Wir brauchen KI, die auch widerspricht

Von Monika Wiederhold, Vorstandsmitglied der Amadeus Fire Group.

Monika Wiederhold, Vorstandsmitglied Amadeus Fire Group
Monika Wiederhold, Vorstandsmitglied Amadeus Fire Group
Amadeus Fire Group Beitrag

Wer im Vorstand sitzt, erlebt eines eher selten: schonungslosen Widerspruch. Je höher man aufsteigt, desto weniger Menschen stellen Entscheidungen offen infrage. Hier könnte KI eine neue Rolle übernehmen. Was passiert, wenn KI-Berater ohne Scheu vor Widerspruch mitdiskutieren? Wir probieren das gerade aus.

Bei der Amadeus Fire Group testen wir ein virtuelles Sounding Board, das unsere Tochter eduBITES gemeinsam mit und für unseren Vorstand entwickelt hat. Die KI-Agenten nehmen unterschiedliche Beraterrollen ein, analysieren strategische Fragen aus verschiedenen Perspektiven und liefern auch unbequeme Gegenargumente. Sie sollen uns keine Entscheidungen abnehmen, sondern unseren Blick erweitern und eigene Annahmen hinterfragen. Das wirft eine Frage auf: Reden wir bei KI vor allem über Automatisierung – oder über eine neue Form der Zusammenarbeit?

Bislang dominiert Automatisierung. KI schreibt Texte, recherchiert, wertet Daten aus und übernimmt Prozessschritte. Das spart Zeit und schafft Freiräume. Dabei sollten wir nicht stehen bleiben.

Die interessantere Frage lautet: Wie kann KI Menschen in ihrer konkreten beruflichen Rolle besser machen?

Ein Vorstand braucht schließlich andere Unterstützung als ein Recruiter, Controller oder Vertriebsmitarbeiter. Statt allen das gleiche KI-Werkzeug an die Hand zu geben, sollten wir stärker über rollenspezifische Agenten nachdenken. Auch innerhalb eines Vorstands unterscheiden sich die Anforderungen. Neben dem gemeinsamen strategischen Sparring lassen sich spezialisierte Sounding Boards für einzelne Ressorts entwickeln: etwa ein Kapitalmarkt-Board für finanzwirtschaftliche Fragen oder ein Learning-Board für Weiterbildung und Personalentwicklung. Die Agenten beziehen unterschiedliche Perspektiven und Unternehmenswissen ein.

Solche maßgeschneiderten KI-Lösungen entwickelt eduBITES auch für andere Unternehmen. Erste Erfahrungen sammelten wir bei unserer Studie „Corporate AI Learning“: Hier führten KI-Agenten virtuelle Tiefeninterviews mit Führungskräften und unterstützten deren Auswertung. Heute gehen wir einen Schritt weiter – vom digitalen Interviewer zum strategischen Sparringspartner. Vergleichbare Ansätze lassen sich auch in Marketing, Vertrieb, Wissensmanagement oder Weiterbildung einsetzen.

Der Ausgangspunkt sollte dabei nie die Technologie sein. Nicht: Was kann KI noch alles? Sondern: Welche Aufgaben wollen wir besser lösen – und wie kann KI den Menschen dabei unterstützen?

Denn auch der beste Agent kann irren. Er ersetzt weder Erfahrung noch Urteilskraft und schon gar nicht Verantwortung. Aber er kann Perspektiven liefern, Argumente prüfen und Fragen stellen, auf die wir selbst vielleicht nicht gekommen wären. Vielleicht liegt das größte Potenzial von KI-Agenten deshalb gar nicht darin, dass wir künftig weniger Menschen brauchen. Sondern darin, dass Menschen kritischere Sparringspartner bekommen.

group.amadeus-fire.de
 

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