Frau Prof. Brözel, viele Reiseveranstalter werben mit dem „besonderen Erlebnis“. Was ist darunter zu verstehen? Die Frage ist, welches Ziel ich mit einer Reise habe. Laut Reiseanalyse möchte der Hauptanteil der Reisenden sich erholen: Entspannung, Sonne, Strand. Ich gehe aber davon aus, dass sich die Reiseziele verändern werden, vor allem wegen des Klimawandels. Es macht eben nicht mehr so viel Spaß, bei 45 Grad im Schatten in Spanien am Strand zu liegen. Andere Reisemotive werden wichtiger: Aktivurlaub, wandern, die Studienreise. Will ich aber tatsächlich etwas erleben, muss ich mich öffnen. Und das am besten vorurteilsfrei.
Wie können sich Reisende darauf vorbereiten?
Man könnte das im eigenen Alltag üben, indem man aus seiner Komfortzone heraustritt, in der man sich eingerichtet hat. Bevor man Skifahren geht, trainiert man auch in der Regel seine Fitness. Und wenn man sich kulturell vorbereiten möchte, könnte man in ein Museum gehen, in eine Ausstellung, einen Film über das Reiseland schauen oder ein Buch lesen. Ich selbst lese gerne Romane über die Länder, in die ich reise. Sich ein Grundwissen über das Reiseland anzueignen, über Kulturgeschichte, Religion, Politik, halte ich für wichtig.
»Will ich tatsächlich etwas erleben, muss ich mich öffnen.«
Wie geht man am besten vor?
Es gibt Literatur zu Länderkunde, zum Beispiel die „Sympathiemagazine“ des Studienkreises für Tourismus und Entwicklung Starnberg. Die Hefte sind aufwendig und nahbar geschrieben, gemeinsam mit Einheimischen. Sie geben Einblicke in die Geschichte und die Kultur des Landes und sie geben ganz praktische Verhaltenstipps, etwa zum Verhalten in der Öffentlichkeit, zu Fragen rund um Geld, zur Kommunikation und zu möglicherweise sensiblen Themen.
Der Verkauf von Reiseführern ist rückläufig, viele informieren sich über ihr Reiseland nur noch über das Internet. Was halten Sie von dieser Entwicklung?
Ich finde sie problematisch deshalb, weil das Internet dazu führt, dass man sich selektiv informiert. Ich kann mich so einrichten, dass alle, mit denen ich verbunden bin und alle Informationen, die ich bekomme, immer nur das wiedergeben, was ich hören möchte. Ich erfahre nichts, was außerhalb meiner Bubble stattfindet und muss mich mit nichts beschäftigen, was auf den ersten Blick unbequem aussieht. Das kann dazu führen, dass Vorurteile bestehen bleiben, anstatt hinterfragt zu werden.
Was könnte man stattdessen tun?
Sich aktiv anders informieren! Zum Beispiel habe ich mit meinen Studierenden an einer Führung in Berlin-Neukölln teilgenommen, durch die arabisch geprägte Sonnenallee. Geführt hat uns ein junger Syrer, der Sozialwissenschaften studiert hat. Er hat erzählt, dass im Zusammenhang mit Neukölln vorwiegend über Clankriminalität berichtet wird. Als vor zwei Jahren in der Silvesternacht im Viertel ein Bus angezündet wurde, haben Medien vorwiegend über diesen Zwischenfall berichtet. Dabei hat unser Reiseführer Belege vorgelegt, wonach in dieser Nacht in der ganzen Stadt viele ähnliche Zwischenfälle passiert sind. Aber die Medien haben vorwiegend diesen einen Brand in Neukölln aufgegriffen. So entstehen Vorurteile: Neukölln, Sonnenallee, Clankriminalität, Gewalt.
»Veranstalter haben in Flug- oder Unterkunftsdatenbanken häufig Kontingente und können preislich besser kalkulieren.“ «
Um Vorurteile abzubauen, könnte Reisen helfen?
Ich denke, ja. Das Wichtigste auf Reisen ist die Begegnung mit anderen Menschen, einer anderen Kultur. Die Reiseindustrie war nach dem Zweiten Weltkrieg darauf ausgelegt, dass Menschen unselbstständig arbeiten und eine definierte Form von Urlaub haben. Das hat sich geändert, wie auch die Arbeitsmodelle und Lebensentwürfe der Deutschen sich geändert haben. Die Haupturlaubsreise ist zwar nicht verschwunden, aber mit den jungen Generationen wird das Reiseverhalten flexibler: Es wird kürzer, häufiger und spontaner verreist. Ich habe da meine Studierenden im Kopf, die sagen: Ich nehme jetzt mal mein Bike und fahre vier Wochen durch Spanien. Dafür ist kein Reiseveranstalter notwendig.
Anders sieht das bei Fernreisen aus. Wer etwa – wie in unserer Titelgeschichte – nach Kathmandu reisen möchte, muss aufwendiger planen.
Natürlich. Darauf haben sich Reiseveranstalter spezialisiert. Viele Zielgebiete setzen inzwischen voraus, dass man lokale Tourguides beschäftigt. Das ist teilweise sogar gesetzlich verankert, etwa in Jordanien. Ich sehe das als Chance, der Kultur näherzukommen. Pauschalreiseveranstalter bieten inzwischen flexible Pakete an, von der Rundumbetreuung bis zu individuellen Bausteinen. Man kann Saudi-Arabien individuell erleben: Veranstalter buchen die Übernachtung, die Mahlzeiten, Ankunft, Abflug, Transfer, zwei, drei Besichtigungen, Eintrittsgelder, Landkarte, Infomaterial – das bekommen Reisende alles dazu, bis hin zum Toyota Landcruiser. Das kann man auch als kleine Gruppe machen. Wer da mitreist, sollte sich darauf vorbereiten, dass unvorhergesehene Dinge passieren. Dass Begegnungen intensiver werden. Und das bedeutet natürlich auch mehr Eigenverantwortung. Dazu kommt: Wer individuell reist, kann den Preis kaum abschätzen. Veranstalter haben in Flugoder Unterkunftsdatenbanken häufig Kontingente und können preislich besser kalkulieren. Auch Sprachbarrieren lassen sich mit Hilfe von Veranstaltern überwinden.
