Das amerikanisch-chinesische Zusammentreffen jetzt im Mai in Peking war einer dieser Déjà-vu-Momente. Ein holzvertäfelter Raum. In der Mitte die ellenlange Tafel, links die chinesische, rechts die amerikanische Delegation. Vor jedem Vertreter, wie mit dem Lineal gezogen, ein akkurat platziertes Gedeck. Und die unweigerliche Frage: Was passt hier nicht? Es dauert vielleicht einen Moment, aber dann wird es glasklar: Es sitzt keine einzige Frau an diesem Tisch – wie auch schon auf den Pressebildern von CDU und CSU Anfang letzten Jahres, als es um die Regierungsbildung ging. Und genau deshalb sorgt jetzt auch das Pressebild aus Peking weltweit wieder für großen Unmut. Besonders treffend bringt es Harvard-Wirtschaftsprofessorin Gita Gopinath auf X auf den Punkt: „Ein Bild vom Ende der Meritokratie: Ein Treffen der beiden größten Volkswirtschaften, und keine einzige Frau am Tisch.“
Warum Gopinath das Ende der Meritokratie proklamiert? Weil in einem Gesellschafts- und Wirtschaftssystem, in dem Status, Macht und Wohlstand auf Basis von individuellem Talent und Leistung und nicht auf Basis von Herkunft, Reichtum oder Vetternwirtschaft verteilt werden – Letzteres ist die Definition von Meritokratie – sehr wohl Frauen an eben dieser Tafel in Peking sitzen müssten. Denn im Jahr 2026 gibt es sie, die Frauen, die es mit Talent, Wissen und Leistung nach ganz oben geschafft haben. Es gibt im Jahr 2026 weibliche Vorbilder, die bahnbrechende Forschung betreiben, Großkonzerne leiten, Startups gründen und sogar ins Weltall fliegen – auch in Deutschland.
Wer diese Frauen sind? Rabea Rogge zum Beispiel. Die 30-jährige Elektroingenieurin aus Berlin, die derzeit an der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität Norwegen in Trondheim an ihrer Promotion in Robotik arbeitet, war die erste deutsche Frau, die in den Weltraum geflogen ist. Ein mittlerweile kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer Schritt für ihr Geschlecht. Das war vor rund einem Jahr. Wen das inspiriert, der kann Rogges Erfahrungen – sie sagt, die Schwerelosigkeit sei magisch – in ihrem Buch „Ein (bisschen) Weltraum für Alle“ nachlesen. Darin geht es vor allem um das harte Training, das sie für die Mission durchlaufen musste, aber auch um ihre Begeisterung für Wissenschaft und Robotik. Und sie motiviert andere, eine persönliche Utopie zu entwickeln. Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur sagte sie: „Wir bauen keine Zukunft auf Zynismus auf, auch nicht auf Schwarz-Weiß-Denken, sondern auf mutigen Ideen und Tatendrang.“
Auch die Politik hat zahlreiche kluge Frauen zu bieten – auch wenn die Bildsprache dieser Tage etwas anderes vermuten lässt. Beispiel gefällig? Gerade erst Mitte Mai wurde die Politökonomin und Transformationsforscherin Maja Göpel mit dem Carlo-Schmid-Preis ausgezeichnet. Der Preis wird seit 1989 an Persönlichkeiten oder Organisationen verliehen, die sich in besonderer Weise um die Weiterentwicklung des demokratischen Rechtsstaats und der liberalen politischen Kultur verdient gemacht haben. Göpel wurde für ihren herausragenden Einsatz für Wissenschaft, öffentliche Aufklärung und den faktenbasierten gesellschaftlichen Dialog ausgezeichnet. Wer sie schon einmal auf einer Bühne oder im Format „Missverstehen Sie mich richtig“ erlebt hat, weiß: Maja Göpel ist argumentativ extrem stark, faktenbasiert und vorausschauend. Jenseits vom politischen Kleinklein, ist sie in Runden oft diejenige mit konstruktivem Weitblick, auch wenn der nicht allen gefällt.
»Wir bauen keine Zukunft auf Zynismus auf, sondern auf mutigen Ideen und Tatendrang.«
Und Frauen sind in der Wirtschaft erfolgreich, auch wenn laut Female Founders Monitor der Bertelsmann Stiftung ihr Anteil unter Startup-Gründenden in Deutschland 2025 erstmals seit Jahren rückläufig war. Vielleicht, weil Vorbilder fehlen? Hier ist eines: Delia Lachance. 2011 hieß die ehemalige Journalistin noch Fischer mit Nachnamen und gründete gemeinsam mit Partnern den auf Luxusmöbel spezialisierten Online-Handel Westwing. Das Unternehmen ging 2018 erfolgreich an die Börse, stieg im Dezember 2020 sogar in den SDAX auf. Lachance war damit die erste Frau in Deutschland, die mit ihrem Unternehmen den Sprung an die Börse schaffte. Heute ist Westwing in 22 europäischen Ländern aktiv und Lachance dem Unternehmen als Chief Creative Adivsor nach wie vor treu.
Deutschland hat sogar einen weiblichen Drei-Sterne-General, der zweithöchste Rang der Bundeswehr. Seit August vergangenen Jahres ist Generaloberstabsarzt Dr. Nicole Schilling Stellvertreterin des Generalinspekteurs und damit die erste Frau, die diesen Dienstposten bekleidet. Bereits 2022 wurde Schilling zum Generalstabsarzt befördert und ist seitdem die ranghöchste Soldatin der Bundeswehr. Wer sich in diesem Absatz übrigens am nicht konsequenten Gendern stört: Bei der Bundeswehr werden Dienstgrade grundsätzlich nicht gegendert. Schilling ist Frau General. Punkt. Auch, weil es spätestens beim Dienstgrad des Hauptmannes, Feldwebels oder Bootsmanns schwierig werden würde.
Vier Frauen, vier Namen, vier ganz individuelle Lebensläufe, die zeigen: Frauen können heute wirklich alles werden, was sie wollen. Und es ist wichtig, immer wieder von den Erfolgen solcher Frauen zu berichten, mit ihnen und über sie zu sprechen. Denn ansonsten gewinnen Bilder wie die aus Peking zu viel Macht und Gewicht, weil sie suggerieren könnten (und vielleicht auch sollen), dass Frauen eigentlich gar nicht stattfinden. Und vielleicht ist die Meritokratie auch gar nicht am Ende, sondern rund die Hälfte der Weltbevölkerung soll es nur glauben. Denn wie die österreichisch-amerikanische Historikerin und Pionierin der Frauengeschichte Gerda Lerner so treffend sagte: „Jede Frau verändert sich, wenn sie erfährt, dass sie eine Geschichte hat.“ Es gab so viele mutige, starke und resistente Frauen, die Geschichte geschrieben haben. Und genauso gibt es jetzt hier und heute mutige, starke und resistente Frauen, die Geschichte schreiben. Beide sind Vorbilder für nachkommende Generationen und sie sind wichtig, weil sie zeigen, was Rabea Rogge in Worte gefasst hat: Zukunft baut auf Ideen und Tatendrang.