Mit gutem Gewissen

Wir müssen etwas verändern, um diesen Planeten lebenswert zu erhalten. Vor allem mit gezielten Investitionen in nachhaltige Unternehmen und Geschäftsmodelle können Privatanleger etwas bewegen. Worauf es bei sogenannten ESG-Investments ankommt.
Illustration: Stephanie Hofman
Illustration: Stephanie Hofman
Julia Thiem Redaktion

 

Kapital hat Macht. Das weiß das breite Publikum spätestens seit Erscheinen der Arte-Dokumentation über den amerikanischen Finanzriesen Blackrock aus dem Jahr 2019. Und das ist auch nur logisch. Denn wer derart viel Kapital „verteilen“ darf, entscheidet mit seinen Investitionen eben auch darüber, mit welchem Geschäftsmodell und/oder -gebaren es verhältnismäßig einfach ist, guten Zugang zu Liquidität zu bekommen. Diese Macht liegt aber nicht alleine bei den Kapitalsammelstellen wie Blackrock und anderen Vermögensverwaltern. Auch private Anleger haben mit ihrer Entscheidung, in welche Lösungen und Produkte sie investieren wollen, einen Einfluss auf die Unternehmenswelt. Bestes Beispiel ist die „grüne Welle“, die aktuell durch die Finanzindustrie rollt. Gemeint ist die Tatsache, dass bei immer mehr Anlageprodukten die Nachhaltigkeit stärker in den Fokus rückt. Das heißt, dass Unternehmen, deren Aktien es in einen Fonds schaffen wollen, nachweislich etwas für den Umweltschutz tun, soziale Aspekte wie beispielsweise einen fairen Lohn berücksichtigen und dann auch noch ihre Unternehmensführung transparent machen müssen. Denn das sind die drei Aspekte, die bei ESG-Investments, E für Environment, S für Social und G für Governance, im Fokus stehen. Getrieben wird diese Nachhaltigkeit vor allem von der nach wie vor hohen Nachfrage der Anleger. Der Deutsche Fondsverband BVI rechnet in seinem quartalsweise erscheinenden „Fokus Nachhaltigkeit“ vor, dass eben jene Publikumsfonds per Ende September 339 Milliarden Euro für ihre Anleger und damit bereits rund 24 Prozent des gesamten Fondsvermögens verwalten, das in Publikumsfonds investiert ist.

 

Was ist nachhaltig?

Aus Sicht eines Anlegers oder einer Anlegerin besteht die Schwierigkeit allerdings darin, zu entscheiden, was wirklich nachhaltig ist. Hier lassen sich zwar beispielsweise Ausschlussregeln definieren, also keine Investments in Waffenhandel, fossile Brennstoffe, Glückspiel oder Alkohol. Aber was ist mit dem Produzenten von Schrauben, die dann doch in einem Panzer verbaut werden, oder werden Aktien von einem Unternehmen wie der Deutschen Bahn ausgeschlossen, weil in den Bordrestaurants der Züge Alkohol verkauft wird? Und dann sind da auch noch all jene Unternehmen, die versuchen, von der großen Nachfrage nach nachhaltigen Investments zu profieren. Sie verpassen sich kurzerhand einen grünen Anstrich, obwohl ihr zugrundeliegendes Geschäftsmodell alles andere als umweltfreundlich ist. Prominentes Beispiel hierfür ist der Öl-Multi Shell, der seine herkömmlichen Kraftstoffe tatsächlich mit dem Satz anpreist „einen Unterschied machen, CO2-neutral fahren“. Das mag im ersten Moment widersprüchlich klingen, bedeutet aber nichts anderes, als dass der Konzern die schlechte Klimabilanz fossiler Kraftstoffe mit einem Aufforstungsprojekt irgendwo auf der Welt ausgleicht. Die gepflanzten Bäume binden das CO2, was als Emissionsrecht verkauft wird und dem Unternehmen dabei hilft, seine Ziele und CO2-Pflichten zu erfüllen.

