Erfolge der Krebsmedizin

Juli 2016 | Die Zeit | Gesundheit & Volkskrankheiten

Erfolge der Krebsmedizin

Ulrich Keilholz vom Charité Comprehensive Cancer Center über zielgerichtete molekulare Therapien und Immuntherapien als Hoffnungsträger.

Illustration: Maria Martin
Interview: Mirko Heinemann / Redaktion

Herr Keilholz, Sie kehren soeben vom ASCO-Kongress aus Chicago zurück. Welche Bedeutung hat dieser Kongress für die Krebsmedizin?

 

Der Kongress der American Society of Clinical Oncology ist der weltweit größte und sicherlich auch wichtigste Treffpunkt für die Spitzenforschung. Mehr als 35.000 Teilnehmer aus der Krebsmedizin kommen hier zusammen. Wie bedeutend der ASCO für die Krebsforschung ist, mag folgendes Beispiel verdeutlichen: Wir vom Charité Comprehensive Cancer Center vermitteln die neuesten Erkenntnisse in einer eigenen Best of ASCO-Veranstaltung, die direkt nach der ASCO in Berlin stattfindet. Hier können sich Wissenschaftler, Ärzte und Fachmedien aus erster Hand über die neuesten Ergebnisse informieren. 

 

Welches sind derzeit die zentralen Themen?

 

In diesem Jahr steht die Konferenz ganz unter dem Zeichen der Präzisionsmedizin, der gezielten Behandlung von Tumoren. Vor allem die Immuntherapie und die molekulare, maßgeschneiderte Therapie macht derzeit große Fortschritte. Mittlerweile ermöglichen zielgerichtete Medikamente gute Tumorkontrollraten, vorausgesetzt, sie werden bei Patienten mit dem passenden genetischen Mutationsprofil eingesetzt. Diese Therapieform reift immer weiter heran, und wir können in absehbarer Zeit mit vielen neuen Medikamentenzulassungen für zahlreiche Krebsarten rechnen.

 

Wird sich die Krebstherapie verändern? 

 

Sicherlich, aber schrittweise. Nach wie vor ist die wichtigste Therapieform die Resektion des Tumors, also die Operation. Die Strahlentherapie wird auch weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Was sich verändern wird, ist die Chemotherapie. Sie wird zunehmend von der zielgerichteten Molekulartherapie und der Immuntherapie ergänzt und teilweise ersetzt werden. 

 

Wie funktioniert die Immuntherapie?

 

Bei der Immuntherapie wirken neuartige Medikamente, die sogenannten Checkpoint-Inhibitoren, auf das Immunsystem ein. Dabei wird quasi die Bremse bei den körpereigenen T-Zellen gelöst, die vom Tumor an der erfolgreichen Bekämpfung der Krebszellen gehindert werden. So kann das Immunsystem des Patienten den Krebs gezielt erkennen und attackieren. Viele Jahre lang haben wir Krebsforscher geglaubt, man müsse das Immunsystem stimulieren, so dass es den Krebs bekämpft. Es gab auch immer wieder Erfolge, einzelne Patienten sprachen an. Es hat eine Zeit gedauert, bis die Medizin begriffen hat, dass es eher darum geht, die Bremsen zu lösen, die das Immunsystem blockieren und Autoimmunität zu erlauben. Dieses neue Prinzip erweist sich jetzt bei vielen Tumorarten mit hoher Mutationslast als enorm erfolgreich.

 

Wie schnell verläuft die Entwicklung? 

 

Checkpoint-Inhibitoren sind bereits beim Melanom und bei Lungenkrebs zugelassen. Die Antikörper setzen den Checkpoint außer Kraft, der das Entstehen einer Immunität verhindert. Aber dabei entstehen auch Immunreaktionen, etwa Entzündungen der Haut, des Darms oder der Lunge. Nun aber wurden neue Antikörper entwickelt. Sie erlauben, dass Immunität, die bereits da ist, sich auswirken kann. Und, das wichtigste: Diese Antikörper wirken bei einer Vielzahl von Tumorerkrankungen. Derzeit arbeitet die Medizin an Kombinationen verschiedener Checkpoint-Inhibitoren. Kombinationstherapien erzielen eine bessere Wirkung, aber zum Teil auch mehr Nebenwirkungen. 

