Im „Gläsernen Labor“ auf dem Forschungscampus Berlin-Buch experimentieren Schülerinnen und Schüler mit DNA-Proben, untersuchen Zellen oder analysieren Umweltproben. Jährlich erleben hier Tausende Kinder und Jugendliche Naturwissenschaften hautnah, von Neurobiologie bis Ökologie. Solche außerschulischen Lernorte gewinnen in Deutschland immer mehr an Bedeutung. Denn Wirtschaft, Hochschulen und Politik suchen händeringend Nachwuchs in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – kurz: MINT. Zwar ist die MINT-Fachkräftelücke zuletzt kleiner geworden, doch Entwarnung geben Fachleute nicht. Laut dem MINT-Frühjahrsreport 2026 des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln fehlten im März hierzulande 133.900 MINT-Fachkräfte. Bei dieser Berechnung wird die Zahl der arbeitslos gemeldeten Personen mit entsprechenden Qualifikationen von der Zahl der unbesetzten Stellen abgezogen. In der Realität passen jedoch Qualifikation, Spezialisierung oder Wohnort oft nicht zusammen. Die tatsächliche Not der Unternehmen, passendes Personal zu finden, ist also oft sogar noch größer, als die Zahl vermuten lässt.
Der Rückgang um 15,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr liegt nach Einschätzung des IW vor allem an der schwachen Konjunktur. Unternehmen stellen derzeit vorsichtiger ein. Doch langfristig verschärft sich das Problem weiter: Viele Beschäftigte gehen in den kommenden Jahren in Rente, gleichzeitig entstehen neue Berufsbilder rund um Künstliche Intelligenz (KI), Datenanalyse oder Energietechnik. Besonders angespannt bleibt die Lage in der Informatik und Elektrotechnik: Dort entwickeln sich Technologien oft schneller, als Unternehmen qualifiziertes Personal finden können.
NUR 16,4 PROZENT FRAUEN IN MINT-BERUFEN
Eine zentrale Ursache für den Fachkräftemangel: Noch immer entscheiden sich vergleichsweise wenige junge Menschen für MINT-Berufe. Vor allem Frauen sind in technischen Bereichen deutlich unterrepräsentiert. Zwar engagieren sich seit Jahren Initiativen wie der bundesweite „Girls‘ Day“ dafür, Mädchen früh an MINT-Berufe heranzuführen. Doch der Wandel verläuft langsam. Ende 2012 arbeiteten rund 875.000 Frauen in MINT-Berufen, ihr Anteil lag bei 13,8 Prozent. Bis Mitte 2024 stieg die Zahl zwar auf 1,17 Millionen. Der Frauenanteil erhöhte sich jedoch nur auf 16,4 Prozent.
Die Weichen werden früh gestellt. Für Christina Anger vom IW beginnt das Problem schon im Grundschulalter. „Mädchen unterschätzen ihre eigenen Fähigkeiten in den MINT-Fächern“, sagt sie. Entscheidend sei deshalb, bereits früh das Interesse zu wecken und Frauen stärker für die Ausbildung in technischen Berufen zu begeistern und zu fördern. Zudem sei mehr Berufsorientierung nötig. „MINT-Berufe sind im Kern Klimaschutzberufe. Ein Thema, für das sich gerade Mädchen und junge Frauen besonders interessieren.“
STEREOTYPE BREMSEN DEN WANDEL
Tatsächlich hat sich das Bild technischer und naturwissenschaftlicher Berufe verändert. Lange galten sie als trocken, männlich geprägt und hoch spezialisiert. Heute geht es zunehmend auch um Kreativität, Teamarbeit und gesellschaftliche Herausforderungen wie klimafreundliche Technologien, KI oder nachhaltige Mobilität. Trotzdem halten sich stereotype Rollenbilder hartnäckig. Indra Hadeler, Vorständin des Nationalen MINT Forums, sieht darin einen wichtigen Grund, warum der Anteil von Frauen und anderen unterrepräsentierten Gruppen in MINT trotz jahrelanger Initiativen niedrig bleibt. „Zudem erreichen viele Angebote Jugendliche aus unterschiedlichen Lebenswelten bislang nicht gleichermaßen“, sagt Hadeler.
Mittlerweile bemühen sich viele Unternehmen, Schulen und Hochschulen verstärkt darum, Berührungsängste abzubauen und Technik und Naturwissenschaft erlebbar zu machen. Große Technologiekonzerne wie Siemens oder SAP kooperieren mit Schulen, organisieren Feriencamps oder fördern digitale Lernangebote. Die Firmen wissen: Wer heute keine Talente gewinnt, verliert morgen Innovationskraft. Immer häufiger entstehen auch Kooperationen zwischen Schulen und Betrieben. „Viele Jugendliche erleben MINT als sehr theoretisch und mit wenig Bezug zu ihrer Lebenswelt. Praxisnahe und außerschulische Erfahrungen gelten daher als wichtiger Hebel, um Begeisterung zu wecken und nachhaltiges Interesse zu fördern“, sagt Hadeler. „Erfolgversprechend sind vor allem lebensweltnahe und kreative Formate wie Makerspaces, Mentoring oder außerschulische Lernorte.“
POLITIK SETZT AUF BILDUNG UND ZUWANDERUNG
Auch die Politik versucht gegenzusteuern. Auf dem Nationalen MINT-Gipfel im Juni 2025 sprachen sich Forschungsministerin Dorothee Bär und Bildungsministerin Karin Prien deutlich für die Stärkung der MINT-Fachkräftebasis in Deutschland aus. Prien betonte, wie wichtig es sei, MINT entlang der Bildungskette ganzheitlich zu denken und schon früh das Interesse für naturwissenschaftliche und technologische Zusammenhänge zu wecken. Mit den Reformen des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes hat die Bundesregierung außerdem die Hürden für ausländische MINT-Fachkräfte deutlich gesenkt. Doch Fachleute sind sich einig: Einwanderung allein wird die MINT-Fachkräftelücke nicht schließen. Gleichzeitig schöpft Deutschland sein eigenes Potenzial bislang nur teilweise aus. Deshalb bemühen sich Hochschulen und Unternehmen inzwischen stärker um Menschen mit Einwanderungsgeschichte, Jugendliche aus nichtakademischen Familien und andere Gruppen, die in MINT-Berufen bisher unterrepräsentiert sind.
Trotz aller Vorstöße verläuft der Fortschritt langsam. Gleichzeitig sorgt die wirtschaftliche Lage für neue Unsicherheit. Während Unternehmen weiter über Fachkräftemangel klagen, erleben manche Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger teils schwierigere Bedingungen als noch vor wenigen Jahren – besonders im IT-Bereich. Trotzdem bleibt der langfristige Bedarf hoch. Nicht nur, weil sich in den kommenden Jahren viele erfahrene Fachkräfte in den Ruhestand verabschieden und es insbesondere in dualen Ausbildungsberufen an Nachwuchs fehlt. Sondern auch, weil mit der digitalen und klimaneutralen Transformation auch der Bedarf an Menschen wächst, die neue Technologien entwickeln, verstehen und anwenden können.