Die etwas andere Pandemie

Juni 2021 | Die Zeit | Gesundheit & Volkskrankheiten

Die etwas andere Pandemie

Ein Viertel aller Menschen ist übergewichtig. Und die Zahlen steigen schnell. Die Risiken für Erkrankungen an Herz und Kreislauf, Diabetes, Fettleber oder Krebs ebenfalls.

Illustration: Maria Martin
Iunia Mihu / Redaktion

Wir haben es nicht nur mit einer Viruspandemie zu tun – auch Übergewicht nimmt in der Weltbevölkerung rasant zu. Die Zahlen sind besorgniserregend: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass weltweit rund 25 Prozent aller Menschen übergewichtig oder sogar adipös, also fettleibig, sind. Erwachsene sind dabei am häufigsten betroffen. Auch in Deutschland sind immer weniger Erwachsene normalgewichtig. „Übergewicht und Adipositas sind in allen Altersgruppen weit verbreitet“, heißt es im 14. DGE-Ernährungsbericht.


Jedoch zeigen die Zahlen: Je älter, desto übergewichtiger. Zwischen 18 und 65 Jahren sind 59,4 Prozent der Männer und 37,3 Prozent der Frauen übergewichtig. Mit zunehmendem Alter steigt dieser Trend weiter an. Übergewicht und Adipositas verursachen viele Beschwerden und können die Entwicklung chronischer Krankheiten begünstigen. Neben Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Typ-2-Diabetes, stehen auch die nicht-alkoholische Fettleber (NAFL) sowie einige Krebserkrankungen in Verbindung mit Übergewicht. „Man spricht auch von den ,life lost years', den verlorenen Lebensjahren durch Übergewicht“, sagt Doris Nußbaum, Diätassistentin und DGE-zertifizierte Ernährungsberaterin am Helios St. Elisabeth-Krankenhaus in Bad Kissingen.

 

Warum werden wir immer dicker?

 

Die Ursachen sind vielfältig – und haben nicht immer nur mit Essen zu tun. Zur Entwicklung von Adipositas können verschiedene Faktoren beitragen, oft auch in Kombination. Dazu zählen die genetische Disposition, hormonelle Ursachen, Stoffwechselstörungen oder Medikamente.


Fakt ist: Adipositas entsteht nicht über Nacht. „Der Prozess des Zunehmens passiert eher schleichend und fängt oft schon in der Pubertät an. Geht ein Mädchen übergewichtig aus der Pubertät raus, ist es schwer an dieser Stelle die Kehrtwende einzuleiten. Oft wird dann mit sinnlosen Diäten begonnen. Das ist der Weg des Übergewichts ins Erwachsenenalter“, sagt Doris Nußbaum. Die 53-Jährige unterstützt übergewichtige Menschen bei der Umstellung ihrer Ess- und Lebensgewohnheiten. Ihrer Erfahrung nach nehmen die Männer vor allem in der „Rushhour des Lebens“, also zwischen 30 und 40 zu. „Da werden oft noch einmal Karrieresprünge gemacht. In der Altersspanne zwischen 40 und 60 sind es eher die Frauen, die zunehmen.“


Die hormonelle Umstellung vor der Menopause sei aber nicht vorrangig. „Das Problem sind nicht immer die Wechseljahre – auch wenn die gern mal vorgeschoben werden. Vielmehr ist es die Doppelbelastung mit Arbeit und Kindern, eventuell hat man noch pflegebedürftige Eltern zu versorgen. Das führt bei vielen dazu, dass sie auf ihre emotionale Belastung mit Essen reagieren“, so Nußbaum. „Das merke ich oft, wenn ich mit Frauen unter vier Augen spreche und sie einen Raum bekommen, das mal offen auszusprechen – bei Männern ist es eher der Alkohol, in Verbindung mit unregelmäßigen Mahlzeiten, bei Frauen ist es das Essen, bis hin zu Essattacken.“
Tausende Kilokalorien auf einmal, um vielleicht eine Leere zu füllen, als Katalysator für Stress, Druck und Frust – ja manchmal auch als Trostspender oder als Belohnung. Dafür gibt es einen Begriff: Psychologen und Ärzte sprechen von „emotionalem Essen“ mit Ess-Attacken, im Englischen auch als „binge eating“ bekannt. Experten vermuten, dass das die Essstörung der Zukunft sein könnte.

 

Zurück zum Normalgewicht

 

Wie erlangt man aber wieder Normalgewicht? Wichtigster Baustein ist und bleibt die Prävention. Das merkt auch die Ernährungsexpertin in ihrer Praxis: „Vielen Erwachsenen ist nicht klar, dass sie ihre Ernährung mit dem älterwerden anpassen müssen, weil sich der Kalorienbedarf verändert: Ab dem 40. Lebensjahr braucht der Körper nämlich rund 300 kcal weniger Energie pro Tag. Viele haben auch eine falsche Vorstellung davon, wie viel sie sich tatsächlich bewegen müssen, um Kalorien zu verbrennen.“ Zur Vermeidung von Übergewicht sind laut Doris Nußbaum folgende drei Säulen wichtig.


Erstens: Bewegung. Am besten fünf Mal die Woche für mindestens 20 Minuten an der frischen Luft. Mit zunehmendem Alter ist auch gezieltes Muskeltraining wichtig.
Zweitens: Mentale Gesundheit. Wir wissen also, dass der moderne Mensch nicht nur isst, um dem Körper Energie zu geben. Er isst auch, um einen emotionalen Hunger zu stillen und um Stress zu kompensieren. Wenn man Übergewicht und Adipositas in den Griff kriegen will, ist Stressprävention, aber auch eine verstärkte Entlastung von Familien und Alleinerziehenden wesentlicher Bestandteil, der die Gesellschaft als Ganzes angeht.


Und drittens: die Ernährung. Am besten vier Hände voll Gemüse und nur eine Hand Obst am Tag. Denn: Auch Fruchtzucker begünstigt Übergewicht. Wichtig: Zuckerhaltige Getränke wie Limonaden oder Fruchtsäfte auf ein Minimum reduzieren. „Das Hauptproblem ist die permanente Zuckerzufuhr in Form von zuckerhaltigen Getränken und Fruchtzucker. Wer schon in jungen Jahren täglich einen Softdrink zu sich nimmt, hat 30 Jahre später Übergewicht“, sagt die Expertin. Besser: ungesüßte Tees, Wasser oder selbstgemachte Schorle im Verhältnis 1:4.


Was genau passiert im Körper, wenn zu viel Zucker aufgenommen wird? Die Leber ist eines der wichtigsten Stoffwechselorgane. Sie fungiert als eine Art Lagerhalle für den aufgenommenen Zucker. Kommt zu viel nach, ist irgendwann die Lagerhalle voll. Sie wandelt den überschüssigen Zucker zu Fett um. Über die Jahre kann so eine Fettleber entstehen – oft folgt dann auch der Diabetes mellitus Typ 2.


Doch keine Panik: Niemand muss jetzt auf sein geliebtes Glas Wein oder Bier verzichten,  auch eine Limo sei ab und zu okay, so die Expertin. Aber: Die Dosis macht eben das Gift. Wer auf eine ausgewogene Ernährung achtet und reichlich Bewegung in seinen Alltag einbaut, hat schon gut vorgesorgt.