Auf Social-Media-Plattformen wie Instagram oder Tiktok gibt es ein neues Quizformat: Ist es KI oder echt? Gezeigt werden Videos, anhand derer User entscheiden müssen, ob es sich um KI-generierte oder echte Szenen handelt. Und der Schwierigkeitsgrad ist hoch, weil die KI in vielen Fällen mittlerweile so gut ist, dass die Grenzen zwischen Fiktion und Realität immer stärker verschwimmen. Filmreife Szenen kann mit ein bisschen Fantasie und Kreativität jeder selbst zu Hause realisieren.
Was dieses Beispiel verdeutlicht: KI kann Hürden abbauen, was vor allem für komplexe Themen gilt – etwa die Geldanlage. Hier war bislang insbesondere fehlendes Finanzwissen verantwortlich dafür, dass nicht mehr Menschen die Chancen des Kapitalmarktes für den Vermögensaufbau nutzen. Das soll die KI nun richten. So stellen die Investmentplattformen eToro und Scalable Capital ihren Kundinnen und Kunden mittlerweile einen KI-Investment-Assistenten zur Verfügung. Tori, die KI von eToro, soll beispielsweise dabei helfen, Finanzwissen zu vermitteln, neue Anlageformen zu entdecken und kann bei Zugriff auf das Kundenportfolio auch allgemeine Hinweise zu dessen Zusammensetzung geben. Insights von Scalable, basierend auf der Finanztechnologie von Blackrock, entdeckt beispielsweise Klumpenrisiken im Depot und gibt Tipps, wie diese mit einer gezielten Diversifizierung verringert werden können. Zudem können Anleger über eine Szenario-Simulation sehen, wie sich ihr Portfolio bei steigenden Zinsen, Inflation oder einem Börsen-Crash verhalten würde. „Wir möchten ein Verständnis für das gesamte Portfolio und nicht nur für einzelne Anlageprodukte ermöglichen. Mehr Transparenz über Chancen und Risiken im Portfolio kann helfen, mit besseren Investmententscheidungen bessere Ergebnisse zu erzielen“, sagt Kai Bald, EMEA Co-Head of Wealth Technology bei Blackrock, zur Einführung von Insights Ende Oktober.
Überhaupt macht die KI im Finanzwesen mittlerweile vieles leichter. Beispiel Kreditvergabe: Bisher war diese relativ starr und die regelbasierten Prüfungen – also ob eine Kreditlinie vergeben wird oder nicht – lassen dabei nur wenig Spielraum für individuelle Besonderheiten. Das haben in der Vergangenheit vor allem kleine und mittlere Unternehmen zu spüren bekommen, die eigentlich schnell auf Chancen und Herausforderungen reagieren müssen, wofür aber genauso schnell, flexibel und unkompliziert Liquidität zur Verfügung stehen müsste. Und hier könnte die KI einen wichtigen Beitrag leisten. Denn anstatt nur in Form von bisherigen Bilanzen in die Vergangenheit zu schauen, können mithilfe des maschinellen Lernens unzählige Datenpunkte wie beispielsweise Branchenvergleiche, Wirtschaftsprognosen und ähnliches zusätzlich zu der Liquiditätshistorie herangezogen und damit ein dynamisches Bild eines Unternehmens sowie der Branche und der Region gezeichnet werden.
Aber auch im Privatkundengeschäft ist KI einer der Innovationstreiber, zeigt eine aktuelle Umfrage des Beratungsunternehmens Publicis Sapient unter 600 Führungskräften von Retail-Banken aus 13 Ländern. „Kundenerlebnis“ heißt demnach das transformative Schlüsselwort, für dessen Verbesserung maschinelles Lernen und generative KI sorgen sollen. 35 Prozent des Budges fließen in deren Entwicklung. Die Befragten geben zudem an, Gen AI ermögliche eine schnellere Modernisierung von Kernbankensystemen und löse die Herausforderungen veralteter IT-Strukturen, die Banken aktuell in ihrem Fortschritt hemmten. 63 Prozent legen ferner ihren Fokus auf transaktionale Gen-AI-Anwendungsfälle wie Kreditanalyse, Portfoliomanagement, Risikobewertung, rechtliche Verträge oder Ausschreibungen. „Wir sehen, wie Retail-Banken weltweit ihr Operating Model neu definieren, indem sie künstliche Intelligenz in ihre Kernfunktionen integrieren. KI ist eine transformative Kraft, die die operative Effizienz der Finanzinstitute, die Customer Experience und die Kundenbindung enorm verbessern kann”, kommentiert Prof. Dr. Alexander Schroff, Financial Services Lead DACH bei Publicis Sapient, die Umfrageergebnisse.
Allerdings hat der Vormarsch der KI im Bankund Finanzwesen nicht nur Vorteile. Wie bei den Social-Media-Videos müssen Verbraucher und Unternehmen in Zukunft sehr genau und besser auch zweimal hinsehen. Denn weil die KI so viele Hürden abbaut, öffnet sie auch Betrügern und Cyberkriminellen Tür und Tor. Ein Blick auf die Warnliste der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht BaFin zeigt hunderte Webseiten – und jeden Tag kommen neue hinzu –, die alle mit mehr oder weniger derselben Masche versuchen, sich Geld zu erschleichen. Angepriesen wird ein automatisierter Handel von Finanzinstrumenten mittels KI schon mit relativ kleinen finanziellen Einsätzen. Potenzielle Kunden werden über WhatsApp- oder Telegram-Gruppen rekrutiert, die vermutlich ebenfalls über generative KI mit Content versorgt werden. Für die potenziellen Anleger wird mit eigener Webseite und App dann die nötige Professionalität suggeriert. Die Midland Capital Group mit ihrer MCG-KI ist ein Beispiel. Auf der Internetpräsenz sind nur ein paar Kleinigkeiten verdächtig, etwa die sehr deutschen Namen der vermeintlich handelnden Akteure sowie die Tatsache, dass es sich um eine GmbH mit Sitz in den USA handeln soll. Rechtsanwalt Christian-Albrecht Kurdum von der auf Bank- und Kapitalmarktrecht spezialisierten Kanzlei Dr. Späth & Partner warnt auf der Webseite Anwalt.de sogar davor, dass Midland Capital zunächst scheinbare Gewinne auszahlt, um sich das Vertrauen und damit noch mehr Einzahlungen zu erschleichen. Die gingen dann allerding auf ausländische und damit nur schwer greifbare Konten, schreibt der Fachanwalt. Die Frage „Ist es KI oder echt?“ wird Verbraucher mit dem sicherlich weiteren Vormarsch der Künstlichen Intelligenz also noch länger begleiten und kann im Vergleich zu den Social-Media-Videos, wo Stimmungs- und Meinungsmache schon schlimm genug sind, im Finanzwesen durchaus existenzbedrohend werden. Das heißt im Umkehrschluss: Selbst für diejenigen, die sich lieber nicht mit KI auseinandersetzen wollen, ist es ratsam, es unbedingt zu tun.
Illustrationen: Josephine Warfelmann