josephine Warfelmann
Illustration: Josephine Warfelmann
Dr. Ulrike Schupp Beitrag

Von einem Tag auf den anderen stand meine Welt still und drehte sich gleichzeitig in einem rasenden Tempo. Außer der jährlichen Krebsvorsorgeuntersuchung hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt keinen Gedanken an den Krebs verschwendet“, sagt Annette Holl, Mutter von drei Kindern, Lehrerin und Autorin – und mitten im Leben stehend. Wenn Betroffene so wie Holl auf den Seiten von Pink Ribbon, bei der Deutschen Krebshilfe oder auch der Krebsliga über den Augenblick ihrer Diagnose sprechen, dann wird schnell klar: Kaum eine Erkrankung löst so viele Ängste aus wie diese.

Das Risiko, zu erkranken, ist hoch. Jeder zweite Mensch in Deutschland muss im Laufe seines Lebens eine Krebsdiagnose verkraften, so der „Bericht zum Krebsgeschehen in Deutschland“ des Robert Koch Instituts. Allerdings werden die Prognosen durch neue Therapien bei vielen Krebsarten immer günstiger. Viele der Erkrankungen werden aufgrund der staatlichen Vorsorgeprogramme früh erkannt und sind in diesem Stadium oftmals gut behandelbar. Aber auch die Therapien werden immer besser. Vor allem die Immunonkologie und die Molekularbiologie tragen dazu bei, dass Krebs für immer mehr Betroffene zu einer Krankheit wird, mit der sie weiterleben können, bei zugleich hoher Lebensqualität.

Immuntherapien haben sich seit ihren Anfängen in den 1990er-Jahren neben Chemotherapie, Strahlentherapie und operativen Verfahren einen festen Platz in der Krebsbehandlung erobert. Erfolge gibt es vor allem bei schwarzem Hautkrebs, Nierenkrebs und nicht-kleinzelligem Lungenkarzinom. Mit unterschiedlichen Methoden versuchen sie, die körpereigene Abwehr dazu zu bringen, Krebszellen zu bekämpfen. Denn im Prinzip kann das Immunsystem Zellen, die sich von gesunden Körperzellen unterscheiden, erkennen und entsprechend reagieren. Tumorzellen sind jedoch oft perfekt getarnt, verändern sich ständig und haben häufig sogar die Fähigkeit, die Immunreaktionen zu blockieren. Immuntherapien versuchen, die Überlebensmechanismen der Tumorzellen außer Kraft zu setzen und die körpereigene Abwehr für bestimmte Oberflächenmerkmale der Krebszellen zu sensibilisieren.

So funktioniert die Immuntherapie

Spezielle Medikamente, sogenannte „Immun-Checkpoint-Inhibitoren“, können als Antikörper die Blockierung der Immunzellen lösen, die durch die Krebszellen oft hervorgerufen wird. Sie lockern damit eine Bremse, die im gesunden Körper überschießende Reaktionen des Immunsystems verhindern soll. Der Deutschen Krebsforschungsgesellschaft zufolge gibt es unter anderem für Lungenkrebs, Blasenkrebs, Nierenzellkrebs, Darmkrebs, Magenkrebs, Speiseröhrenkrebs und das Hodgkin-Lymphom bereits zugelassene Checkpoint-Inhibitoren. Weitere Wirkstoffe werden erforscht und sollen nach und nach auf den Markt kommen.

Auf der Seite der Deutschen Krebshilfe erzählt eine Patientin namens Susanne ihre Geschichte und macht Krebspatienten und -patientinnen Mut. Nach ihrer Darmkrebsdiagnose und mehreren Chemotherapien gaben Ärzte der 28-Jährigen kaum noch eine Chance. Der Krebs sei zu aggressiv und zu nah an anderen Organen, um operieren zu können. Nach zwei Jahren Immuntherapie gibt es gute Nachrichten. „Meine Metastasen waren geschrumpft und auch die Tumormarker waren geringer als vor der Therapie“, berichtet Susanne. Sie reist nach Indonesien, wandert den Jakobsweg. Ihre Tumormarker bleiben im einstelligen Bereich.

