Kaum ein Thema hat die Deutschen zuletzt so sehr verunsichert wie das Heizungsgesetz. Wie werden und wie sollen wir in Zukunft heizen? Warum mischt sich da der Staat ein? Und was ist mit den Klimazielen? Diese Auseinandersetzungen rührten an die Grundfesten der Republik. Schlagworte wie Technologieoffenheit und Freiheit der Entscheidung prägten die Debatte. Als die Bundesregierung im Februar 2026 Eckpunkte für ein neues Gebäudemodernisierungsgesetz vorlegte, war daher die Spannung groß: Kann die neue Regierung die Erwartungen der Menschen erfüllen?
Noch gilt das Gebäudeenergiegesetz (GEG) der Ampel-Regierung. Ein konkretes neues Gesetz soll noch im Sommer verabschiedet werden. Die Eckpunkte zeigen bereits die Richtung. Die wohl plakativste Änderung ist der Wegfall der bisherigen Vorgabe, dass neue Heizungen zu mindestens 65 Prozent mit erneuerbaren Energien betrieben werden müssen. Öl- und Gasheizungen dürfen also weiterhin eingebaut und genutzt werden. Bestehende Anlagen müssen nicht zwingend ausgetauscht werden. Das soll vielen Eigentümern den Druck nehmen, kurzfristig Entscheidungen treffen zu müssen.
Ab 2029 soll schrittweise ein wachsender Anteil klimafreundlicher Brennstoffe bestehende fossile Systeme grüner machen. Zudem sollen bürokratische Hürden abgebaut, Beratungspflichten reduziert und Zertifizierungen vereinfacht werden. Auch die kommunale Wärmeplanung soll unkomplizierter gestaltet werden.
KURSWECHSEL: MEHR ENTSCHEIDUNGSFREIHEIT
Zumindest ein bisschen loben Fachleute das Vorhaben. Michael Hilpert, Präsident des Zentralverbands Sanitär Heizung Klima, lobt den „klaren politischen Rahmen“. Markus Staudt vom Bundesverband der Deutschen Heizungsindustrie findet: „Der Wärmemarkt muss zurück zu mehr Fach- und Sachlichkeit. Weniger Bürokratie und mehr Entscheidungsfreiheit für Eigentümerinnen und Eigentümer sind zentrale Voraussetzungen dafür, dass die dringend notwendige Modernisierung der Heizsysteme endlich wieder an Fahrt gewinnt.“ Und Martin Sabel, Geschäftsführer des Bundesverbands Wärmepumpe, meint: „Die Koalition setzt ein wichtiges Zeichen, indem sie die Fortsetzung der bestehenden Heizungsförderung bis mindestens 2029 bekräftigt.“
Tatsächlich stehen die Eckpunkte für einen Kurswechsel in der deutschen Energiepolitik, von dem auch Hauseigentümer betroffen sind. Was wird sich für sie konkret mit einem neuen Gesetz ändern? Wer heute baut oder modernisiert, hat theoretisch mehr Entscheidungsfreiheit. Doch weil die grundlegenden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen gleich bleiben, könnte sich diese Freiheit als trügerisch erweisen.
Denn ein Heizsystem wird für Jahrzehnte festgelegt. Deshalb müssen Hauseigentümer nicht nur die Anschaffungskosten, sondern auch die langfristigen Betriebskosten im Blick haben. Da bietet sich in der Regel eine Wärmepumpe an, weil sie effizient und kalkulierbar im Betrieb ist - und zugleich stark gefördert wird. Die Entscheidung für eine anfangs billigere Gas- oder Ölheizung könnte sich dagegen als schlechte Investition erweisen, weil langfristige Kosten unterschätzt werden. Aktuell steigen nicht nur die Energiepreise für Öl und Gas, beispielsweise durch den Krieg im Iran, sondern auch die Kosten für CO2 und die Netzinfrastruktur. Diese zusätzlichen Kosten belaufen sich auf rund 20.000 Euro, sagt Sandra Duy, Expertin für energetische Sanierung beim Verbraucherportal Finanztip. Damit wird die vermeintlich günstige Gasheizung langfristig zur teuren Belastung.