 

Bei welcher Krebsart werden die größten Erfolge erzielt?

 

Die größten Fortschritte gibt es bei der Behandlung des schwarzen Hautkrebs, des Melanoms. Hier gab es allein im letzten Jahr zwei Zulassungen und neue Antikörper und eine neue Kombinationstherapie. Die Überlebensraten verbessern sich signifikant. Die Lebensqualität der Patienten bei den Therapien mit den Checkpoint-Inhibitoren ist relativ gut. 

 

Sie erwähnten außerdem die molekulare, maßgeschneiderte Therapie. Was steckt dahinter?

 

Bei der molekular gezielten Therapie werden Wirkstoffe eingesetzt, die Vorgänge auf Zellebene beeinflussen, die eine zentrale Rolle beim Tumorwachstum spielen. Sie sind auf biologische Eigenschaften des Tumors ausgerichtet. Man bezeichnet eine solche veränderte Eigenschaft im Vergleich zu einer gesunden Zelle auch als Biomarker. Somit ist die zielgerichtete Therapie Bestandteil einer Behandlungsform, die häufig als personalisierte Therapie bezeichnet wird. 

 

Wie muss man sich das konkret vorstellen?

 

Mutations-spezifische Inibitoren können gezielt die Gene blockieren, die durch Mutation zum ‚Treiber‘ des Tumorwachstums geworden sind und daburch das weitere Tumorwachstum unterbinden. Proteasom-Hemmer blockieren quasi die Müllentsorgung der Zelle. Damit die Zelle sich regelmäßig teilen kann, entsorgt sie überflüssige Eiweißmoleküle. Diese Aufgabe übernimmt ein Enzymkomplex, das sogenannte Proteasom. Ist die Funktion des Proteasoms gestört, kann sich die Zelle nicht mehr vermehren. Sie erstickt an ihrem eigenen Abfall. Der programmierte Zelltod, die Apoptose, wird in Gang gesetzt. PARP-Hemmer hingegen unterbinden die Reparaturmechanismen der Krebszelle.

 

Wann kann man welche Wirkstoffe einsetzen?

 

Bevor zielgerichtete Therapien eingesetzt werden, gilt es herauszufinden, welchen Patienten eine solche Behandlung nutzt. Hierfür gibt es zunehmend Tests, mit denen man die speziellen Eigenschaften der Tumorzellen und die Zielstrukturen der Wirkstoffe, die so genannten Targets, bestimmen kann.

 

Man muss die Tumore noch genauer klassifizieren?

 

Ja, wir benötigen eine klare Diagnostik der molekularen Alteration der jeweiligen Krebserkrankung, um noch gezielter einzelne Krebspatienten behandeln zu können. Beim Kopf-Hals-Karzinom sind derzeit vier molekulare Typen bekannt, beim Lungenkarzinom sind es bereits 25 unterschiedliche Typen. Bei Darmkrebs sind heute vier klinisch relevante Untergruppen unterscheidbar, neue Untergruppen kommen dazu. So kommen wir allmählich in die Lage zu verstehen, bei welchem Patienten eine molekular definierte Krebserkrankung für eine molekulare Therapie oder eine Immuntherapie sensibel ist.

 

Auf den neuen Therapien liegen große Hoffnungen...

 

Man darf nicht zu viel erwarten. Ich sehe speziell in der Immuntherapie ein breites Potenzial, in der molekular gezielten Therapie eine zielgenaue Option. Beide müssen sich ergänzen. Aber wir stehen noch am Anfang.