Auf Heilung hoffen

Juni 2021 | Die Zeit | Gesundheit & Volkskrankheiten

Auf Heilung hoffen

In den letzten Jahren wurden neue Therapien gegen Krebserkrankungen entwickelt. Die Erfolge bei einigen Krebsarten sind enorm.

Illustration: Maria Martin
Dr. Ulrike Schupp / Redaktion

Über eine halbe Million Menschen erkranken jedes Jahr neu an Krebs und über vier Millionen leben, Zahlen der Deutschen Krebshilfe zufolge, mit einer Krebserkrankung. Beängstigend hohe Zahlen, doch zum Glück sind auch die Überlebensaussichten und die Chancen auf mehr Beschwerdefreiheit inzwischen deutlich gestiegen.


Viele Krebsarten sind heute dank modernster Therapien sowie durch verbesserte Prävention, Vor- und Nachsorge heilbar oder haben zumindest eine günstigere Prognose. Erfolge gab es in den letzten Jahren vor allem bei der Behandlung von bestimmten Formen der Leukämie und Lymphomen, von schwarzem Hautkrebs und Krebserkrankungen bei Kindern. Jeder zweite Erwachsene und vier von fünf betroffenen Kindern oder Jugendlichen können heute auf Heilung hoffen.


Beim malignen Melanom, dem schwarzen Hautkrebs, galt die Prognose über lange Zeit nur dann als günstig, wenn er möglichst frühzeitig erkannt wurde. Der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG) zufolge erkranken hierzulande jährlich etwa 23.000 Menschen neu an dieser Krebsform. Damit hat sich die Zahl der Neuerkrankungen seit den siebziger Jahren ungefähr verfünffacht. Das maligne Melanom kostet pro Jahr etwa 3000 Menschen das Leben. Männer trifft schwarzer Hautkrebs dabei eher am Rücken, Frauen dagegen häufiger an den Armen oder Beinen. Ein früh entdecktes Melanom kann, da es meist erst die oberste Hautschicht befallen hat, operativ entfernt werden. Gefährlicher ist es, wenn die Krebszellen bereits in andere Organe und Gewebe gestreut haben. Bis vor wenigen Jahren waren die Heilungschancen in diesem Stadium eher schlecht.

 

Hoffnungsträger Immuntherapie

 

Inzwischen gibt es aber gleich zwei neue Hoffnungsträger, die „zielgerichtete Therapie“ und die „Immuntherapien“.  Bei der zielgerichteten Therapie kommen Medikamente zum Einsatz, wie zum Beispiel die sogenannten Kinase-Inhibitoren oder monoklonale Antikörper. Sie richten sich gezielt gegen ganz bestimmte biologische Merkmale des Tumors, die das Wachstum der Tumorzellen fördern. Sie bremsen also auf diese Weise die Ausbreitung des Krebses. Voraussetzung ist eine genaue Analyse der Strukturen der Tumorzellen, beispielsweise der Signalwege in ihrem Inneren. Zielgerichtete Therapien können dann bei unterschiedlichen Krebserkrankungen, entweder allein, in Kombination mit einer Chemotherapie oder auch mit einer Strahlentherapie eingesetzt werden.


Allerdings passen die neuen Medikamente nicht für alle. Die Früherkennung durch ein regelmäßiges Hautkrebs-Screening ist nach wie vor unverzichtbar. Und wer seine Haut schützen will, meidet zu viel Sonne, Sonnenbrände oder auch das Solarium.


Einen etwas anderen Ansatz verfolgen die Immuntherapien. Sie bewirken, dass sich die Abwehrzellen des Immunsystems erfolgreich gegen den Tumor richten, körpereigenes Gewebe aber möglichst verschont bleibt. Die Voraussetzung dafür ist, dass die Krebszellen vom körpereigenen Abwehrsystem erkannt werden, was aufgrund der Struktur dieser Zellen allerdings schwierig sein kann. Krebszellen entstehen aus körpereigenem Gewebe und weisen zum Teil ähnliche Merkmale auf wie dieses. Gleichzeitig besitzen sie meist auch sogenannte Antigene, Merkmale, über die die Körperzellen eben nicht verfügen.


Im Prinzip sind die körpereigenen Abwehrzellen dazu fähig, solche Antigenezu erkennen und die als „fremd“ eingeordneten Zellen zu zerstören. Aber die Krebszellen können die Immunabwehr auch „täuschen“, zum Beispiel indem sie auf ihrer Oberfläche keine erkennbaren Antigene tragen oder Signale aussenden, die die Aktivität der Abwehrzellen stoppen. Neue, immunonkologische Medikamente unterstützen das Immunsystem dabei Krebszellen zu erkennen und sie zu zerstören.


In Deutschland erkranken jährlich auch rund 2.200 Kinder und Jugendliche neu an Krebs, ein Drittel davon sogar schon in den ersten sechs Lebensjahren. Die häufigsten bösartigen Formen sind Leukämien mit ca. 30 Prozent, Hirn- oder Rückenmarkstumore mit ca. 24 Prozent und Lymphome mit ca. 14 Prozent.


Bei den Leukämien, den mit Abstand häufigsten Krebserkrankungen bei Kindern und Jugendlichen sind die Überlebenschancen durch den medizinischen Fortschritt gestiegen, wie Mediziner anlässlich des diesjährigen Internationalen Kinderkrebstages betonten.


Zirka drei Viertel der betroffenen Kinder erkranken an einer Akuten Lymphatischen Leukämie (ALL), circa ein Viertel an einer, meist Akuten, Myeloischen Leukämie (AML). Etwa 90 Prozent der ALL-Patient:innen überleben heute auch langfristig. Bei der AML gilt dies für circa 75 Prozent. Auch bei Leukämien greifen immuntherapeutische Ansätze, die dafür sorgen, dass Krebszellen durch die Aktivierung des eigenen Immunsystems vernichtet werden.


Es ist außerdem bereits möglich, die Reaktion der Leukämiezellen eines bestimmten Patienten auf eventuell passende Medikamente in vitro zu untersuchen, die Wirkung zu analysieren und so dafür zu sorgen, dass dieser Patient im Rahmen einer zielgerichteten Therapie eine speziell auf ihn abgestimmte Behandlung bekommt.

 

Überlebenschancen sind gestiegen

 

Die häufigsten Krebsarten bei Erwachsenen sind Brustkrebs bei Frauen (67.300 Fälle) und Prostatakrebs bei Männern (62.230 Fälle), gefolgt von Lungen- und Darmkrebs. Die Überlebenschancen sind auch hier gestiegen. Bei Darmkrebs sind Tabletten-Antikörper-Therapie und Immuntherapie Optionen, die eine Verlängerung der Lebenszeit mit weniger Beschwerden ermöglichen. Und auch bei Brustkrebs kommen neue Therapien zum Einsatz. Insgesamt sind die Überlebenschancen bei etlichen Krebsarten durch die beiden neuen Behandlungsansätze, die zielgerichtete Therapie und die Immuntherapie, deutlich gestiegen.


Doch immer wieder betonen Expertinnen und Experten die große Bedeutung der Lebensstilfaktoren im Hinblick auf Krebserkrankungen. Schätzungen des Deutschen Krebsforschungszentrums und der Deutschen Krebshilfe zufolge lassen sich etwa 40 Prozent der Krankheitsfälle durch eine gesunde Lebensweise mit viel Bewegung, gesunder Ernährung und wenig Alkohol vermeiden, allein durch Rauchverzicht sogar 90 Prozent aller Lungenkrebsfälle.