EINE ÖKONOMISCHE ZEITBOMBE
Hinzu kommt die Frage nach dem Immobilienwert: Wer heute veraltete Öl- oder Gasheiztechnik einbaut, riskiert einen langfristigen Wertverlust des Gebäudes. Dies betrifft nicht nur Neubauten, sondern auch Bestandsgebäude. Ein typisches Beispiel ist ein rund 30 Jahre altes Einfamilienhaus mit Gasheizung: Hier befindet man sich oft in einer Übergangssituation. Das Gebäude entspricht energetisch meist nicht mehr dem aktuellen Standard, lässt sich aber sinnvoll modernisieren. Auch hier gilt: Die Öl- und Gasheizung – auch als Hybridlösung mit Wärmepumpenunterstützung – ist von massiven Kostensteigerungen betroffen, zumal die staatliche Förderung geringer ausfällt.
Hinzu kommt ein sozialer Aspekt. Wer zur Miete wohnt, steht bei einer falschen Technikentscheidung vor langfristig höheren Betriebskosten. „Vermieter bestimmen über Heizung, Energieträger und Gebäudezustand – die daraus resultierenden Heiz- und Investitionskosten tragen jedoch die Mieter. Für Vermieter entsteht so kein zusätzlicher Anreiz für klimafreundliche Heizungen, während für Mieter ein erhebliches Kostenrisiko besteht“, erklärt Melanie Weber-Moritz, Präsidentin des Deutschen Mieterbundes.
Claudia Kemfert, die am DIW Berlin die Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt leitet, ist daher sehr entschieden: „Wer ein Haus besitzt, dessen Heizung an Öl und Gas hängt, sitzt buchstäblich auf einer Zeitbombe – nicht nur klimapolitisch, sondern auch ökonomisch“, schreibt sie in einem Gastbeitrag in der taz. „Preissteigerungen und Lieferkrisen treffen zuerst diejenigen, deren Wärmeversorgung fest an fossile Importe gekettet ist. Wärmepumpen, Dämmung und Quartierslösungen sind deshalb kein Abriss des Lebenswerks, sondern dessen Schutz.“
CO2-PREIS MACHT FOSSILE ENERGIE TEURER
Der wichtigste Kostentreiber ist der gesetzlich eingeführte CO2-Preis. Dieser beträgt zum Beispiel bei Gas in diesem Jahr bis zu 1,4 Cent pro Kilowattstunde, was rund zehn Prozent des Gaspreises entspricht. Weil in den kommenden Jahren der europäische Emissionshandel greift, sind die Kosten schwerer vorhersehbar, sie dürften aber steigen. Fachleute prognostizieren CO2-Preise von 120 bis 151 Euro pro Tonne innerhalb der nächsten vier Jahre, was einer Verdopplung bis nahezu Verdreifachung entspricht. Bei einem Jahresverbrauch von 20.000 kWh würden sich die Mehrkosten laut Finanztip auf rund 764 Euro belaufen. Bei Wärmepumpen würde der CO2-Preis dann zu Buche schlagen, wenn Strom aus fossilen Energien genutzt wird, das aber lässt sich vermeiden. Gleichzeitig sinkt der Gasbedarf in den nächsten Jahren deutlich, was die Netzentgelte in die Höhe treibt. Immer weniger Verbraucher müssen die Fixkosten für den Betrieb und die Instandhaltung der Netze tragen. Ob die Netze überhaupt noch wirtschaftlich betrieben werden können, ist fraglich. Ein Beispiel ist der regionale Energieversorger MVV in Mannheim, der das Gasnetz bis 2035 stilllegen will. „MVV empfiehlt seinen Kunden, sich frühzeitig um alternative Heizformen zu kümmern“, heißt es in einer Erklärung des Unternehmens. Das Prinzip ist klar: Sinken die Transportmengen, steigen die Logistikkosten, und zwar nicht nur für Gas, sondern auch für Heizöl oder Flüssiggas.
Die Eckpunkte der Bundesregierung sehen vor, dass fossile Heizungen ab 2029 schrittweise mit CO2-neutralen Brennstoffen wie Biomethan oder Bioheizöl versetzt werden müssen, zunächst mit einem Anteil von zehn Prozent. Dieser Anteil soll kontinuierlich steigen, bis fossile Heizsysteme rechnerisch klimaneutral betrieben werden können. Parallel dazu plant die Regierung die Einführung einer Grüngasquote: Ab 2028 müssen Anbieter von Erdöl und Erdgas ihren Produkten zunächst ein Prozent klimaneutrale Gase wie Biomethan, synthetisches Methan oder Bioöl beimischen. Auch dieser Anteil soll schrittweise erhöht werden.
