Volkskrankheiten besser verstehen

Die größte in Deutschland durchgeführte Gesundheitstudie widmet sich der Erforschung häufiger Erkrankungen. Neue Zusammenhänge werden sichtbar.
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Illustration: Maria Martin
Mirko Heinemann Redaktion

Die Einladung kam per Post. „Ich war erst einmal irritiert, als ich den Absender gesehen habe“, sagt Ilka Glass. Der Brief war vom Einwohnermeldeamt aufgegeben und ludt die Berlinerin zu einem Gesundheitscheck ein. „Firmiert hat das Ganze ein Verein mit einem etwas seltsamen Namen.“ Glass, die in Wirklichkeit anders heißt, wurde darüber informiert, dass sie in eine Zufallsauswahl geraten sei, als eine von sehr vielen in Deutschland. 

 

Hintergrund der insgesamt rund 200.000 Einladungen, die in den nächsten Jahren in das gesamte Bundesgebiet versandt werden, ist die so genannte NAKO-Gesundheitsstudie. Die Probanden werden eingehend untersucht, Bluttests gemacht und sie nach ihren Lebensgewohnheiten befragt, nach ihrer Psyche, körperlicher Aktivität, Rauchen, Ernährungsgewohnheiten und Beruf. Die Ergebnisse werden anonymisiert und stehen Ärzten in ganz Europa zur Verfügung. Ziel des Forschungsprojektes ist es, die Entstehung von Volkskrankheiten wie Diabetes, Demenz, Herzinfarkt, Infektionskrankheiten, Krebs und anderen besser zu verstehen. Warum wird der eine krank, der andere aber bleibt gesund? Welche Faktoren spielen dabei eine Rolle? Ist es die Umwelt, das soziale Umfeld oder die Situation am Arbeitsplatz? Ist es die Ernährung? Sind es die Gene? Eine Mischung von allem? Auf Basis der Erhebungen sollen Vorbeugung, Früherkennung und Behandlung von häufigen Erkrankungen verbessert werden. In ihrer Form und in ihrem Umfang ist die aktuelle Gesundheitsstudie ein absolutes Novum. Die NAKO ist eine Langzeit-Bevölkerungsstudie, die über eine Dauer von 20 bis 30 Jahren durchgeführt wird. Die Abkürzung steht für einen Verein mit der etwas irritierenden Bezeichnung „Nationale Kohorte e.V.“. Er führt die Studie durch, die vom  Bundesministerium für Bildung und Forschung, der Helmholtz-Gemeinschaft und den beteiligten Ländern finanziert wird. Beteiligt ist ein ganzes Netzwerk deutscher Forschungseinrichtungen, darunter die Helmholtz-Gemeinschaft, die Universitäten und die Leibniz-Gemeinschaft. 

 

Über die Hintergründe der Enstehung und Verbreitung der so genannten Volkskrankheiten ist immer noch zu wenig bekannt. Dass viele dieser Erkrankungen zunehmen, ist dabei nicht grundsätzlich eine schlechte Nachricht: Dank verbesserter Lebensbedingungen und einer guten medizinischen Versorgung werden wir immer älter. Schätzungen zufolge wird in Deutschland im Jahr 2050 jeder Dritte 65 Jahre oder älter sein. Doch mit der wachsenden Lebenserwartung steigt auch das Risiko, an Krebs, Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu erkranken. Dies stellt die medizinische Forschung und die Gesundheitsversorgung vor neue Herausforderungen. 

 

Als „Volkskrankheiten“ werden Krankheiten bezeichnet, die signifikant überdurchschnittlich häufig auftreten und deren Erkrankungszahlen rapide zunehmen. Daher fallen sie gesundheits-ökonomisch häufig so stark ins Gewicht, dass sie im Fokus der öffentlichen Gesundheitsvorsorge und der Gesundheitspolitik stehen. Häufig werden Volkskrankheiten auch mit dem Begriff „Zivilisationskrankheiten“ bedacht, da sich ihr Auftreten im Wandel der Zeiten verändert. 

 

So wird als Ursache für die Entstehung vieler Volkskrankheiten oft eine ungesunde Lebensweise angegeben: zu fettes und unausgewogenes Essen, zu wenig Bewegung oder zu viel Stress. Bluthochdruck etwa entsteht häufig durch Bewegungsmangel, Stress und eine fettreiche Ernährung. Auch leiden immer mehr junge Menschen unter Bluthochdruck, der im schlimmsten Fall zu einem Schlaganfall oder Herzinfarkt führen und so tödlich enden kann. Auch von Depressionen, Burn-out oder Schlafstörungen sind immer mehr Deutsche betroffen. 

 

Die Verteilung der schlimmsten Volkskrankheiten hat sich in den letzten Jahren deutlich verschoben. Altbekannte Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes liegen nach wie vor auf den vorderen Plätzen. Nach vorne geschoben haben sich die psychischen Erkrankungen. Laut einer Studie der Barmer GEK nehmen etwa Depressionen bereits Platz Fünf der häufigsten Krankheiten in Deutschland ein. Der Blick in die Zukunft verheißt nichts Gutes: Bis zum Jahr 2030 sollen Depressionen laut Weltgesundheitsorganisation WHO die häufigste Krankheit überhaupt sein.

 

Um den Herausforderungen zu begegnen, wird die Forschung intensiviert: Zur konzertierten Bekämpfung der Volkskrankheiten wurden sechs „Deutsche Zentren der Gesundheitsforschung“ ins Leben gerufen. In den einzelnen Zentren arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Universitäten, Universitätskliniken, der Helmholtz-Gemeinschaft, der Max-Planck-Gesellschaft, der Leibniz-Gemeinschaft, der Fraunhofer-Gesellschaft und den Ressortforschungseinrichtungen fachübergreifend zusammen. Eines der Ziele: Forschungsergebnisse sollen in Zukunft schneller aus den Forschungslaboratorien in die medizinische Versorgung gelangen.

 

Die Beteiligten der NAKO-Studie arbeiten ebenfalls fachübergreifend zusammen, um neue Wege in der Bekämpfung der Volkskrankheiten zu finden. Die Zielsetzung hat auch Ilka Glass motiviert, sich Zeit für die Studie zu nehmen. Im Nachhinein ist sie sogar doppelt froh, dass sie mitgemacht hat. Denn mit der Teilnahme hat sie nicht nur der Medizin und damit der Gesellschaft einen Dienst erweisen, sondern im Rahmen der vierstündigen Untersuchung in zahlreichen Gesprächen mit den Ärzten auch viel über Zusammenhänge in ihrem Körper erfahren. 

 

Alle Testergebnisse wurden ihr zur Verfügung gestellt; zwar unkommentiert, aber sie kann die Ergebnisse mit ihrer Hausärztin besprechen. Besonders interessant fand sie den Früherkennungstest für Alzheimer, bei dem sie sich Wörter ohne Zusammenhang merken musste. „Beim ersten Versuch war ich sehr schlecht, ich hatte mir schon Sorgen gemacht. Aber beim zweiten Versuch hatte ich den Bogen raus. Ich habe die Wörter immer noch im Kopf.“ 

 

Alle fünf Jahre wird Ilka Glass nun erneut angeschrieben und zu Folgeuntersuchungen eingeladen. Auch das findet sie gut. „Es ist wie eine zweite Kontrollinstanz über meine Gesundheit. Außerdem lerne ich dabei eine Menge.“ 

Medizin
März 2022
Illustration: Sascha Düvel
Redaktion

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