Flucht ins Paradies?

Seine Arbeit für eine Weile aus dem Ausland zu erledigen, das steht hoch im Kurs. Und manche Menschen kehren als digitale Nomaden Deutschland sogar auf Dauer den Rücken. Hier steht, was dabei zu beachten ist.

Illustration: Julia Körtge
Illustration: Julia Körtge
Kai Kolwitz Redaktion

Aufstehen und aufs Meer blicken. Eine erste Tasse Kaffee in kurzen Hosen auf der Terrasse. Danach ein gemütliches Frühstück unter dem blauen Himmel – und dann so langsam mal gucken, was für Mails aus der Heimat gekommen sind, irgendwo fern im Norden…

Für wohl die meisten Menschen klingt das nach einer sehr begehrenswerten Art, in den Tag zu starten. Die so genannte „Workation“ liegt im Trend. Gemeint ist damit, für eine Weile dort zu arbeiten, wo andere Urlaub machen. Das ist die logische Weiterentwicklung des Konzepts Home Office: Wenn ich sowieso nicht ins Büro gehen muss, warum den Laptop nicht dort aufklappen, wo es schöner ist als im tristen Deutschland? Auf den Kanaren zum Beispiel? In Portugal? Auf Bali oder auch in den Alpen?

Prinzipiell ist Workation an jedem Ort möglich, an dem die nötige Infrastruktur existiert – die meisten dürften dabei zuerst an schnelles und zuverlässiges Internet denken. Aber auch darüber hinaus sind einige Dinge zu beachten, damit es später keine unangenehmen Überraschungen gibt. Spoiler: Je länger der Arbeitsurlaub dauern soll, desto mehr gilt es zu regeln.

Workations können in der Konkurrenz der Firmen um begehrte Fachkräfte ein gutes Argument sein. Und nach einer aktuellen Studie des Beratungsunternehmens KPMG stehen rund die Hälfte aller deutschen Unternehmen dem Thema „Arbeiten auf Zeit aus dem Ausland“ aufgeschlossen gegenüber. Aber in jedem Fall müssen sich Mitarbeitende und Arbeitgeber absprechen – Sicherheit schafft eine schriftliche Vereinbarung, auf die sich beide Seiten nachher beziehen können.

Was darüber hinaus noch zu beachten ist, hängt stark von der Dauer des Auslandsaufenthalts und dem gewählten Land ab. Am einfachsten ist es, wenn die Workation maximal vier Wochen dauert. Dann gilt deutsches Arbeitsrecht im Ausland fort, auch mit der deutschen Sozialversicherung sollte es dann keine Probleme geben.

Wer länger als vier Wochen aus dem Ausland für seinen hiesigen Arbeitgeber arbeiten will, kann innerhalb der EU und einigen assoziierten Ländern in der deutschen Sozialversicherung bleiben, nur eine Auslandskrankenversicherung könnte unter Umständen sinnvoll sein. Genaueres dazu weiß die Deutsche Verbindungsstelle Krankenversicherung Ausland (DVKA). Dort lässt sich auch die so genannte A1-Bescheinigung beantragen – mit dieser kann in diesen Ländern nachgewiesen werden, dass weiter die deutsche Versicherung maßgeblich ist.

Allerdings: Nicht mit allen Ländern der Erde existieren Abkommen, die die Sozialversicherungspflicht regeln. Wenn es dumm läuft, kann es deswegen außerhalb der EU passieren, dass man doppelt zahlt. So muss man nach Angaben der Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young in Argentinien vom ersten Tag an in die dortige Sozialversicherung einzahlen, wenn man von dort aus tätig wird.

Natürlich: Bei einem kürzeren Aufenthalt werden viele das Risiko eingehen und ohne Anmeldung aus dem auf Zeit gemieteten Appartement arbeiten. Legal ist die Sache allerdings nicht. Und: Wer in Deutschland privat krankenversichert ist, sollte prüfen, ob der Schutz längere Arbeitsaufenthalte im Ausland abdeckt. Die Hanse Merkur etwa bietet für solche Fälle einen eigenen Workation-Tarif an.

