Erfolgsmodell Duale Bildung

Die Wirtschaft brummt, Fachkräfte werden gesucht, der deutsche Arbeitsmarkt ist in einem guten Zustand. Ein Erfolgsfaktor ist nach wie vor die duale Ausbildung. Doch es gibt auch Herausforderungen.
Illustration: Dorothea Pluta
Illustration: Dorothea Pluta
Interview: Klaus Lüber Redaktion

Herr Esser, die aktuellen Konjunkturprognosen sind exzellent, die Arbeitslosenquote sinkt – bei Akademikern ist sie so niedrig wie seit fast 40 Jahren nicht mehr. Das sind ideale Bedingungen für Berufsanfänger, oder?
Die Rahmenbedingungen sind in der Tat gut. Wir versorgen den nationalen und internationalen Markt mit hochwertigen Produkten und Dienstleistungen. Um diese herzustellen, brauchen wir hoch qualifiziertes Personal. Solange wir ein Wirtschaftsstandort mit qualitativ hochwertigen Produkten und Dienstleistungen bleiben wollen, werden gut ausgebildete Fachkräfte die notwendige Bedingung für das Gelingen dieses Standortkonzepts bleiben.
 

Trotzdem klagen immer mehr Unternehmen über einen Mangel an Fachkräften. Bilden wir nicht gut genug aus?
Auch wenn es schwarze Schafe im Ausbildungsgeschehen gibt, liegt es sicher nicht an der Qualität der Ausbildung. Das duale System der Berufsbildung ist nach wie vor ein leistungsfähiges Qualifizierungs- und Bildungssystem.
 

Was ist dann das eigentliche Problem?
Die Tatsache, dass wir trotz guter Wirtschaftsdaten und eines leistungsfähigen Ausbildungssystems in vielen Branchen mit einem Mangel an Fachkräften zu tun haben, liegt zum einen an der demografischen Entwicklung. Der Anteil der jüngeren Menschen und damit derjenigen, die ausgebildet werden können, wird zahlenmäßig weniger. Dies über Zuwanderung wenigstens teilweise zu kompensieren, ist übrigens bislang nicht gelungen. Zum anderen beobachten wir einen Bildungstrend, der bereits in den allgemeinbildenden Schulen beginnt: Eltern schicken ihre Kinder zunehmend auf Gymnasien und Gesamtschulen. Das heißt, der Anteil derjenigen Schüler, die eine Hochschulzugangsberechtigung anstreben, steigt, während die Zahl der jungen Menschen mit Hauptschulabschluss deutlich zurückgegangen ist.

Ist es nicht genau das, was die OECD im Hinblick auf das deutsche Bildungssystem schon seit Langem fordert: eine höhere Akademisierungsquote?
Das ist richtig. Allerdings muss man die Gründe für diese Forderung sehr genau hinterfragen. Wenn man, wie es die OECD in der Vergangenheit getan hat, die Akademisierungsquote eines Landes in Beziehung zur Produktivität setzt, kann man leicht zur Erkenntnis gelangen, dass eine höhere Quote an in Hochschulen ausgebildeten jungen Menschen automatisch auch zu einer höheren Wirtschaftsleistung führt – einfach deshalb, weil die Hochschulausbildung als Typus einer qualitativ hochwertigen Ausbildung weltweit anerkannt ist. Wenn man, wie Deutschland, aber auch über alternative, nicht akademische Bildungsmöglichkeiten verfügt, die ebenfalls in der Lage sind, hochwertige Bildungsleistungen zu erzeugen, ist die OECD-Logik nicht mehr stimmig. Von daher ist zu begrüßen, dass es bei der OECD hierzu einen Sinneswandel gegeben hat. Ebenso sensibilisieren der Europäische und der Deutsche Qualifikationsrahmen dafür, Bildungsleistungen output- und nicht input-orientiert zu betrachten und entsprechend zu bewerten.
 

Also verstehe ich Sie richtig, dass der Trend zu einer höheren Bildungs- bzw. Akademisierungsquote eher ein Problem für das deutsche Bildungssystem darstellt?
Er stellt insofern ein Problem dar, als sich dadurch immer weniger junge Menschen für berufliche Ausbildungswege entscheiden, da mit diesen aus ihrer Sicht nur die vermeintlich geringerwertigen Abschlüsse erzielt werden können. Schüler, die in den Haupt- und Realschulen zum oberen Leistungsspektrum gehören, sind beispielsweise prädestiniert für anspruchsvolle Ausbildungsberufe, wie wir sie aus dem Handwerk oder Dienstleistungsbereich kennen. Heute orientieren sich diese Schüler jedoch immer stärker in Richtung Studium. Wenn sie sich dann doch nach Erreichen des Abiturs oder Fachabiturs für eine duale Ausbildung interessieren, sind es von den rund 330 Berufen, die es nach Handwerksordnung und Berufsbildungsgesetz gibt, nur noch einige wenige, die sie wirklich interessieren.
 

