Gleichberechtigung für Künstlerinnen

August 2020 | Capital | DIE KUNST

Gleichberechtigung für Künstlerinnen

Das Goldrausch Künstlerinnenprojekt fördert seit 30 Jahren Berliner Künstlerinnen. Ein Gespräch mit Hannah Kruse, die das einjährige Kursprogramm seit 2004 leitet

05 Caterina Gobbi, What time are you performing tonight_, 2019 © Foto Caterina Gobbi
Beate Scheder / Redaktion

Die Jahresausstellung des Goldrausch Künstlerinnenprojekts trägt 2020 den Titel „Sirene“. Die griechische Mythologie kennt Sirenen als weibliche Fabelwesen, die männliche Seefahrer singend in den Tod locken. Ist der Titel eine Kampfansage?
Sirene als Begriff ist mehrdeutig und genau darum ging es uns bei diesem Titel. Man denkt ja nicht nur an die mythologischen Wesen, sondern vor allem an diese Heultöne ausstoßenden Alarmsysteme, die laut und schrill auf wichtige Ereignisse aufmerksam machen.


Worauf will Ihre Sirene denn aufmerksam machen?
Zuallererst auf die Arbeiten der 15 Künstlerinnen, die dieses Jahr am Kurs teilnehmen. Dann aber auch auf das Projekt allgemein, bei dem es darum geht, Künstlerinnen im aktuellen Kunstgeschehen Gleichberechtigung zu verschaffen und ihnen Werkzeuge zur Verfügung zu stellen, mit denen sie in Selbstständigkeit ihre künstlerische Tätigkeit ausüben können. Und zwar sichtbar, in der Öffentlichkeit.
 

Das Goldrausch Künstlerinnenprojekt wird in diesem Jahr 30. Wie ist es damals entstanden?
Die Projektgründerinnen Anne Marie Freybourg und Ute Birk, die zusammen mit einer Gruppe von Kunsthistorikerinnen und Wirtschaftswissenschaftlerinnen den ersten Kurs auf die Beine gestellt haben, stellten im Westberlin der 1980er-Jahre fest, dass es dort unglaublich qualifizierte Künstlerinnen gab, die aber einfach keine Öffentlichkeit bekamen. Unser Träger, das Goldrausch Frauennetzwerk Berlin e. V., das es schon seit 1982 gibt, hat sich zum Ziel gesetzt, solidarisch unternehmerische und auch politische, feministische Arbeit von Frauen zu fördern. Das Goldrausch Künstlerinnenprojekt setzt das für die Kunst um.


Was bedeutet das konkret? Was lernen die Künstlerinnen im Laufe des Jahres?
Es geht darum, anhand von Beispielen zu erfahren, wie Menschen im Kunstfeld agieren. Sie bekommen Hintergrundwissen und einen Spiegel vorgehalten. Sie sehen, wie ihre Kolleginnen im Kurs Dinge umsetzen, führen Gespräche und Diskussionen, erfahren beispielsweise von einer Galeristin, wie sie eine Künstlerin für ihre Galerie auswählt. Das alles ist unendlich wichtig, um selber diese Schritte gehen zu können.


Mit Monica Bonvicini, Maria Eichhorn oder Henrike Naumann gibt es einige illustre Namen unter den Absolventinnen. Wie wählen Sie die Teilnehmerinnen aus?
Als Jury laden wir jedes Jahr drei Frauen aus der Berliner Kunstwelt ein, die gemeinsam mit meiner Kollegin Kira Dell und mir die Auswahl treffen. Das kann eine Kuratorin sein und eine Kritikerin oder eine Professorin. Eine der drei ist immer eine Künstlerin, die in einem vorherigen Kurs dabei war. Im vergangenen Jahr hatten wir 225 Bewerbungen. Die schauen wir uns an, danach laden wir zu einem Gruppeninterview ein. 15 Teilnehmerinnen werden schließlich ausgewählt.
 