 

Die Marketing-Kampagne von Shell ist das sogenannte „Greenwashing“ par excellence. Denn letztendlich „erkauft“ man sich mit ein paar gepflanzten Bäumen ein grünes Gewissen, bevor man dann im viel zu großen SUV Kurzstrecke durch die Innenstadt fährt. Am Geschäftsmodell oder dem klimaschädlichen CO2-Ausstoß ändert sich dabei nichts. Aus Sicht des Rechtsprofessors Clemens Kaupa und neun seiner Studenten der Universität Amsterdam absolut irreführend, weshalb die Gruppe kurzerhand eine 95-seitige Beschwerde gegen das Unternehmen bei der niederländischen Werbekommission einreichte – und Recht bekam.

 

Genau hinschauen

Wem jetzt der Kopf raucht, dem sei gesagt: Es ist möglich, sein Geld am Kapitalmarkt zu vermehren UND Gutes zu tun. Allerdings gilt es dabei, eben etwas genauer hinzuschauen und die eigenen ethischen Maßstäbe im Vorfeld zu definieren, bevor man sich auf die Suche nach passenden Lösungen und Produkten macht. Und etwas Geduld braucht es dafür auch. Denn auch das größte Aktienengagement macht aus einem Saulus nicht über Nacht einen Paulus, wie das Beispiel Shell zeigt. Dennoch unterstreicht der Versuch, mit Aufforstungsprojekten die eigene Klimabilanz zu verbessern, eben auch, dass ein Umdenken selbst dort stattfinden kann, wenn der Druck groß genug ist.

 

Ein anderer großer Umweltsünder ist die Lebensmittelindustrie, allen voran die Fleischproduktion. Sie ist für 14,5 Prozent der weltweit emittierten CO2-Emissionen verantwortlich und verbraucht mehr Frischwasser als jede andere Industrie. Und doch ist sie breit in den Portfolios der Anleger vertreten, weil unter den Herstellern und ihren Kunden zahlreiche sogenannte Blue Chips zu finden sind, also Standardwerte der großen Indizes wie dem MSCI World, dem Dax oder dem Eurostoxx. Vor fünf Jahren ist die Initiative Fairr angetreten, die Lebensmittelindustrie nachhaltig zu verändern. Kein leichtes Unterfangen, wie die dortige Senior Investor Outreach Managerin Teni Ekundare zu berichten weiß: „Die systemischen Risiken, die mit der tierischen Proteinproduktion einhergehen, sind zum Teil immens. Indem wir Investoren die finanziellen Risiken aufzeigen, die mit einem Engagement in jene Sektoren verbunden sind, sorgen wir indirekt für eine Transformation der Lebensmittelindustrie.“ Dass sich in dieser Richtung tatsächlich etwas bewegt, haben Ekundare und Fairr der immensen Finanzkraft zu verdanken, die hinter der Initiative steckt: „Wir sind das am schnellsten wachsende ESG-Netzwerk und vereinen mittlerweile über 30 Billiarden US-Dollar verwaltetes Vermögen.“ Und mit dieser geballten Macht des Kapitals im Rücken, erklären sich dann auch globale und nicht immer ethisch handelnde Fleisch-Multis wie die brasilianische JBS zu Gesprächen bereit.

 

Wandel braucht also nicht nur Zeit, sondern vor allem auch Engagement. Natürlich wäre es eine Option, Fleischproduzenten komplett aus dem Portfolio zu verbannen, und das ist ein legitimer Weg, die eigenen Nachhaltigkeitskriterien umzusetzen. Ein anderer Weg ist der, den Fairr beschreitet: In den Dialog gehen, aufmerksam machen und unterstreichen, dass die über 30 Billiarden US-Dollar gegebenenfalls anderweitig verteilt werden, sollte sich in der Branche nichts verändern. Nachhaltige Investments können also je nach Definition sehr unterschiedliche Ansätze verfolgen.

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