Und für die anderen Berufe fehlen dann schlichtweg die Bewerber?
Einerseits ja. Andererseits bekommen wir vonseiten der Unternehmen auch die Rückmeldung, dass selbst bei ausreichender Bewerberzahl Stellen nicht besetzt werden können. Immer wieder hören wir, den jungen Menschen fehle es an Ausbildungsreife, man könne ein bestimmtes notwendiges Grundlagenwissen im Bereich Mathematik, Deutsch und Naturwissenschaften nicht mehr voraussetzen. Hinzu kommen regionale Probleme, insbesondere in strukturschwachen Gebieten, die nur wenig Ausbildungsoptionen für junge Menschen bieten.
 

Wenn Sie eine mangelnde Ausbildungsreife ansprechen – inwiefern ist dies auch den spezifischen Anforderungen durch die Digitalisierung geschuldet?
Die Digitalisierung spielt eine wichtige Rolle. Aus Sicht der Ausbildungsunternehmen ist es wünschenswert und notwendig, dass die jungen Menschen, wenn sie von allgemeinbildenden Schulen kommen, neben den grundlegenden Kulturtechniken über eine Art Bildungsstandard in der IT-Kompetenz verfügen. Damit meine ich Grundlagen, die über das reine Handhaben von informationstechnischen Geräten hinausgehen, etwa im Bereich der IT-Sicherheit oder Datennutzung.
 

Gibt es Zahlen zu dem von Ihnen angesprochenen Mismatch zwischen Bewerbern und zu vergebenden Stellen?
Aktuell zählen wir fast 49.000 unbesetzte Ausbildungsplätze und etwa 80.000 Jugendliche, die noch eine Lehrstelle suchen. Knapp 60.000 von diesen haben eine Ausbildungsalternative, aber ihren eigentlichen Wunsch nach einem Ausbildungsplatz konnten sie bislang nicht in die Realität umsetzen – zum Beispiel weil die gewünschte Ausbildung in der Region nicht angeboten wird.
 

Inwieweit ist das ein branchen- und unternehmensübergreifendes Problem?
Es ist insbesondere ein Problem der Klein- und Kleinstbetriebe. Wir sehen das an einem Rückgang der Ausbildungszahlen vor allem in diesem Bereich. Viele Unternehmen ziehen sich regelrecht aus der Ausbildung zurück, weil sie frustriert sind.
 

Woran liegt das?
Das liegt zu einem wesentlichen Teil an den gestiegenen Ansprüchen der Bewerber an Ausbildung und weiterführend auch an Beschäftigung und Karriere, die sie in kleineren Unternehmen nicht mehr umgesetzt sehen. Im Gegensatz dazu haben Großunternehmen längst ihre Ausbildungsstrukturen an Personalentwicklungsstrategien geknüpft. Es sind vorgezeichnete Karrierewege, die hier geboten werden, die auch über die Ausbildung hinaus bestimmte Möglichkeiten des Aufstiegs vorzeichnen –  bis hin zur Möglichkeit, auf einem internen Arbeitsmarkt von gewerblich-technischen Berufen in kaufmännische Berufe zu wechseln.
 

Trotz all dieser Herausforderungen gilt der deutsche Arbeitsmarkt vielen Ländern geradezu als Vorbild. Das liegt auch am Konzept der dualen Bildung. Ist diese Bewunderung berechtigt?
Die Idee der Berufsbildung, wie wir sie hierzulande umsetzen, ist aus zwei Gründen so effektiv und damit so interessant für andere Länder. Zum einen ist in diesem Modell der Ausbildungsmarkt direkt in den Arbeitsmarkt integriert. Die Betriebe werden gewissermaßen zu Lernorten gemacht. Damit steigen die Chancen der Auszubildenden auf eine spätere Anstellung signifikant, und der Weg zu einer anderen Anschlussbeschäftigung ist barrierefreier. Zum anderen werden immer nur diejenigen Ausbildungsplätze angeboten, deren Branchen sich gut entwickeln. Anders als in einem schulischen System werden also Marktentwicklungen unmittelbar berücksichtigt.
 

Und der zweite Erfolgsfaktor?
Der zweite Erfolgsfaktor ist die Kombination aus praktischem und fachsystematischem Lernen. Genau diese Komplementarität von betrieblichem bzw. kasuistischem Lernen auf der einen und dem fachsystematischen Lernen in der Schule auf der anderen Seite sorgt im pädagogischen Sinne dafür, dass eine bestimmte Kompetenz ausgebildet wird, die möglichst unmittelbar nach Abschluss der Ausbildung wertschöpfungswirksam werden kann. Dadurch werden diejenigen Unternehmen, die über dual ausgebildete Fachkräfte verfügen, besonders schnell befähigt, wertschöpfend am Markt zu agieren. Im Gegensatz dazu kann es sehr zeitaufwendig sein, einen Absolventen mit rein schulischer Bildung an die betriebliche Praxis heranzuführen.
 

Inwieweit lässt sich denn das deutsche duale System überhaupt im- oder exportieren?
Von einem einfachen Im- oder Export zu sprechen, wäre sicher falsch. Aber man kann sich Anregungen holen, wie eine vormals verschulte Qualifizierung stärker an die praktischen Bedürfnisse von Unternehmen geknüpft werden kann. Genau dies ist übrigens auch das Ziel einer aktuellen Initiative der EU-Kommission zur Reform der beruflichen Ausbildungswege, mittels derer man einen Rahmen für hochwertige und nachhaltige Berufsausbildung schaffen will. Orientieren will man sich dabei unter anderem am dualen Ausbildungssystem Deutschlands.