Was passiert mit den Menschen vor Ort, den Bereisten sozusagen? Viele haben den Tourismus satt.
Dass Menschen in den Zielländern sich gegen Tourismus wehren, ist keine neue Entwicklung. Das gab es schon in den 1980er Jahren auf den Kanarischen Inseln. Oder im indischen Goa, das als Hippieparadies galt, wohin die Leute fuhren und sich zudröhnten. Die Einheimischen sind auf die Barrikaden gegangen, bis die Regierung eingreifen musste. Das zeigt: Der Anspruch, den wir auch aus unserer westlichen Welt mitbringen, macht die Einheimischen oft sprachlos. Weil die Kultur vor Ort eben ganz anders ist. Oder weil die Preise steigen. Auf den Kanaren ist die Situation aktuell schwierig, weil junge Menschen sich die Mieten nicht mehr leisten können. Dieses Problem wird durch die digitalen Nomaden zugespitzt, die unterwegs arbeiten und längere Zeit in einem Urlaubsgebiet leben. Sie haben gute Jobs und viel mehr Geld als die Menschen, die vor Ort leben. Das wirkt sich auf das Preisgefüge aus.
Wie groß ist die Gefahr bei Erlebnisreisen, dass einheimische Traditionen verwässern oder gar zum Touristentheater werden?
Die Gefahr gibt es. Gerade in Afrika war es eine Zeitlang üblich, dass normale Menschen, die einen Bürojob hatten, sich als Buschmänner verkleiden. Wenn der Touristenbus kommt, tanzen und trommeln sie eine Runde. Hier kommt es stark auf den Veranstalter an, wie authentisch die Erlebnisse vor Ort sind. Aber es gibt auch die andere Seite dieser Entwicklung: Wenn vor Ort Tradition inszeniert wird und die Menschen gut bezahlt werden, dann können diese Inszenierungen Kultur vermitteln. Das wäre ein guter Deal.
Das gibt es ja heute auch anderswo, dass Traditionen in andere Bereiche einfließen, in Werbung, Sport oder Events, wenn sie kommerzialisiert oder zum selbstbewussten Ausdruck des nationalen Erbes werden – Ayurveda in Indien, der Haka-Tanz der Maori in Neuseeland oder PowWows der Native Americans. Können Reisen in fremde Kulturen das Verständnis verbessern?
Unbedingt ja, wenn man den Menschen im Gastland etwas tiefer begegnet. Reisen hat ja immer viel mit einem selbst zu tun. Wenn ich auf einer Geschäftsreise in China bin, habe ich vielleicht keine Zeit, mich mit einheimischer Kultur zu beschäftigen. Ich kann dann aber immer noch mit den Menschen an der Rezeption sprechen, mit einem Kellner oder mit dem Zimmermädchen. Über die Situation vor Ort, über allgemeine und persönliche Dinge. Am Ende des Tages ist die Offenheit wichtig, die Interaktion, die Kommunikation. Im besten Fall komme ich sogar ein wenig offener zurück als ich losgefahren bin. Ich habe etwas gelernt, vielleicht meinen Blickwinkel verändert. Oder, wie der Soziologe Hartmut Rosa sagen würde, ich bin in Resonanz gegangen und habe meine Weltbeziehung erweitert, verändert oder neu ausgerichtet. Und dabei vielleicht Vorurteile abgebaut.
Begriffe wie „fairer“ oder „behutsamer“ Tourismus liegen im Trend. Wie erfüllt man diesen Anspruch?
Nur ein kleines Beispiel hierzu: Man kann kleine Geschenke aus seiner Heimat mitbringen – und wenn es nur eine Seife ist oder eine spezielle Schokolade. Aus Berlin bringe ich gern Ampelmännchen mit oder einen Berliner Bär. Damit kann man sofort in eine Geschichte einsteigen, von seinem Land erzählen und kann dann die Gegenseite fragen: Was gibt es Spezielles bei euch? Welche Wahrzeichen gibt es? Schon ist man in Kontakt getreten. Was ich auch gerne empfehle: dass man schaut, was vor Ort gebraucht wird. Manchmal, je nach Land, sind es Stifte, Bleistifte oder Buntstifte.
»Am Ende des Tages ist die Offenheit wichtig, die Interaktion, die Kommunikation.«
Und der „nachhaltige“ Tourismus? Wie lässt sich dieser Anspruch umsetzen?
Grundsätzlich sollte man alle Angebote der Veranstalter prüfen. Viele schreiben „grün“ oder „nachhaltig“ auf ihre Reise. Dennoch muss man genau darauf achten, wie Angebote gestaltet sind. Mit welchen Verkehrsmitteln wird die Anreise organisiert? Wie ist die Art der Unterkunft? Wie wird Müll entsorgt? Wie lange bleibe ich selbst vor Ort, stimmt das Verhältnis zur Entfernung? Ich bin die Letzte, die das Fliegen verbieten möchte. Aber wenn man nach Australien fliegt, dann sollte man mindestens sechs Wochen bleiben. Man kann auf Geldströme achten, also bei Einheimischen essen oder kaufen. Eine eigene Trinkflasche mitnehmen. Also: länger bleiben, lokal konsumieren. Und Veranstalter wählen, die Nachhaltigkeit wirklich ernst nehmen.