Das Wohnen von morgen

Technologische Innovationen und gesellschaftliche Dynamiken.
Illustration: Viktoria Marie Schiffer
Illustration: Viktoria Marie Schiffer
Klaus Lüber Redaktion

Im September 2016 lud der Unternehmer Lars Hinrichs, auch bekannt als Ex-CEO der Businessplattform XING, zu einer Hausbesichtigung der besonderen Art. Über Jahre hatte Hinrichs einen Altbau im Hamburger Stadtteil Rotherbaum mit den avanciertesten Smart-Home-Lösungen ausgestattet, die er auf dem Markt finden konnte. Die eingeladenen Journalisten waren beeindruckt. In Hamburg, so schrieb der Spiegel, sei das technologisch fortschrittlichste Mehrfami-lienhaus der Republik entstanden.

Wer Wohnen der Zukunft wie der Digital-Pionier Hinrichs vor allem über die Möglichkeiten der Technik definiert, findet im sogenannten „Apartimentum“, so der offizielle Name des Hausprojektes, tatsächlich eine gute Übersicht zu den Möglichkeiten, die eigenen vier Wände im Sinne der Digitalisierung weiterzudenken.

Anders als in vielen schon bestehenden Showrooms für smarte Haustechnik, die noch geprägt sind von Ideen aus der Anfangszeit des inzwischen auch schon in die Jahre gekommenen ehemaligen oder Immer-Noch-Buzzwords Smart Home, hat man im Apartimentum offenbar versucht, die Spreu vom Weizen zu trennen. So sucht man vergeblich nach den berüchtigten intelligenten Kühlschränken, von denen man heute schon weiß, dass niemand sie eigentlich braucht. Für vielversprechender hält man dagegen die zentrale Einbindung des Smartphones in die Haussteuerung: Die Apartmenttür öffnet sich automatisch über Bluetooth, sobald das Mobiltelefon des Mieters registriert wurde. Manipulationen – etwa durch Einbruch – werden erkannt und dem Handy des Besitzers gemeldet. Mit insgesamt 14 Apps lässt sich die Wohnung steuern, nachjustieren und neu einstellen: Zu welcher Uhrzeit soll morgens das Licht angehen, welche Musik will man unter der Duschen hören, wann soll sich die Badewanne füllen?

Nun ist es nicht schwer, Lars Hinrichs für seinen unternehmerischen Mut und seine Bereitschaft zu loben, technische Visionen mit viel Engagement tatsächlich umzusetzen, statt auf deren Marktreife zu warten. „Ich warte nicht auf die Politik, auf Märkte oder auf irgendwelche Roll-outs. Ich mache einfach“, zitiert ihn die WELT. Das Problem ist nur: In den Genuss seiner Wohn-Vision werden zunächst nur die Wenigsten kommen. Bis zu 40 Euro pro Quadratmeter und Monat kosten die Apartments im Apartimentum. Die Zukunft des Wohnens, wie sie sich in Hinrichs Bauprojekt darstellt, ist High-End-Luxus für Besserverdienende.

Allerdings muss sich die Rolle der Technik in der Neukonzeption des Wohnens nicht auf die Anschaffung teurer Smart-Home-Lösungen beschränken. Das beweist ein Mitte 2015 eröffnetes Mehrfamilienhaus in Frankfurt am Main, das ähnlich wie das Apartimentum für Schlagzeilen sorgte. Insgesamt 1.330 Sonnenkollektoren an der Fassade und auf dem Dach des sogenannten Aktiv-Stadthauses machen das Gebäude zu einer Art Mini-Kraftwerk, das weniger Energie verbraucht, als es abgibt. Auf immerhin zehn Prozent beläuft sich der Überschuss nach Angaben der städtischen Wohnungsgesellschaft ABG.

Der erzeugte Strom wird in einer Batterie im Keller des Gebäudes zwischengespeichert. Dort stehen auch Elektroautos eines Carsharing-Projekts zur Verfügung, die mit dem Strom aufgetankt werden können. Die Energie für Heizung und Warmwasser wird mittels einer Wärmepumpe generiert, die Wärme aus dem nahen Abwasserkanal gewonnen. Über einen kleinen Bildschirm in der Wohnung kann jeder Mieter den Verbrauch mit der aktuellen Erzeugungsmenge vergleichen – und dem Bauherrn, Architekten und Forschern wertvolle Daten zurückspielen. Die Mieten für die insgesamt 75 Wohnungen gelten mit 13 Euro pro Quadratmeter Warmmiete vertretbar für die Frankfurter Innenstadt.

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks lobte das Haus als gelungenes Beispiel für eine effektive Umsetzung der EU-Klimaschutzziele, die unter anderem vorschreiben, dass Häuser bis 2021 nur noch energieneutral gebaut werden dürfen. „Wir wollen, dass es der Normalfall wird“, sagte sie zur Eröffnung. Auch Schulen, Kitas oder Universitäten, so Hendricks, sollten sich künftig an diesem Standard orientieren. Trotz aller wichtigen und denkbaren technischen Innovationen – die Frage nach der Zukunft des Wohnens wird immer auch eine politische sein. Das beweist die aktuelle Dynamik des Immobilienmarktes, die auf ein ernstes gesellschaftliches Problem hinweist: Es ist nicht nur eine Herausforderung, bestehende Wohnungen an die Anforderungen der Zukunft anzupassen oder technische Lösungen zu erarbeiten, die uns den Alltag erleichtern. Es ist überhaupt erst einmal notwendig, allen Menschen Zugriff auf eine bezahlbare Bleibe zu ermöglichen.

Durch die großen Trends Verstädterung und Migration entsteht ein immer größerer Bedarf an Wohnraum, was sich auch in den ständig nach oben korrigierten Zahlen diverser Studien ablesen lässt. Für Deutschland errechnete das Pestel-Institut schon Ende letzten Jahres einen Bedarf von jährlich 400.000 Wohnungen, Anfang 2015 war das Bundesinstitut für Bau-, Raum- und Stadtforschung noch von 270.000 Einheiten ausgegangen. Laut einer noch aktuelleren Hochrechnung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag des Immobilieninvestors d.i.i. müssten bis 2020 deutschlandweit 385.000 Wohnungen pro Jahr fertiggestellt werden. Doch 2015 lag die Zahl nur bei rund 250.000 und 2016 bei etwa 300.000 Wohnungen.

Allerdings, so die Studie weiter, deckt die aktuelle Bautätigkeit nur etwa die Hälfte des Bedarfs ab. Gleichzeitig werden Immobilien als Anlageobjekte immer beliebter, was dazu führt, dass besonders in den begehrten innerstädtischen Lagen immer weniger Sozialwohnungen gebaut werden. Für eine ganze Bevölkerungsschicht steht kein bezahlbarer Wohnraum mehr zur Verfügung, selbst die Mittelschicht wird immer öfter an den Stadtrand verdrängt. Es drohen Szenarien wie in London, Paris oder Madrid, wo ein bezahlbares Leben in der Innenstadt für Normalverdiener quasi unmöglich geworden ist.

Lifestyle
Juni 2023
Illustration: Till Lukat
Beitrag

Eine Frage des Kapitals

Den Traum von den eigenen vier Wänden träumen Viele. Für Durchschnittsverdiener wird er aber wohl in absehbarer Zeit genau das bleiben. Schuld ist der Anstieg bei Baukosten und Zinsen.