„Kunst agiert nicht an der militärischen, sondern an der kulturellen Front“

Welche Rolle spielt Kunst in Kriegszeiten? Ein Gespräch mit dem ukrainischen Künstler Mykola Ridnyi
Mykola Ridnyi
Mykola Ridnyi
Interview: Anna-Lena Werner Redaktion

Lieber Mykola, Du bist in der Ukraine – wo hältst du Dich aktuell auf und wie geht es Dir?
Ich habe ein sicheres und temporäres Zuhause in Lviv gefunden. Das Land kann ich wegen der Militärbereitschaft nicht verlassen. Aufgewachsen bin ich in Kharkiv, der Stadt, die von Beginn an attackiert wurde – aber gelebt habe ich zuletzt in Kyiv. Heute kann ich es kaum fassen, dass die Stadt mal ein Ort des internationalen Transits war. Vor zwei Wochen habe ich den Vorort Bucha besucht – und dort auch mit eigenen Augen das furchtbare Massaker gesehen, das die Menschen dort erfahren mussten.

Ist es Dir möglich, während des aktuellen Kriegs Kunst zu produzieren?
Im Moment ist es für mich schwer, wenn nicht unmöglich, Kunst herzustellen. Ich habe das Gefühl, mehr Distanz zu benötigen, um über das Geschehen und die Zukunft reflektieren zu können. Ich bin leider pessimistisch, was ein schnelles Ende dieses Kriegs angeht.

Wie hat die ukrainische Kunstszene auf die russische Invasion reagiert?
Bisher habe ich die Kunstszene sowohl außerhalb als auch innerhalb der Ukraine als Ort der Solidarität erlebt. Einige Kunsträume – wie jener, in dem ich gerade lebe – bieten geflüchteten Menschen eine Unterkunft an.

Finden noch kulturelle Veranstaltungen an sicheren Orten in der Ukraine statt?
Hier in Lviv finden kleine Lesungen, Screenings und Diskussionsgruppen statt – Zusammenkünfte als Gemeinschaft sind gerade sehr wichtig für uns. Ich habe dort meinen Film „NONONO“ (2017) gezeigt, der einer Gruppe junger Menschen aus Kharkiv folgt, die den ausbrechenden Krieg in der direkten Nachbarschaft in der Ostukraine erleben. Der Film zeigt, wie stark sich die Nähe des Kriegs auf das Leben und die Aktivitäten der Protagonisten auswirkt.

Der Krieg in der Ostukraine ist bereits seit 2014 zentrales Thema deiner künstlerischen Praxis. Wie fühlt sich für Dich das so plötzlich gestiegene Interesse an deinen Arbeiten an?
Es fühlt sich etwas zynisch an, dass jetzt gleich so viele internationale Kunstinstitutionen meine Arbeiten anfragen. Trotzdem bin ich froh, dass die Filme und Installationen gezeigt werden. Zum einen, um mehr Aufmerksamkeit auf den russischen Krieg gegen die Ukraine zu richten, und zum anderen, um Spenden für die Ukrainer zu sammeln.

Glaubst Du, dass die Kunst als Forum des Widerstands oder der Investigation während des Kriegs agieren kann?
Kunst agiert nicht an der militärischen, sondern an der kulturellen Front. Die ukrainische Kunstszene existiert bereits seit acht Jahren unter diesen Konditionen. Die ukrainischen Künstler:innen wissen sehr gut, was es bedeutet, sich selbst zu organisieren und diese Fähigkeit zu nutzen. Leider konnte die Kunst die Katastrophen nicht aufhalten, aber sie kann jetzt Wissen über den Krieg verbreiten und für die ukrainischen Zuschauer eine therapeutische Rolle spielen.

 

Anna-Lena Werner
ist Kunstwissenschaftlerin, Dozentin für Kultur- und Medienmanagement an der FU Berlin und Gründerin des Online-Kunstmagazins artfridge.de.

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