Nach welchen Kriterien entscheiden Sie das?
Die künstlerische Arbeit ist die Grundlage. Damit arbeiten die Künstlerinnen im Goldrausch-Jahr. Für Frauen, die nach einer langen Pause wieder anfangen wollen, sind wir der falsche Ort. Es muss etwas da sein, womit sie in Diskussion treten können, auch mit den anderen Künstlerinnen. Und klar: Wenn man aus 225 Bewerbungen nur 15 auswählen kann, gibt es leider auch eine illustre Liste derer, die es nicht in den Kurs geschafft haben.

Mit welchen Erwartungen beginnen die Teilnehmerinnen den Kurs?
Vielen geht es darum, sich ein tragfähiges Netzwerk aufzubauen. Die Künstlerinnen wissen außerdem, dass sie bei Goldrausch von vielen Menschen im Kunstfeld kompakt Input bekommen und lernen, über ihre Kunst öffentlich zu sprechen. Was wir bieten ist eine Existenzgründungs-, und keine Kunst- und Kulturförderung. Die Teilnehmerinnen müssen nichts für den Kurs bezahlen; dies ist nicht mit einer finanziellen Unterstützung, etwa in Form eines Stipendiums, verbunden.
 

In den 30 Jahren hat sich einiges verändert, der Gender Pay und Gender Show Gap hält sich in der Kunst jedoch hartnäckig. Wie ist das zu erklären?
Vor genau 101 Jahren haben sich Frauen erstmals das Recht erkämpft, an Kunsthochschulen zu studieren. Einerseits ist in dieser Zeit natürlich viel passiert, Künstlerinnen haben enorm aufgeholt und erfahren heutzutage auch immer breitere Unterstützung. Aber es ist wichtig, auch genau hinzusehen. Der gerade beobachtbare Kunstmarkt-Trend beispielsweise, ältere Künstlerinnen neu zu entdecken, ist auch der Tatsache geschuldet, dass hier abgeschlossene Werke vorliegen. Galerien müssen quasi ‚„nur“ noch verkaufen und nicht mehr in die Förderung und Aufbauarbeit der Künstlerinnen investieren. Es gibt immer noch ein sehr großes Gefälle in der Bezahlung von Kunstwerken von Frauen und Männern. Auch aufgrund der knapp kalkulierten Margen entscheiden sich Galerien für Kunst von Männern, die nach wie vor besser zu verkaufen ist, als die von Frauen.
 

Welche Rolle spielen Kunstsammlungen?
Auch von Sammlungen und Ankaufskommissionen weiß man, dass sie nach wie vor Kunst von Männern präferieren. Dafür gibt es viele Gründe, die nichts mit der Qualität der Kunst zu tun haben. Künstlerinnen sind beispielsweise führend in den Bereichen Video- und Performance-Kunst. Und diese Werke sind natürlich nicht so leicht zu zeigen, wie etwa Bilder, die man nur an die Wand hängen muss. Ganz grundsätzlich erhalten Männer immer noch überproportional viele institutionelle Einzelausstellungen und dadurch mehr Sichtbarkeit, obwohl es in allen Sparten hervorragende Künstlerinnen gibt.
 

In einer perfekten Welt würden wir ein Projekt wie Goldrausch nicht mehr brauchen.
Die Kunstwelt ist aber nicht perfekt. Wir sehen viele Veränderungen, zum Beispiel bekommen Frauen mehr und mehr öffentlich ausgeschriebene Stipendien oder Ausstellungen. Die Zahlen und Verkaufspreise sprechen aber – noch – eine andere Sprache.

 

Goldrausch 2021
Noch bis zum 15. September können sich Künstlerinnen für das Goldrausch-Künstlerinnenprojekt 2021 bewerben. Die Jahresausstellung „Sirene – Goldrausch 2020“ findet vom 07. November 2020 – 10. Januar 2021 im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, Berlin statt. Das Programm wird von der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung, Abteilung Frauen und Gleichstellung, Berlin und dem ESF finanziert. Bis jetzt konnten insgesamt 447 Künstlerinnen teilnehmen. Mehr Informationen unter www.goldrausch.org

 

Hannah Kruse ist Kunstwissenschaftlerin und Kulturmanagerin. Sie engagiert sich für die Chancengleichheit von Künstlerinnen. Hierzu bringt sie Erfahrungen aus verschiedenen Perspektiven im Kunstfeld aus New York und London mit, wo sie unter anderem bei Chisenhale Gallery tätig war.