Füllhorn der Ideen

Die Symbiose aus digitalen Codes und Kreativität erlaubt Kunstschaffenden völlig neue Ausdrucksformen. Der Kunstbegriff befindet sich im Wandel – wieder einmal
Refik Anadol – Machine Hallucinations. Galerie König 2021 | Foto: Roman März
Refik Anadol – Machine Hallucinations. Galerie König 2021 | Foto: Roman März
Anke Bracht Redaktion

Nicht weniger als ein Universum fotografischer Daten ist die Basis für die Arbeiten von Refik Anadol. Der aus Istanbul stammende Künstler sammelt „kollektive visuelle Erinnerungen“ aus dem persönlichen Umfeld, aus der Natur und städtischen Umgebungen. Mithilfe von Generative Adversarial Networks (GANs) – künstlichen neuralen Netzwerken – erschafft er riesige Datenskulpturen, die computergenerierte Naturpigmente in ständiger Bewegung zeigt. Diese sind Teil der Ausstellung Machine Hallucinations: Nature Dreams, die Anadol speziell für die Berliner König Galerie konzipierte und dort Ende letzten Jahres zu sehen war. Im Dreiklang mit Datengemälden und Winds of Berlin, einer ortsspezifischen Echtzeitprojektion aus Wetterdaten der Stadt auf den Turm von St. Agnes, zeigte der Künstler, welches hohe technologische und ästhetische Level KI-Medienkunst inzwischen erreicht hat.

Das Projekt Machine Hallucinations startete Anadol 2016 während seiner Zeit als Artist in Regency bei Google. Seitdem nutzt er GAN-Algorithmen, um „unerkannte Bewusstseinsebenen unserer äußeren Realität zu zeigen“, wie es im Katalog zur Ausstellung heißt. GAN-Algorithmen zeichnen sich dadurch aus, dass sie auf ein bestimmtes Ergebnis hin „trainiert“ werden: Bei dieser Methode des maschinellen Lernens arbeiten die künstlichen Neuronen mit Ausgangsdaten und deren Ergebnissen. Indem sie wieder und wieder Berechnungen anstellen, also „lernen“, nähern sie sich dem gewünschten Ergebnis immer stärker an. Werke wie Nature Dreams sind also nicht etwas willkürlich Entstandenes, sondern basieren auf exakten Vorgaben: Der Künstler ist kreativ, nicht die Maschine.

Der Künstler ist kreativ, nicht die Maschine

Mit GAN-Technologie setzt sich auch die Londoner Künstlerin Anna Ridler auseinander. Ihr 2019 gestartetes Projekt Bloemenveiling in Anlehnung an die Tulpenmanie der Niederländer im 17. Jahrhundert ist eine Auktion mit KI-erzeugten Tulpen aus ihrer Video-Installation Mosaic Virus. Der ebenfalls virtuelle Hammer fällt auf der Plattform der Kryptowährung Ethereum. Wer den Zuschlag erhält, kann sich das als NFT-kodierte Kunstwerk eine Woche lang auf dem eigenen Bildschirm anschauen und den Tulpen beim Aufblühen und Verwelken zusehen. Nach sieben Tagen wird das Kunstwerk gelöscht. Dass sie bei ihrer Arbeit GANs einsetzt, empfindet sie nicht als technisch, sondern sieht das Menschliche darin – schließlich seien Daten das Ergebnis menschlicher Handlungen und damit Teil eines kreativen Prozesses. Bei Mosaic Virus sind es die Daten von mehr als 10 000 Fotografien, die Anna Ridler anfertigte, katalogisierte und die KI damit fütterte.

Maschinelle Muse

Während Refik Anadol und Anna Ridler ihren Maschinen klar vorgeben, was am Ende herauskommen soll, beschreitet der Münchner Künstler Mario Klingemann, ein Pionier im Bereich Algorithmus-generierter Kunst, andere Wege. Er sieht den Reiz dieser Kunstform darin, der KI möglichst viele Informationen vorzuenthalten, und begeistert sich für das Unbekannte, das Überraschende und die „Fehler“ im Ergebnis. Für sein Projekt botto hat er einen autarken, maschinellen KI-Künstler geschaffen, der nicht nur selbstständig produziert, sondern auch eine Auswahl trifft und diese verkauft. Nach Angaben der FAZ hat botto bereits KI-Kunst für mehr als eine Million Dollar verkauft, aber mit der Auswahl tut sich der Algorithmus schwer – und wird deshalb von Menschen unterstützt.

Codes als Füllhorn der Ideen: Der Berliner Künstler Roman Lipski wagt sich noch ein Stück weiter aus der Komfortzone des Kunstschaffens mittels KI heraus. Denn er hat eine Muse erzeugt, einen inspirierenden Algorithmus. Während seiner Lehrtätigkeit an der Universität der Künste Berlin (UdK) traf er auf den Informatiker Florian Dohmann. Ihre gemeinsam entwickelte Software Arta ist ein Kreativwerkzeug, das dem Prozess des Schaffens Flügel verleihen soll. Ganz im Sinne von Novalis oder Beuys, wonach jeder Mensch das künstlerische Moment in sich trägt. Wie um das zu beweisen, öffnet Lipski sein Atelier für Kunst-, Kultur- und Technikbegeisterte und bietet dort Einzelworkshops an.

»Inspiration durch KI wird sich als selbstverständlicher Bestandteil des Schöpfungsprozesses etablieren«

 

Refik Anadol – Machine Hallucinations. Galerie König 2021 | Foto: Roman März
Refik Anadol – Machine Hallucinations. Galerie König 2021 | Foto: Roman März

Beginn einer neuen Epoche

Unfinished nennt Roman Lipski sein interaktives Konzept, mit dem er den inneren, verborgenen Künstler in seinem Gegenüber animieren und sichtbar machen möchte. Im Dialog mit Arta ermöglicht er dem Teilnehmer das Schaffen eines Gemäldes mit Pinsel und Farbe, das er zum Abschluss des Workshops in seinem eigenen Stil finalisiert. Dass die „Methode der Muse“ universell und überall da einsetzbar ist, wo Kreativität gefordert ist, davon ist er überzeugt: Inspiration durch KI wird sich als selbstverständlicher Bestandteil des Schöpfungsprozesses etablieren, auch jenseits der Kunst. „Wenn die Gesellschaft so weit ist, das anzuerkennen“, sagt Roman Lipski in einem Video der Alfred Herrhausen Gesellschaft, „ist das eine große Bereicherung.“

Technologischer Support, inspirierendes Tool oder Emanzipation der Maschine vom Künstler – was kommt auf die Kunstwelt zu? Und was macht das mit dem Kunstbegriff? So viel steht fest: Wir befinden uns am Beginn einer neuen Epoche und Galerien wie Museen sind gefordert, Algorithmus-basierten Schaffensformen im wörtlichen Sinne Raum zu geben. Wegbereiter Refik Anadol hat die Antwort auf die Frage nach einem erweiterten Kunstbegriff für sich bereits gefunden. Er versteht Maschine Hallucinations als Prozess, als fortlaufende Erforschung der Datenästhetik und des Raums zwischen Digitalem und Physischem. Mit Kunstwerken wie Nature Dreams, die sich immer wieder neu erfinden.

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