Zukunft in unseren Händen

Die Klimakonferenz COP26 in Glasgow sollte die Weichen für den Einsatz gegen den Klimawandel stellen – und hat doch in den Augen vieler Expertinnen und Experten versagt.
Illustration: Anna-Maria Heinrich
Illustration: Anna-Maria Heinrich
Laura Puttkamer Redaktion

 

Einen Grund zur Resignation gibt es dennoch nicht. Wir alle haben in unserem Alltag viele Möglichkeiten, uns dem Klimawandel entgegenzusetzen.

 

Die bisher wichtigste Conference of the Parties (COP) fand im Jahr 2015 in Paris statt. Denn damals gelang es zum ersten Mal, sich darauf zu einigen, die Erderwärmung auf „deutlich unter 2 Grad“ zu beschränken, wobei als Anhaltspunkt die vorindustriellen Temperaturen galten. Die folgenden Konferenzen brachten nur wenige Neuerungen, weshalb viel Hoffnung auf der COP26 in Glasgow lag. Hinzu kommt das Momentum der COVID-Pandemie, die im Jahr 2020 gezeigt hat, wie rasch Emissionen sinken und Luftverschmutzung reduziert werden kann, wenn alle an einem Strang ziehen.

 

Cash, coal, cars, trees

 

Das Motto der COP26 war „cash, coal, cars, trees“. Zahlreiche multilaterale Vereinbarungen gingen diese zentralen Themen an. Zum Beispiel haben über 130 Länder zugesagt, bis zum Jahr 2030 die Abholzung ihrer Wälder zu stoppen. Dazu gehört auch der Regenwald-Gigant Brasilien.

 

Weitere Fortschritte zeigten sich in der Zusammenarbeit zwischen China und den USA, hier speziell in einem Abkommen mit dem Ziel, Emissionen aus Methan bis 2030 um 30 Prozent zu reduzieren, sowie in Zusagen zur Klimafinanzierung. All diese Maßnahmen zusammen sind jedoch nicht ausreichend, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad oder weniger zu beschränken – laut Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eine wichtige Zahl. Denn obwohl auch die Erwärmung von 1,5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit viele drastische Folgen mit sich bringt, würden Millionen von Menschen vor Katastrophen wie Überflutungen verschont bleiben.

 

Ein aktueller Bericht des Climate Action Tracker (CAT) prognostiziert, dass die Welt aktuell auf eine Erderwärmung von 2,4 Grad in den nächsten Jahrzehnten (und 2,7 Grad im Jahr 2100) zusteuert. Dazu analysiert CAT die Selbstverpflichtungen einzlner Staaten und preist diese in ein Klimamodell ein. Dies würde eine Zunahme von Naturkatastrophen wie Tornados und starken Regenfällen bedeuten. Zahlreiche Tierarten und Pflanzen wären vom Aussterben bedroht, Städte und flache Inselstaaten würden überflutet und die Polkappen rasant abschmelzen.

 

Im Wissen, dass die Ergebnisse der COP26 zu einer Erderwärmung von 2,4 Grad führen könnten, kam die spontane Abwendung vom Versprechen, aus der Kohle auszusteigen, also zu einem besonders schlechten Zeitpunkt: In letzter Sekunde weigerten sich Länder wie Indien und Australien, am Kohleausstieg festzuhalten. Stattdessen beharrten sie darauf, nur eine Reduktion der Kohlenutzung in den Glasgow Climate Pact aufzunehmen.

 

Trotz einiger Erfolge sowie dem bisher fortschrittlichsten Klimaabkommen konnte die COP26 die Erwartungen nicht erfüllen. Nun richten sich alle Augen auf die COP27, die Ende 2022 in Ägypten stattfinden wird.

 

Klimawandel im Alltag

 

Konferenzen wie die COP26 wirken oft sehr weit entfernt. Die diplomatischen Absprachen, die oft an einzelnen Formulierungen hängen, scheinen auf den ersten Blick nicht viel mit dem Alltag zu tun zu haben. Doch das ist ein gefährliches Missverständnis. Denn Klimakonferenzen beeinflussen die Klimapolitik jedes einzelnen Landes, was wiederum die Klimapolitik am eigenen Wohnort formt.

 

Der Klimawandel wird in großen Teilen in Städten verursacht, und hier müssen auch die größten Maßnahmen gegen steigende Temperaturen ergriffen werden. Denn Städte verbrauchen fast 80 Prozent der Weltenergie und produzieren mehr als 60 Prozent der Treibhausgasemissionen, obwohl sie weniger als 2 Prozent der Gesamtfläche einnehmen. Hinzu kommt, dass im Jahr 2050 vermutlich weitere 2,5 Milliarden Menschen in Städten leben werden, vor allem in Asien und Afrika.

 

In Deutschland ist die Umsetzung der Klimaziele aufgrund des Subsidiaritätsprinzips sehr vom jeweiligen Ort abhängig. Finanzielle Mittel für Klimaprojekte sind je nach Bundesland in unterschiedlichen Höhen verfügbar, lassen sich aber auch bei der EU beantragen. Viele Städte haben nach wie vor keine eigene „Agenda 2030“, in der sie erklären, wie sie die Nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen bis zum Jahr 2030 umsetzen wollen. Auch eine Klimapolitik fehlt vielerorts.

 

Aber nicht nur die Lokalpolitikerinnen und -politiker sind dafür zuständig, die Klimaziele Deutschlands in die Praxis umzusetzen. Auch Unternehmen müssen zur Verantwortung gezogen werden. Hier ist der Glasgow Climate Pact von der COP26 wichtig, denn zum Beispiel haben sich 450 große Banken dazu verpflichtet, künftig klimaneutral zu arbeiten. Autohersteller werden sich vermehrt auf Elektrofahrzeuge konzentrieren und selbst die Unternehmen, die nicht bei der COP26 vertreten waren, haben es künftig schwerer, Verbrennungsmotoren zu entwickeln und zu verkaufen.