Und auch das Thema Steuern muss man im Auge behalten. Die wichtige zeitliche Grenze für Arbeit aus dem Ausland sind hier in der Regel 183 Tage. Denn dann wechselt meist die Lohnsteuerpflicht an den Ort, von dem aus man lebt und arbeitet. Aber Achtung, auch zu dieser Regel gibt es Ausnahmen. Gerade wenn ein langer Aufenthalt außerhalb der EU geplant ist, sollte man prüfen, ob mit dem gewählten Land ein Doppelbesteuerungsabkommen existiert – und was es im Einzelnen festlegt.

Auch für den Arbeitgeber wird die Sache herausfordernder, wenn ein Mitarbeiter seine Arbeit für längere Zeit – oder sogar auf Dauer – von einem anderen Land aus erledigen will. Thema ist auch hier das Steuerrecht. Unter anderem könnte das Finanzamt hier die Gründung einer ausländischen Betriebsstätte annehmen, was zu doppelter Besteuerung oder zumindest zu mehr Aufwand führen kann.

Unter Umständen wird man sich dann darauf einigen, dass der Mitarbeiter in die Selbstständigkeit wechselt: Herzlich Willkommen im Leben eines so genannten digitalen Nomaden. Darunter versteht man Menschen, die für ihre Arbeit nur Internet und Laptop brauchen und das nutzen, um zu reisen und gleichzeitig zu arbeiten.

Am einfachsten ist das für deutsche Staatsbürger naturgemäß innerhalb der EU, wo weder Arbeits- noch Aufenthaltserlaubnis nötig sind. In Regionen wie den Kanarischen Inseln oder Städten wie Lissabon existiert eine gute Infrastruktur für Freelancer, die dem nordeuropäischen Winter entkommen wollen. Aber auch viele weitere Staaten haben sich auf solche Lebensentwürfe eingestellt und bieten speziell auf die Nomaden zugeschnittene Visa an.

So können sie zum Beispiel bis zu sechs Monate steuerfrei in Indonesien leben – etwa auf Bali, das bei Freelancern hoch im Kurs steht. Als Geheimtipp für Profis gilt dagegen Georgien: Hier gibt es schnell und unkompliziert Visa, die für ein Jahr gelten. Allerdings müssen dafür ein Monatseinkommen von rund 2000 Euro oder gut 20.000 Euro Bankguthaben nachgewiesen werden. Zu möglichen Zielen weltweit gibt es eine Fülle von Informationen im Internet – zum Beispiel (auf Englisch) auf nomadlist.com, einer großen Community digitaler Nomaden.

Generell gilt: Wer plant, zeitweise oder auf Dauer vom Ausland aus zu arbeiten, sollte sich gut über die Bedingungen vor Ort informieren und prüfen, ob sie zum Tätigkeitsprofil passen. Neben der Internet-Qualität betrifft das auch die Lebenshaltungskosten, die Verfügbarkeit bestimmter Materialien – und die Zeitverschiebung: Wessen Anwesenheit häufig in Videokonferenzen erwartet wird oder wer davon lebt, dass er schnell auf Anfragen aus Deutschland reagieren kann, für den könnte es in Asien oder Mexiko schwierig werden.

Wer nur ohne übergroßen Zeitdruck schreibt oder programmiert, der hat es in dieser Hinsicht leichter. Dass die Mehrheit der deutschen Auswanderer – aus welchen Gründen auch immer – sich trotzdem für eher reduzierte Exotik entscheidet, zeigt die Top-Ten-Liste ihrer Zielländer. Die ersten zehn liegen sämtlich in Europa, die Spitze bilden Spanien, Österreich und die Schweiz.

Und einer charakterlichen Selbsterforschung sollte man sich vor Workation, digitalem Nomadentum oder endgültiger Auswanderung in jedem Fall unterziehen: Auch im Paradies muss man immer noch arbeiten. Und das kann manchmal wehtun. Hält man es aus, das Meer oder die Berge zwar vom Fenster aus zu sehen – und dann trotzdem erst spätnachmittags hin zu dürfen?

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