Dass Immuntherapien gut wirken, bestätigt die aktuelle Studie eines italienischen Forschungsteams, in der die Forscher:innen Daten aus Studien zu über 18.000 Patienten und Patientinnen analysieren. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass Betroffene, die eine Immuntherapie erhielten, ihre Lebensqualität als wesentlich besser einschätzten als Erkrankte mit anderen Krebstherapien. Immun-Checkpoint-Hemmer haben verhältnismäßig milde Nebenwirkungen. Reagiert das Immunsystem jedoch aufgrund der medikamentös gelockerten Bremse überschießend, müssen Patienten die Therapie manchmal abbrechen. Die Betroffenen leiden unter Fieber, Ausschlägen oder Entzündungen des Darms und der Nieren.

Hoffnung liegt auf denn neuen Impfstoffen

Zu den Immuntherapien zählen auch Impfungen mit Messenger Ribonucleic Acid (mRNA)-Impfstoffen, die in wenigen Jahren vielleicht schon eingesetzt werden können. Bekannt geworden sind die mRNA-Impfstoffe durch Corona, als Wirkstoff gegen SARS-Cov-19. Längst forschen das Mainzer Unternehmen Biontech (siehe auch Seite 3/Aktuelles) sowie die Konkurrenz von Moderna und Curevac an solchen Impfstoffen gegen Krebs. Geprüft wird die Wirksamkeit gerade in ersten Studien zur Therapie von Hautkrebs.

Die Hoffnung auf Behandlungserfolge in der Zukunft ist groß. Typisch für Krebszellen sind Antigene, bestimmte Proteine, die an ihrer Oberfläche gehäuft auftreten. Durch die Impfung wird das Immunsystem mit diesen Proteinen konfrontiert. Für das Vakzin werden die Krebszellen zunächst ganz genau untersucht. Es gilt, die Erbinformationen zu finden, die den Bauplan für die Eiweiße an ihre Oberfläche liefern. Diese Gene werden in Boten-RNA verpackt, über den Impfstoff verabreicht und dann vom Körper nachgebaut. Das Immunsystem lernt also über einen Umweg, die Eiweiße an der Oberfläche der Tumorzellen wahrzunehmen, um sie dann zu bekämpfen. Schon jetzt zeichnet sich ab: Impfungen schonen das Körpergewebe und haben deutlich weniger Nebenwirkungen als Strahlen- oder Chemotherapie.

CAR-T-Zell-Therapien

Seit 2017 sind CAR-T-Zell-Therapien als Medikation zugelassen. Sie eliminieren Zellen mit einer bestimmten Oberflächenstruktur. Leider können auch hier die Nebenwirkungen heftig sein, da die CAR-T-Zellen ständig aktiv sind und manchmal eine ganze Reihe unerwünschter Off-Tumor-Effekte erzeugen. Für die Therapie werden zunächst Immunzellen, sogenannte T-Zellen, aus dem Körper der Patienten entnommen und im Labor gentechnisch zu CAR-T-Zellen umgebaut. Das heißt, ihre Oberfläche wird mit einem chimärischen, also im Labor zusammengebauten, Antigenrezeptor (CAR) versehen, durch den sie Tumorzellen anhand ihrer spezifischen Oberfläche erkennen können. Die CAR-T-Zellen werden dann vermehrt und dem Patienten oder der Patientin nach einer vorbereitenden Chemotherapie über eine Infusion verabreicht. In der Praxis zeigten sich vor allem bei fortgeschrittenen Lymphomen und bei Blutkrebs Erfolge.

Illustration: Josephine Warfelmann
Illustration: Josephine Warfelmann
Illustration: Josephine Warfelmann
Illustration: Josephine Warfelmann

Zielgerichtete Therapien

Auch molekularbiologische, zielgerichtete Therapien sind immer häufiger eine Option. Spezielle Medikamente wirken hier gezielt gegen die Eiweiße und Gene, die dafür sorgen, dass die Krebszellen überleben und sich vermehren. Dabei rückt neben dem Tumor auch seine Umgebung ins Blickfeld, die das Tumorwachstum fördern oder hemmen kann. Zum Beispiel lassen sich mit Hilfe zielgerichteter Therapien Signale blockieren, die sonst bewirken, dass sich die Krebszellen weiter teilen. Die Therapien können die Lebensdauer von Tumorzellen verkürzen oder sie zerstören. Methodisch kommen dabei häufig entweder Antikörper oder sogenannte Small Molecules zum Einsatz.

