Krank durch Stress

November 2020 | stern | Herz & Diabetes

Krank durch Stress

Mehrere hundert Millionen Menschen weltweit leiden unter der erworbenen Zucker- krankheit Diabetes Typ 2. Wissenschaftler erforschen die Wechselwirkungen zwischen der Fehlfunktion des Stoffwechsels und psychischen Faktoren.

Illustrationen: Maria Corbi
Andrea Hessler / Redaktion

Nennen wir ihn Heinz. Heinz ist 55 Jahre alt, durchschnittlich groß und hat leichtes Übergewicht, Tendenz steigend. Kürzlich hat sein Hausarzt bei einer Blutuntersuchung festgestellt, dass Heinz Diabetes des Typs zwei, die erworbene Zuckerkrankheit, hat. Heinz ist geschockt.


Früher war er topfit. Als Student und Berufsanfänger hat Heinz Tennis gespielt und am Wochenende Fußball mit seinen Kumpels. Um attraktiv zu bleiben, hat er regelmäßig im Fitnessstudio trainiert. Das Abendessen hat er sich oft verkniffen, morgens im Spiegel sein Sixpack bewundert. Jetzt ist Heinz verheiratet, die Kinder sind aus dem Haus, er selbst ist im Mittelmanagement steckengeblieben. Tagsüber jagt ein Termin den nächsten. Sein Chef macht Druck und seine jungen, fitten Mitarbeiter lassen ihn spüren, dass seine besten Tage vorüber sind. Nachmittags plagen ihn oft Heißhungerattacken. Dann kauft er Schokoriegel aus der Snackbox.


Trotz des Dauerstresses macht Heinz regelmäßig Überstunden, um mitzuhalten. Seine Frau meckert, wenn er spät nach Hause kommt. Sie hat um diese Zeit meist schon gegessen und Heinz hat ein schlechtes Gewissen. Er setzt sich aufs Sofa, schaut fern und bestellt sich eine Pizza. Dann fühlt er sich kurz besser. Doch bald holen ihn Schuldgefühle ein. Zu allem Überfluss schmerzen auch noch die Kniegelenke – eine beginnende Arthrose. Heinz hat jetzt gar keine Lust mehr auf Sport, er will nur noch seine Ruhe. Beim nächsten Besuch stellt sein Hausarzt eine leichte Depression fest.


Wie Heinz geht es Millionen Menschen weltweit. Manche schickt der Hausarzt dann in eine psychosomatische Klinik. „Stress wird unter anderem auf nicht hilfreiche Weise durch falsches Essen kompensiert, eine gesündere Ernährung beziehungsweise einen gesünderen Lebensstil anzutrainieren und damit eine nachhaltige Gewichtsabnahme zu erreichen, ist ohne fremde Hilfe oft nicht mehr möglich“, so Dr. med. Franziska van Hall, ärztliche Direktorin der Stillachhaus Privatklinik, Fachklinik für Psychosomatik.  


Extreme Belastungen haben verschiedene neurobiologische und immunologische Folgen, die das Risiko für Diabetes erhöhen. So wird etwa vermehrt das Stresshormon Kortisol ausgeschüttet und macht Menschen kurzfristig leistungsfähiger. Dauert der Stress lange an, kann der Körper den Zuckerhaushalt nicht mehr selbst regulieren, es droht Diabetes Typ 2.


Auch verschiedene entzündungsfördernde Enzyme werden ausgeschüttet, von denen ebenfalls vermutet wird, dass sie die Diabetes-Entstehung fördern.


Das weiß Heinz vielleicht nicht im Detail, doch er weiß wohl, dass sein Lebensstil der Gesundheit schaden kann. Trotzdem pflegen ihn Heinz und Millionen weitere Menschen. Die Ursachen hierfür liegen oft tief in der Psyche. Diese können zum Beispiel Mobbing, Scham oder Schuldgefühle sein. Sogar Traumata aus der Kindheit, das haben Wissenschaftler inzwischen herausgefunden, erhöhen das Risiko, an Diabetes Typ 2 zu erkranken.


„Da helfen meist weder ein Crashkurs zum Thema Ernährung noch eine Diät“, so Dr. van Hall. „Helfen kann jedoch unter anderem eine kognitive Verhaltenstherapie oder eine tiefenpsychologische Therapie. Wichtig ist, dass Mediziner, Therapeuten und Ernährungsberater interdisziplinär arbeiten.“ Hilfreich sei ein Bewegungsplan, bei dessen Umsetzung zum Beispiel ein Personal Coach helfe.


Doch das ist schwierig. Der Teufelskreis aus zu vielen Kohlenhydraten, Übergewicht, zu wenig Bewegung und Zuckerkrankheit erfasst immer mehr Menschen. So liegt die Prävalenz, also der Anteil von Kranken oder Gefährdeten für ein bestimmtes Krankheitsbild, für Diabetes Typ 2 in Deutschland bei zehn und den USA bei elf Prozent. In Ländern des Mittelmeerraumes wie Italien und Griechenland, deren Küche von frischem Gemüse, Fisch und Olivenöl bestimmt ist, liegt die Prävalenz dagegen bei nur fünf Prozent.


Ein weiterer Beweis für die wichtige Rolle des Lebensstils bei Diabetes ist die Entwicklung in vielen Schwellenländern wie China und Indien. Deren wachsende Mittelschicht kauft nicht nur Autos und Computer, sondern auch vermehrt Fleisch und Milchprodukte, Süßigkeiten und kalorienreiche Fertigmahlzeiten. Mexiko und Südafrika haben heute schon eine höhere Prävalenz für Diabetes Typ 2 als die USA und Europa. Laut der International Diabetes Foundation gibt es weltweit bereits mehr als 460 Millionen Diabetes-Typ-2-Patienten. Bis 2045 könnte ihre Zahl auf rund 700 Millionen steigen.


Allerdings sind nicht ausschließlich Stress und falsche Ernährung für die starke Ausbreitung von Diabetes Typ 2 verantwortlich. „Man hat bei Versuchen mit Mäusen festgestellt, dass das Mikrobiom des Darms eine wichtige Rolle spielt“, so Dr. van Hall. „Wird das Mikrobiom einer schlanken Maus auf einen übergewichtigen Artgenossen übertragen, so nimmt dieser im Verlauf ab.“ Wie Mäuse haben auch Menschen eine individuelle Darmflora, welche laut der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) den Stoffwechsel und Hormone wie das Insulin beeinflusst.


Doch Stress ist nicht nur Mit-Auslöser von Diabetes, sondern die Zuckerkrankheit kann auch selbst ein Stressor sein. Daher kooperieren zum Beispiel das LWL-Universitätsklinikum für psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Universitätsklinikums der Ruhr-Universität Bochum und das Diabetes-Zentrum Bochum/Hattingen der Universitätsklinik St. Josef-Hospital. Dessen Chefarzt Prof. Juris Meier sagt: „Die Prognose und der Verlauf des Diabetes wird ganz entscheidend durch den Lebensstil und das Krankheitsverhalten der Betroffenen bestimmt. Sie tragen ein hohes Maß an Eigenverantwortung für sich, und dies lebenslang, was sehr belastend ist.“ Ob Diabetes als Ursache oder als Folge von Stress – in jedem Fall ist es an der Zeit, die Zuckerkrankheit mit ihren körperlichen und psychischen Wechselwirkungen ganzheitlich zu betrachten – und zu behandeln.