Stell dir vor, du gehst morgens zur Arbeit und freust dich darauf. Klingt utopisch? Ist es nicht. Immer mehr Unternehmen zeigen, dass Arbeit Energie geben kann, statt sie zu rauben. Der Schlüssel dafür ist eine Kultur, die Gesundheit nicht als Kostenfaktor, sondern als Investition betrachtet.
Zalando hat in internen Umfragen beispielsweise ermittelt, dass sich 89 Prozent der Mitarbeitenden am Arbeitsplatz wohlfühlen und 92 Prozent das Unternehmen als Arbeitgeber weiterempfehlen würden. Grund dafür seien eine Unternehmenskultur, die orts- und zeitunabhängiges Arbeiten unterstützt und Mental-Health-Angebote, ergonomisch gestaltete Büros und eine Führungskultur anbietet, die auf Vertrauen statt Kontrolle setzt. Ein gutes betriebliches Gesundheitsmanagement also. Solche Ansätze sind in kleinen und jüngeren Unternehmen weit verbreitet. HelloFresh bietet seinen Beschäftigten beispielsweise Zugang zu Mental-Health-Anbietern wie Headspace. Laut dem Ranking „Great Place to Work” sind 94 Prozent der HelloFresh-Beschäftigten stolz darauf, in ihrem Unternehmen zu arbeiten. Ein klassisches Beispiel ist die Start-up-Schmiede Rocket Internet mit kostenlosen Obstkörben und Yoga-Kursen.
Auch Mittelständler setzen auf Vorsorge: Fressnapf stellt den Beschäftigten ein jährliches Gesundheitsbudget von 500 Euro für Sportkurse, Massagen oder Ernährungsberatung zur Verfügung. Der Heizungstechniker Viessmann bietet psychologische Betreuung und Rückkehrgespräche nach Krankschreibungen an. Und die großen DAX-Konzerne verbinden die Förderung der Mitarbeitergesundheit mit dem Thema Nachhaltigkeit. Oft fließen Zufriedenheits- und Gesundheitsindizes in die Vergütung von Führungskräften ein, wie bei SAP.
VOM NICE-TO-HAVE ZUM MUST-HAVE
Betriebliche Gesundheitsvorsorge war lange Zeit ein Nice-to-have, heute ist sie jedoch ein Must-have. Denn Unternehmen haben handfeste wirtschaftliche Gründe für ein Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM). Studien belegen, dass sich Investitionen in solche Förderungen lohnen. Laut Studien aus den USA sparen Unternehmen durch jeden investierten Euro 2,30 Euro an Krankheitskosten und 2,50 Euro an Fehlzeitenkosten, so die Initiative Gesundheit und Arbeit. Hinzu kommt, dass gesunde und motivierte Mitarbeitende konzentrierter und besser arbeiten. Gesundheitsförderung stärkt zudem die Loyalität der Beschäftigten gegenüber dem Unternehmen. Und nicht zuletzt ist ein gutes BGM heute ein zentrales Argument im wichtigen Employer Branding. Übrigens unterstützt der Staat die Förderung: Arbeitgebende können ihren Beschäftigten bis zu 600 Euro jährlich steuerfrei für Gesundheitsmaßnahmen erstatten.
GESUNDHEIT FÖRDERN, GESUNDHEITSKOMPETENZ STÄRKEN
Beim Corporate Health Award, der Unternehmen mit einem „exzellenten betrieblichen Gesundheitsmanagement“ auszeichnet, heißt es: „Es geht um das Bewusstsein für die wachsende gesellschaftliche Relevanz der nachhaltigen Förderung von Gesundheit, Zufriedenheit und Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter:innen.“ Gute Unternehmen mit einem wirksamen BGM verbinden zwei zentrale Ansätze: „gesundheitsförderliche Rahmenbedingungen schaffen und individuelle Gesundheitskompetenz stärken“, sagt Johannes Nießen, kommissarischer Leiter des Bundesinstituts für öffentliche Gesundheit und Schirmherr des Awards.
Die Gewinner decken ein breites Spektrum an Maßnahmen ab: Sie integrieren Gesundheitsthemen in die Personalentwicklung, bieten lebensphasenorientierte Beratung und individuelle Begleitung der Beschäftigten an. Interdisziplinäre Arbeitskreise setzen gemeinsam mit betriebsärztlichen Teams Programme um, die beispielsweise physische und psychische Belastungen verringern sollen. Gesundheitsbotschafter vor Ort ergänzen durch lokale Initiativen die internen Gesundheitsportale oder Mitarbeiter-Apps.
WETTBEWERB UM FACHKRÄFTE
Die Idee dahinter: Ergonomische Arbeitsplätze und hybrides Arbeiten mit wechselnden Büros reichen oft nicht aus, um begehrte Fachkräfte anzuziehen. Diese wollen umworben werden. In den kommenden Jahren wird ein Drittel der aktuellen Belegschaft in den Ruhestand gehen. Die nachfolgende Generation Z (Geburtsjahre 1996 bis 2012) gilt Studien zufolge jedoch als weniger loyal gegenüber Arbeitgebern. Sie legt vielmehr Wert auf Weiterbildung, moderne Führung, Sinnhaftigkeit und Wertschätzung – alles Aspekte, die sich durch ein gutes BGM steuern lassen. Vor allem das Thema Wertschätzung ist wichtig, um Gemeinschaft und Zugehörigkeit zu schaffen und zu leben.
Dabei gilt: Mitarbeiter, die sich zugehörig fühlen, bringen sich ein, teilen Ideen und übernehmen Verantwortung. Teams mit starkem Zugehörigkeitsgefühl arbeiten kreativer und produktiver. Zudem bleiben die Beschäftigten den Unternehmen treu: Laut dem Gallup Engagement Index 2024 fehlten emotional stark gebundene Beschäftigte im Schnitt 5,7 Tage pro Jahr, ohne Bindung waren es 9,7 Tage. Doch wie kann ein BGM Wertschätzung ausdrücken, eine solche leistungsstarke Gemeinschaft schaffen und sie anschließend glaubwürdig unterstützen? „Ein Zugehörigkeitsgefühl entsteht nicht durch einmalige Kampagnen, sondern durch Strukturen und Rituale, die fest im Arbeitsalltag verankert sind“, erklärt Katharina Koch, Head of Psychology bei der psychologischen HR-Beratung Nilo. Hebel dafür sind Zufriedenheitsumfragen und Onboarding- oder Mentoringprogramme. Natürlich ist auch der regelmäßige persönliche Austausch wichtig, um das aktuelle Befinden der Beschäftigten zu erfassen.
GLAUBWÜRDIGKEIT IST ENTSCHEIDEND
Doch wie glaubwürdig das Image einer starken Gesundheitsförderung wirkt, hängt davon ab, wie stark Wertschätzung in der Unternehmenskultur verankert ist. Das zeigt das Beispiel Zalando: Trotz hoher Zufriedenheitswerte, unter anderem aufgrund seiner Gesundheitsförderung, steht das Unternehmen aktuell in der Kritik. Das Unternehmen schließt seinen ältesten Standort in Erfurt. Die Beschäftigten protestieren vehement und fühlen sich von der Geschäftsführung im Stich gelassen. Die thüringische Arbeitsministerin Katharina König-Preuss warf Zalando gar ein „systematisches In-den-Arsch-Treten“ derjenigen vor, „die den Erfolg erwirtschaftet haben“. Dieses Bild wird wohl noch einige Zeit mit Zalando verbunden werden, allen anderen Werten der Unternehmenskultur zum Trotz.