Innovationsstandort Deutschland

November 2019 | Wirtschaftswoche | Economy 4.0

Innovationsstandort Deutschland

Start-ups entfalten Innovationsdynamik, machen die deutsche Wirtschaft wettbewerbsfähig. Doch wie fördern Wirtschaft und Regierung das deutsche Start-up-Ökosystem?

Illustration: Wyn Tiedmers
Julia Thiem / Redaktion

Die Weiterentwicklung bestehender Finanzierungsinstrumente, eine höhere Attraktivität von Direktinvestitionen und die Einführung eines großen nationalen Digitalfonds für Wagniskapital – wenn morgen schon Weihnachten wäre, würden sich deutsche Start-ups genau diese drei Dinge am meisten wünschen. Das sagt zumindest der aktuelle Startup Trendreport vom Bundesverband Deutsche Startups in Kooperation mit Statista, der gerade im September veröffentlicht wurde. Im Klartext: Das deutsche Start-up-Ökosystem braucht vor allem mehr Geld, um wachsen zu können. Und die deutsche Wirtschaft braucht dringend ein gut funktionierendes Start-up-Ökosystem, um bei Zukunftstechnologien wie Machine Learning, Blockchain oder Internet of Things nicht den Anschluss zu verpassen.


Doch genau das könnte passieren, wenn man dem aktuellen Start-up-Barometer der Unternehmensberatung EY Glauben schenken darf. Demnach zieht Paris beim Investitionsvolumen mit 2,8 Milliarden – ein Plus von 43 Prozent im Vergleich zu den ersten sechs Monaten des Vorjahres – an der deutschen Start-up-Hauptstadt Berlin vorbei. Hier stiegen die Start-up-Investitionen lediglich um sieben Prozent auf 2,7 Milliarden Euro. Und auch bei den absoluten Zahlen liegt Paris knapp vor Berlin: 230 Start-up-Investitionen versus 129. An die 323 Investitionen in der britischen Hauptstadt London kommen beide dennoch nicht heran.


Dass der Aufwärtstrend in Frankreich so auffallend ist, wundert Peter Lennartz nicht. Der Partner bei EY und Kopf der dortigen Start-up-Initiative GSA weiß, dass die französische Politik den Start-up-Sektor zur Chefsache erklärt hat und das klare Ziel verfolgt, Frankreich zum Top Standort in Europa zu machen. Und diese politische Unterstützung zeige seiner Meinung nach Wirkung. Er betont aber auch, dass sich Paris und Berlin in der halbjährlichen Erhebung zum Start-up-Ökosystem in Deutschland stets ein enges Kopf-an-Kopf-Rennen lieferten. „Allerdings macht Macron aktuell hier mehr Dampf als unsere Kanzlerin.“


Doch wie sieht es eigentlich im Rest der Republik aus? Hat Deutschland mit Berlin wirklich nur den einen Start-up-Hotspot zu bieten? „Berlin ist und bleibt ein Leuchtturm mit fast zwei Drittel aller Finanzierungen pro Jahr. Berlin ist als Stadt sehr attraktiv, zieht mehr internationale Talente und Geld an als andere deutsche Städte. Das ist für Deutschland wichtig, weil sich so Vergleiche mit anderen Hauptstädten ziehen lassen“, sagt Lennartz. Allerdings habe Deutschland im Gegensatz zu fast allen europäischen Ländern darüber hinaus noch viele andere lebendige Start-up-Ökosysteme – insgesamt 19 hat man bei EY gezählt. „Auf Platz zwei und drei folgen München und Hamburg als Hotspots. Insgesamt vereinen die große drei Städte 80 Prozent aller Finanzierungen. Das heißt jedoch nicht, dass die anderen Ökosysteme weniger interessant sind“, fasst Lennartz zusammen. Wobei er zugibt, dass die relevanten Start-ups schon in der Regel aus Berlin, München und Hamburg kommen.