KI-Fachkräfte für morgen

Deutschland wird im Zukunftsfeld Künstliche Intelligenz nur dann mithalten können, wenn es Top-Talenten weltweit beste Rahmenbedingungen bietet.

Illustration: Marina Labella
Illustration: Marina Labella
Klaus Lüber Redaktion

Kann man das menschliche Gehirn mithilfe von Künstlicher Intelligenz entschlüsseln? Und welche Rolle spielen dabei Text- und Bildgeneratoren wie ChatGPT und DALL-E? An diesen faszinierenden Fragen forscht die junge deutsche Physikerin Auguste Schulz. Studiert hat sie an Top-Adressen wie der Universität Heidelberg, der Technischen Universität München und am University College London (UCL). Ihre Masterarbeit wurde vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt unterstützt. 

Top-Talente wie Schulz zieht es danach oft ins Ausland, etwa an Universitäten in den USA, Kanada oder Großbritannien – allesamt Standorte mit einer hohen Attraktivität im Feld der Künstlichen Intelligenz. Danach habe sie kurz mit dem Gedanken gespielt, für ihre Promotion nach London zu gehen. Stattdessen fiel ihre Wahl auf Tübingen. Dort, an der Eberhard Karls Universität, leitet Prof. Dr. Jakob Macke die Forschungsgruppe „Maschine Learning in Science“. Und zwar auf Top-Niveau, wie Schulz berichtet. Man könne durchaus mit den besten Standorten international mithalten. Hinzu komme der viel bessere arbeitsrechtliche Status als in Ländern wie beispielsweise den USA.

 

1,6 MILLIARDEN EURO VOM BUND


Für den KI-Standort Deutschland ist das ein gutes Zeichen. Die Forschungsgruppe von Auguste Schulz ist Teil des Tübingen AI Center, eines deutschlandweiten Netzwerks aus aktuell sechs KI-Forschungshotspots, mit dem die Bundesregierung im Rahmen ihrer KI-Strategie die internationale Strahlkraft deutscher KI-Forschung vorantreiben will. Erklärtes Ziel ist es, KI-Fachkräfte aus der ganzen Welt für eine Karriere in Deutschland zu begeistern. Und zwar sowohl auf der Ebene der Professoren, für die insgesamt 150 zusätzliche Stellen eingeplant sind, als auch im Bereich der Studierenden und Promovierenden. Erst kürzlich hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) ein Update seines eigenen Engagements im Rahmen der KI-Strategie veröffentlicht. In seinem aktuellen Aktionsplan gab das Ministerium bekannt, in der laufenden Legislaturperiode insgesamt 1,6 Milliarden Euro in KI investieren zu wollen.

Inzwischen gilt das Tübingen AI Center als einer der europaweit stärksten Standorte für Forschung im Bereich Maschinelles Lernen. Was auch daran liegen mag, wie konsequent das KI-Kompetenzzentrum staatliche Förderinstrumente für den Master und PhD-Bereich einsetzt. Tübingen ist Teil des European Laboratory for Learning and Intelligent Systems (ELLIS), eines europaweiten Zusammenschlusses von 39 Forschungseinrichtungen in 14 Ländern, das PhD-Kandidatinnen und Kandidaten die Gelegenheit gibt, sich über eine zentrale Plattform bei sogenannten ELLIS-Fellows zu bewerben: potenziellen Betreuenden in ganz Europa. Man zähle hier inzwischen über 1.000 Bewerbungen im Jahr, berichtet Philipp Hennig, Professor für die Methoden des Maschinellen Lernens an der Universität Tübingen. Das ziehe extrem gute Bewerberinnen und Bewerber an, die ihr Netz weltweit auswerfen und natürlich auch auf Standorte wie Stanford oder das MIT schielen.

 

AUSBILDUNG AUF TOP-NIVEAU


Für eine Förderung bereits auf Masterebene steht inzwischen ein weiteres Instrument zur Verfügung, das mit BMBF-Geldern den Netzwerkeffekt einer standortübergreifenden Ausbildung auch unter deutschen KI-Forschungsstandorten nutzt und vor einigen Monaten gestartet ist. Mit dem beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) angesiedelten Programm „Konrad Zuse Schools of Excellence in Artificial Intelligence“ fördert das BMBF die Etablierung von drei KI-Ausbildungszentren im Rahmen eines forschungsbasierten Studiums auf Master- und Promotionsebene. Hauptstandorte sind München, Darmstadt und Dresden.

Ein Hauptaugenmerk der Zuse Schools liegt auf der frühen Vernetzung von Wissenschaft und Wirtschaft. Alle drei Ausbildungsnetzwerke kooperieren mit deutschen Unternehmen, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, die gut ausgebildeten KI-Fachkräfte auch tatsächlich im Land zu halten. Es lasse sich nicht leugnen, dass wir viele der Top-Kräfte danach an große Unternehmen im Ausland verlieren, gibt Hennig zu. Nach einer Studie der Stiftung Neue Verantwortung, welche die Karrierepfade von KI-Doktorandinnen und -Doktoranden an deutschen Universitäten untersucht, verlassen 40 Prozent der KI-Forschenden nach der Promotion das Land, weil sie keine attraktiven Unis und Firmen finden. 


GRÖSSTES KI-ÖKOSYSTEM IN EUROPA


Speziell für die Wirtschaft wird das zunehmend zum Problem. Eine Strategie könnte es sein, Top-Talente mit eigenen Forschungsabteilungen zu locken: etwas, das die Internetriesen wie Amazon, Microsoft, Facebook oder Google KI-Spitzenkräften längst bieten können. Selbst wenn es nicht die hohen sechsstelligen Gehälter sind, die begabte Post-Docs aus deutschen Universitäten weglocken, ist es oftmals die Qualität der firmeneigenen Forschung. So leistet sich das deutsche Unternehmen Bosch eine eigene Forschungsabteilung im Bereich KI; rund 100 KI-Forscher arbeiten in einer eigenen Abteilung am Hauptstandort Reutlingen bei Stuttgart. „Wir finanzieren jedes Jahr rund 40 Doktorandinnen und Doktoranden an deutschen Universitäten. Diese forschen direkt bei uns und können unsere Ressourcen nutzen“, erklärt Dr. Michael Pfeiffer, Leiter der KI-Forschung bei Bosch. „Exzellente KI-Forschung braucht vor allem Rechenpower und in die investieren wir als Unternehmen massiv.“ Für Bosch zahlt sich das aus. „Wir haben eine sehr hohe Quote an KI-Fachkräften, die nach der Promotion dann tatsächlich bei uns bleiben, statt sich ins Ausland zu orientieren“, so Pfeiffer. Mit seiner Investition in Ausbildung und Fachkräfte ist Bosch nicht allein. Erst kürzlich wurde in Heilbronn der Innovationspark AI (Ipai) eröffnet. Dort soll mit Geldern der Schwarz-Gruppe (u. a. Lidl, Kaufland) eines der größten KI-Ökosysteme in Europa entstehen. Mit dabei: Das deutsche KI-Start-up Aleph Alpha aus Heidelberg – eines der wenigen europäischen Unternehmen, das mit dem aktuell besten KI-Sprachmodell GPT des US-Unternehmens Open AI mithalten kann.
 

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