Die Art der Krebserkrankung und die individuellen Merkmale der Tumorzellen eines Patienten oder einer Patientin entscheiden darüber, welche Behandlungsform passen könnte. Und leider haben auch zielgerichtete Behandlungsformen Nebenwirkungen. So können sie unter anderem das Herz, die Schilddrüse oder den Magen-Darm-Trakt schädigen.

Antikörper oder Immunglobuline sind Eiweißmoleküle, die Oberflächenstrukturen erkennen können, die typisch für Krebszellen sind. Grundsätzlich sind Antikörper auch Teil jedes Immunsystems. Für die Krebsbehandlung werden sie jedoch künstlich hergestellt, um an eine individuelle molekulare Zielstruktur anzudocken. Wenn sie sich an Krebszellen binden, führt dies entweder direkt zu deren Absterben oder bewirkt, dass das körpereigene Abwehrsystem die Tumorzellen nun als „fremd“ erkennt und bekämpft. Die Verabreichung der Antikörper erfolgt über Infusionen oder als Spritze unter die Haut.

Zu den Medikamenten, die als Small Molecules bezeichnet werden, gehören zum Beispiel Tyrosinkinase-Hemmer, die in die Zellen eindringen, die über Signale das Wachstum und die Vermehrung der Tumorzellen steuern. Angiogenese-Inhibitoren verhindern dagegen, dass sich im umgebenden Gewebe Blutgefäße bilden, die den Tumor mit Sauerstoff und mit Nährstoffen versorgen. „Kurz nach Beginn der Therapie konnte ich die Lymphknotenmetastase kaum mehr fühlen“, sagt Evelyn, eine der Patientinnen, die im Blog der Deutschen Krebshilfe ihre Erfahrungen teilt. Zur zielgerichteten Behandlung von Hautkrebs erhielt sie Proteinkinasehemmer in Tablettenform. Sie habe kaum unter Nebenwirkungen gelitten, und die Metastasen seien nach einem Jahr um 80 Prozent zurückgegangen. Leider erlebt die Patientin einen Rückfall. Der Tumor wird daraufhin mit einer Antikörpertherapie behandelt, die starke Nebenwirkungen verursacht. „Der Krebs wird ein Leben lang mein Begleiter sein“, sagt Evelyn. Sie betont, wie wichtig es ist, sich schon zu Beginn der Erkrankung psychoonkologische Unterstützung zu suchen.

Als „Game Changer“ in der Krebsbehandlung der Zukunft könnte sich eine weitere Entdeckung aus der Molekularbiologie erweisen. Proteine sogenannter „MYC-Gene“, die das Wachstum von Tumorzellen fördern und gleichzeitig das Immunsystem täuschen, spielen bei vielen Krebserkrankungen eine wichtige Rolle. Ein Forschungsteam vom Institut für Biochemie und Molekularbiologie der Julius-Maximilians-Universität Würzburg fand kürzlich heraus, dass sich Tausende dieser Proteine zu Hohlkugeln aneinander lagern können, um die empfindlichen Stellen des Erbguts der Krebszellen zu schützen. Zerstört man die Kugeln, sterben auch die Krebszellen. Eine der entscheidenden Fragen ist nun, ob man Medikamente entwickeln kann, die die Bildung der Hohlkugeln gezielt verhindern.

Was leistet die Psychoonkologie?

Jede oder jeder Dritte benötigt psychoonkologische Unterstützung, um die Krebserkrankung zu bewältigen. Die Deutsche Krebshilfe hat ein Programm zur Förderung von psychosozialen Krebsberatungsstellen eingerichtet, um die psychoonkologische/psychosoziale Versorgung im ambulanten Bereich zu verbessern. Seit 2021 übernehmen die Krankenversicherungen 80 Prozent der in der ambulanten psychosozialen Krebsberatung entstehenden Kosten. Adressen gibt es auf der Seite des Krebsinformationsdienstes des Deutschen Krebsforschungszentrums: www.krebsinformationsdienst.de

Infos für Krebspatientinnen und Patienten
Deutsches Krebsforschungszentrum in der Helmholtz-Gemeinschaft Krebsinformationsdienst: www.krebsinformationsdienst.de Onko Internetportal,
Deutsche Krebsgesellschaft e.V.: www.krebsgesellschaft.de
Deutsche Krebshilfe: www.krebshilfe.de
Pink Ribbon Deutschland: www.pinkribbon-deutschland.de

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