Sehnsucht nach Mutter Natur

Juli 2016 | Die Zeit | Gesundheit & Volkskrankheiten

Sehnsucht nach Mutter Natur

Alternative Therapien werden immer beliebter. Bei vielen Erkrankungen wirken sie hervorragend, aber: Vorsicht vor Heilsversprechen!

Illustration: Maria Martin
Axel Novak / Redaktion

Alternative Medizin oder klassische Schulmedizin? Bei der Behandlung von Gicht sind sich beide Fachrichtungen einmal einig. Die Stoffwechselerkrankung beruht auf einem erhöhten Harnsäurespiegel im Blut. Harnsäurekristalle lagern sich in Gelenken und Geweben ab und verursachen starke Schmerzen und Schwellungen in den Gelenken. In der Regel verschreiben dann Alternativ- wie Schulmediziner gleichermaßen Colchicin. Es wird aus der Herbstzeitlose gewonnen, ist aber alles andere als harmlos: Das Naturpräparat hemmt die Entzündungsreaktion im Körper, ist dabei aber hoch giftig. Überdosierungen können schwere Nebenwirkungen zur Folge haben. 

 

Es gibt immer mehr Beispiele dieser Art, in denen alternative und klassische Schulmedizin anerkanntermaßen Hand in Hand wirken. Das zeigt sich zum einen darin, dass sich immer mehr Ärzte in Sachen „Alternative Medizin“ weiterbilden, zum anderen an der stetig wachsenden Anzahl von Flyern in den Wartezimmern, die Selbstzahlern alternative Heilmethoden anbieten. Vermutlich, weil wir in einer hoch entwickelten und komplexen Gesellschaft leben, ist die Sehnsucht nach der heilen – und heilenden – Natur groß; bei Patienten genauso wie bei Ärzten.

 

Vorsicht ist vor allzu vollmundigen Versprechungen geboten: Krebs etwa lässt sich sicherlich nicht mit alternativer Medizin heilen. Die naturmedizinische Komplementärtherapie hingegen ist bei Krebspatienten längst anerkannt – nicht als Ersatz für eine klassische Behandlung, sondern zu deren Ergänzung, um etwa Nebenwirkungen einer Chemotherapie abzumildern. Homöopathie und Diäten können genauso dazu gehören wie Kräuter und Tees. 

 

Auch Volkskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und neu rodegenerative Erkrankungen sowie Rückenleiden werden längst durch anerkannte alternative Therapien behandelt. Und sie werden von manchen Krankenkassen auch bezahlt. Grundlage dafür sind die so genannten individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL), also Untersuchungen und Behandlungen, die nicht von den gesetzlichen Krankenkassen (GKV) übernommen werden müssen, weil sie nicht als medizinisch notwendig gelten. 

 

Weil alternative Heilmethoden immer populärer werden, werden sie mittlerweile als IGeL von einigen Kassen bezahlt – wenn der Arzt über entsprechende Zusatzqualifikationen verfügt. Deshalb lohnt es sich, wenn man eine alternative Heilmethode wahrnehmen möchte, bei der Kasse nachzufragen, ob sie die Behandlung nicht übernimmt. Ein Tipp: Private Zusatzversicherungen decken solche Kosten teilweise ab – allerdings empfiehlt es sich, die Versicherungsbedingungen sehr genau durchzulesen. Zum einen ist häufig Vorkasse die Regel, zum anderen müssen die Therapeuten fest definierte Standards erfüllen.

 

»11.000 ambulante Ärzte verfügen über eine Zusatzqualifikation für Naturheilverfahren.«

 

Die gesetzlichen Kassen zahlen jedoch für eine klassische Körperakupunktur ohne elektrische Stimulation mit Nadeln, wenn der Patient unter chronischen Schmerzen der Lendenwirbelsäule oder bei Kniegelenkarthrose seit mindestens sechs Monaten leidet. Auch die Osteopathie wird zum Teil übernommen: Funktionsstörungen des Bewegungsapparates, zum Beispiel Rückenschmerzen, können teilweise recht wirksam behandelt werden – ein Grund für einige Kassen, dies zu bezahlen, allerdings häufig nur bis zu einem Jahreshöchstbetrag.

 

Auch nicht verschreibungspflichtige Medikamente, sogenannte OTC-Arzneimittel mit homöopathischer Wirkung, übernehmen manche Kassen.  Der Grund dafür, dass die Krankenkassen die Alternativmedizin immer häufiger bezahlen, ist die wachsende Beliebtheit solcher Therapeutika. Homöopathische Medikamente zum Beispiel gelten als fast nebenwirkungsfrei und liefern bisweilen erstaunliche Resultate. Mittlerweile setzen 60 Prozent der Bevölkerung Homöopathika ein, hat eine Studie des Bundesverbandes der Arzneimittelhersteller (BAH) ergeben.

 

Ein anderer Grund ist: Auch die alternative Medizin hat sich mittlerweile zu einem wichtigen und kräftig wachsenden Bereich auf dem viele Milliarden schweren Gesundheitsmarkt in Deutschland entwickelt – und kämpft entsprechend um weitere Marktanteile. Homöopathika machen inzwischen einen merklichen Anteil am Umsatz rezeptfreier Arzneimittel in Apotheken aus. Acht Prozent der Umsätze mit Arzneimitteln entfielen 2013 laut BAH auf solche Präparate. Insgesamt 482 Millionen Euro gaben die Deutschen allein für homöopathische Mittel aus. 

 

Auch die Zahl der Heilpraktiker, Osteopathen und anderer in der alternativen Medizin Tätigen ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten massiv gestiegen. Sogar die klassischen Schulmediziner haben diesen Bereich für sich entdeckt. Allein die Zahl der ambulanten Ärzte mit Zusatz-Weiterbildung Naturheilverfahren, die bei Ärztekammern registriert sind, ist rasant gestiegen: Seit 1993 hat sich ihre Anzahl auf mehr als 11.000 im vergangenen Jahr fast vervierfacht.