 

Dschungel aus Zielen

 

Das bedeutet, dass die COP26 am Ende mehr Auswirkungen auf den Lebensalltag von Privatpersonen hat, als viele annehmen. Die Ergebnisse der Klimakonferenz sind ein Teil der vielen Klimaziele, die in Deutschland von der Europäischen Union mit ihrem ambitionierten „Green Deal“ von der Bundesregierung, der Landesregierung und oft auch von der kommunalen Verwaltung stammen.

 

In diesem Dschungel aus Zielen und Verpflichtungen gehen leider oft die wichtigsten Botschaften verloren. Dazu gehört zum Beispiel, dass Deutschland bis zum Jahr 2030 seine CO2-Emissionen um 67 Prozent im Vergleich zu 1990 kürzen will, um seinen Beitrag gegen den Klimawandel zu leisten. Denn als eines der Länder mit den höchsten Emissionen sind auch die Ziele entsprechend ambitionierter als anderswo.

 

Eine gute Möglichkeit, um den Fortschritt einzelner Länder im Blick zu behalten, sind die sogenannten Nationally Determined Contributions (NDCs), also die national festgelegten Beiträge zum Klimawandel. Diese nationalen Ziele wurden erstmals bei der COP in Paris vorgestellt. In Glasgow wurde entschieden, dass sie ab jetzt nicht mehr nur auf freiwilliger Basis, sondern jedes Jahr verpflichtend präsentiert und evaluiert werden müssen – ein wichtiger Fortschritt in Richtung Rechenschaftspflicht.

 

Genau diese Rechenschaftspflicht müsste auch auf Städte angewandt werden. Allerdings fehlen hier oft die Daten auf lokaler Ebene, die zeigen würden, welche Herausforderungen wo besonders groß sind. Zugleich gibt es aber auch Vorreiterstädte, die zeigen, wie der Einsatz gegen den Klimawandel auf lokaler Ebene aussehen kann.

 

Freiburg ist ein gutes Beispiel: Pro Jahr stehen in der baden-württembergischen Stadt drei Millionen Euro speziell für Aktionen gegen den Klimawandel zur Verfügung. Dieser Klimaschutzfonds besteht aus Konzessionsabgaben des Energie- und Wasserversorgers der Stadt. Er fördert zum Beispiel die energiefreundliche Sanierung von Gebäuden, den Weg hin zur klimaneutralen Energieversorgung, Investitionen in den Radverkehr sowie zahlreiche Bildungsprojekte.

 

Einfluss nehmen

 

Die wohl wichtigste Nachricht von Klimakonferenzen, selbst wenn sie scheitern, besteht darin, dass die Zukunft der Erde nicht in den Händen diplomatischer Dokumente liegt, sondern vielmehr bei uns allen. Privatpersonen haben viele Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen und ambitioniertere Klimaziele und -politiken einzufordern.
Um sich dem Klimawandel entgegenzustellen, ist es nicht nötig, die nächste Klimakonferenz abzuwarten. Vielmehr geht es darum, sich das ganze Jahr über für dieses wichtige Thema einzusetzen, bis das Klima bei allen wichtigen Entscheidungen wie selbstverständlich mitgedacht und priorisiert wird.

 

Das konkrete persönliche Engagement sieht für jede Person anders aus. Fest steht aber, dass es sehr viel zu tun gibt. Die Ideen dafür, wie man sich einsetzen kann, sind vielseitig – und die Dringlichkeit des Themas zeigt, dass es höchste Zeit ist, gemeinsam die richtigen Entscheidungen zu treffen, um das Klima zu schützen und die Erderwärmung auf 1,5 Grad oder weniger zu begrenzen.

 

 

WAS LÄSST SICH DEM KLIMAWANDEL IM ALLTAG ENTGEGENSETZEN?

 

POLITISCHEN DRUCK AUSÜBEN:

Klimakonferenzen wie die COP26 sind wichtig, aber wenn die Ziele nicht eingehalten werden, gibt es selten Konsequenzen. Mit der eigenen Stimme ist es jedoch möglich, bei Wahlen darauf zu reagieren. Zudem helfen Petitionen und gezielte Nachfragen bei den Zuständigen.

 

WIRTSCHAFTLICHEN DRUCK AUSÜBEN:

Eine der besten Möglichkeiten, sich für den Klimaschutz einzusetzen, besteht im bewussten Konsum. Wer sich für nachhaltige Unternehmen, regionale Produkte und kurze Lieferwege entscheidet, setzt ein wichtiges Zeichen.

 

AUF SOZIALEN MEDIEN AKTIV WERDEN:

Nicht nur bei Wahlen, sondern auch auf sozialen Medien zählt jede Stimme. Daher ist es wichtig, mit guten Argumenten auch hier gegen den Klimawandel vorzugehen. So lassen sich viele Kontakte überzeugen und inspirieren.

 

AN DEMONSTRATIONEN TEILNEHMEN:

Demonstrationen wie „Fridays for Future“ sind eine simple, aber umso effektivere Möglichkeit, sich gegen den Klimawandel und für eine ambitioniertere Klimapolitik einzusetzen.

 

NACHHALTIG UND BEWUSST LEBEN:

Im Alltag lassen sich CO2-Emissionen durch Maßnahmen wie mehr Radfahren, weniger Autofahren, nachhaltigen Konsum, energiesparende Geräte und Einsatz für Gemeinschaftsgärten einsparen.

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