Lena Müller* hat es mit Wucht zu spüren bekommen. Die heute 27-Jährige hatte in der Corona-Zeit Betriebswirtschaftslehre studiert, ihre Bachelorarbeit schrieb sie im Lockdown. Die Arbeitswelt, in die sie danach kam, bereitete der Absolventin einen großartigen Empfang. „Gefühlt habe ich auf jede Bewerbung eine Einladung erhalten“, erinnert sie sich. Lena arbeitete ein Jahr lang in der Marketing-Abteilung eines Unternehmens, bevor sie ein Masterstudium anschloss. Damit bewarb sie sich im Frühjahr 2026 erneut. „Die Reaktionen auf meine Bewerbungen waren völlig anders als damals“, erzählt sie. „Fast 50 Bewerbungen, am Ende stand eine einzige Einladung.“ Dass sie den Job am Ende bekam, dafür ist sie dankbar.
Die Generation Z, meist definiert als die Jahrgänge zwischen 1995 und 2010, macht derzeit eine Achterbahnfahrt durch. Erst von der Wirtschaft hofiert, dann fallengelassen. So oder ähnlich berichten viele junge Menschen von ihren Gefühlen bei der Jobsuche. Früher sei der Tenor gewesen: Ich mache den Job ein, zwei Jahre, dann schaue ich weiter. Heute hält man an einer Stelle möglichst fest und ist froh, wenn man nicht von einer Kündigungswelle erfasst wird.
Ein Grund dafür ist der deutlich abgekühlte Arbeitsmarkt. Im dritten Quartal 2025 gab es nach Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung bundesweit 1,03 Millionen offene Stellen – 19 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Besonders hart trifft es Berufsanfängerinnen und -anfänger: Eine Auswertung der Jobplattform Indeed ergab, dass die Zahl der Einstiegsstellen seit dem Höchststand im Jahr 2022 um zwei Drittel zurückgegangen ist. Auch die Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen steigt. Im Januar 2026 waren in Deutschland 281.000 Menschen unter 25 Jahren arbeitslos gemeldet – 16.000 mehr als ein Jahr zuvor.
In einer Umfrage des Karriereportals Uniwunder suchten mehr als die Hälfte der Befragten länger als vier Monate nach einer Stelle, ein Drittel bis zu sechs, 19 Prozent länger als ein Jahr. 68 Prozent hatten mehr als 20 Bewerbungen verschickt. Als wichtigste Gründe für ausbleibende Zusagen nennen die Befragten die hohe Konkurrenz, fehlende Praxiserfahrung und mangelnde Rückmeldungen im Bewerbungsprozess.
»Wir sehen keinen Mangel an Motivation, sondern einen strukturellen Bruch im Junior-Recruiting.«
Dem Vorurteil, junge Bewerberinnen und Bewerber seien verwöhnt oder schlicht arbeitsunwillig, tritt Matthias Auer entgegen, Geschäftsführer von Uniwunder: „Wir sehen keinen Mangel an Motivation, sondern einen strukturellen Bruch im Junior-Recruiting.“ Unternehmen würden selektiver einstellen und häufig bereits Berufserfahrung erwarten, eine klare berufliche Orientierung oder ein besonders scharfes Profil. „Ghosting, unklare Anforderungen und lange Entscheidungswege wirken heute stärker abschreckend als früher. Das wird häufig fälschlich als mangelnde Motivation interpretiert.“
Die Lage ist nicht in allen Branchen gleich. In Pflege, Gesundheitswesen und öffentlicher Verwaltung wächst die Beschäftigung weiterhin. Im verarbeitenden Gewerbe dagegen gingen innerhalb eines Jahres 167.000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze verloren. Junge Bewerberinnen und Bewerber müssen sich auf einen Strukturwandel einstellen.
Ein weiterer gewichtiger Faktor: Künstliche Intelligenz verändert den Arbeitsmarkt grundlegend. Vor allem Berufsanfänger geraten zunehmend unter Druck. Die Jugendstudie 2026 hat dieses Thema unter die Lupe genommen, mit klarer Tendenz: Viele der über 2.000 Befragten im Alter von 14 bis 29 Jahren sehen ihre Jobchancen deutlich schlechter als zuvor, unter anderem wegen KI. „53 Prozent der jungen Menschen glauben, dass einfache Tätigkeiten zunehmend durch KI ersetzt werden. 52 Prozent erwarten radikale Veränderungen am Arbeitsmarkt aufgrund von KI“, so Nina Kolleck, Professorin an der Universität Potsdam und Mitautorin der Studie.
Besonders betroffen sind wissensintensive Berufe: Laut den Studienergebnissen gab es am Ende des Vergleichszeitraums 32 Prozent weniger Junior-Stellen für Softwareentwicklerinnen und Softwareingenieure und 42 Prozent weniger für Finanzanalysten. In der ARD-Sendung Plusminus wurden Studien aus Stanford und Harvard zitiert, die belegen, dass KI gerade Berufseinsteigern in den USA das Leben schwieriger macht. Denn sie übernimmt zunehmend Routinearbeiten wie Recherche oder das Ausbessern von Texten und ersetzt somit Arbeitskraft. Auch eine aktualisierte Stanford-Studie des Digital Economy Lab belegt mit Daten bis Juni 2026, dass sich die Kluft zwischen erfahrenen Beschäftigten und Nachwuchskräften in sogenannten „KI-exponierten Berufen“ weiter vergrößert. Die Daten werden aus Lohndaten des US-Personaldienstleisters ADP gewonnen und erfassen monatlich zwischen 3,5 und 5 Millionen Erwerbstätige in den USA. Die Ergebnisse: Junge Beschäftigte zwischen 22 und 25 Jahren, die in stark durch KI beeinflussten Berufen arbeiten, liegen mittlerweile 19 Prozent unter dem Beschäftigungsniveau, das sie erreicht hätten, wäre ihre Berufsgruppe genauso gewachsen wie weniger exponierte Vergleichsgruppen. Diese Lücke ist seit der ersten Erhebung im Sommer 2025 stetig gewachsen. Damals lag sie noch bei 15 Prozent.
Die Forschung spricht von einem „KI-Paradox“: Während generative KI zwar nicht zu Massenentlassungen führt, blockiert sie gezielt junge Fachkräfte. Es ist eindeutig: KI verändert den Arbeitsmarkt nicht nur – sie verschiebt die Chancen. Während Unternehmen Effizienzgewinne durch Automatisierung realisieren, verlieren Nachwuchskräfte wichtige Lernmöglichkeiten. Die Herausforderung für Politik, Bildungseinrichtungen und Unternehmen besteht darin, neue Wege zu finden, wie junge Menschen trotzdem qualifiziert werden können – denn ohne diese Lernphasen droht langfristig eine Unterversorgung mit erfahrenen Fachkräften. *Name geändert