BIOANTEILE SIND VERFÜGBAR, DIE KOSTEN ABER UNGEWISS
Vertreter der Bioenergiebranche verweisen darauf, dass entsprechende Potenziale vorhanden sind. „Wir verfügen über ausreichend nachhaltig verfügbare Potenziale in Deutschland, um kurz-, mittel- und langfristig Biogas, Biomethan und Holz für die Wärmewende und zur Stabilisierung des Stromsystems zu bezahlbaren Preisen zu liefern“, betont Sandra Rostek, Leiterin des Hauptstadtbüros Bioenergie. Doch die Kosten und die Verfügbarkeit sind noch weitgehend ungeklärt und der Aufbau entsprechender neuer Netze ist ungewiss.
Umweltverbände äußern daran deutliche Kritik. Organisationen wie BUND, Deutsche Umwelthilfe, Greenpeace, NABU und WWF Deutschland bewerten die Grüngasquote als „klimapolitisch wirkungslos, sozial unausgewogen und systemisch kontraproduktiv“.
HEIZEN MIT WASSERSTOFF?
Wie sieht es aber mit klimaneutralem Wasserstoff aus? Dieser Energieträger ist grundsätzlich mit bestehender Heiztechnik und vorhandenen Gasnetzen kompatibel und setzt bei der Verbrennung lediglich Wasserdampf frei.
Bereits heute lassen viele Eigentümer sogenannte H2-ready-Thermen installieren, die künftig mit Wasserstoff betrieben werden könnten. In der Praxis lassen sich jedoch technisch nur bis zu ein Fünftel Wasserstoff im bestehenden Erdgasnetz beimischen. Ein eigenes Netz für reinen Wasserstoff ist zwar im Aufbau, doch sollte sich kein Hauseigentümer auf einen pünktlichen Anschluss verlassen. „Das Heizen mit Wasserstoff ist derzeit keine praktikable Alternative zu Erdgas. Technische, infrastrukturelle und versorgungstechnische Hürden stehen einem schnellen Wechsel entgegen“, so die Energieberatung der Verbraucherzentralen.
Das legt nur eines nahe: Hauseigentümer sollten die Modernisierung ihrer Heizungsanlage so schnell wie möglich angehen. Wer sich heute durch die Eckpunkte darin bestätigt sieht, dass noch genügend Zeit ist, um neu zu planen und zu kalkulieren, verkennt die Dynamik der Energiemärkte. Schwankende Preise und steigende Kosten machen fossile Technik in einer Zeit, in der der Klimawandel bekämpft werden soll, zur aussterbenden Dino-Technik.
Daher bleibt die Bundesregierung in einem Punkt auf Kurs mit der ungeliebten Ampel: bei der staatlichen Förderung. Im Klima- und Transformationsfonds stehen 2026 rund 7,7 Milliarden Euro für die Heizungsmodernisierung zur Verfügung. Es gibt Investitionszuschüsse von bis zu 70 Prozent sowie zinsvergünstigte Kredite und Tilgungszuschüsse. Bis mindestens 2029 soll die Förderung weiterlaufen. Die Nachfrage ist entsprechend hoch: 2025 wurden insgesamt 573.421 Förderanträge gestellt und in den ersten beiden Monaten des Jahres 2026 bereits 62.069, überwiegend für Wärmepumpen. Wer jedoch damit rechnet, auch nach 2029 noch unterstützt zu werden, könnte sich verrechnen.
VERFEHLTE KLIMAZIELE
Dabei wird in Deutschland weiterhin viel zu wenig in neue Heizungen investiert. Die Sanierungsquote liegt bei lediglich 0,67 Prozent, klimapolitisch notwendig wären jedoch die Modernisierung von zwei Prozent der rund 19,5 Millionen Wohngebäude im Jahr. Denn Gebäude verbrauchen rund 35 Prozent der Endenergie in Deutschland und sind für etwa 30 Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich. Aktuell steigen diese jedoch an, statt wie notwendig zu sinken. Mit den neuen Eckpunkten setzt die Bundesregierung nicht auf politischen Druck, sondern auf das Prinzip Hoffnung: Die Deutschen werden schon vernünftig handeln und ihren Beitrag leisten. „Die Nachfrage nach Elektroautos und Wärmepumpen ist 2025 enorm gestiegen. Das macht Hoffnung, dass die Fortschritte in den nächsten Jahren wieder größer werden”, sagt Bundesumweltminister Carsten Schneider.
Sollte sich diese Hoffnung nicht erfüllen, will die Bundesregierung ab dem Jahr 2030 nachsteuern. Es könnten vier verlorene Jahre werden. Klimapolitisch für das ganze Land. Und wirtschaftlich für diejenigen, die weiterhin auf fossile Technik setzen.