Thanksgiving zählt zu den wichtigsten Feiertagen der USA – auch für amerikanische Unternehmen und die Streitkräfte. Auf einer US-Basis in Südkorea war das Fest in diesem Jahr allerdings aus einem anderen Grund bemerkenswert: Erstmals übernahm ein Kochroboter des Hamburger Start-ups Goodbytz die Zubereitung des Festessens für rund 1.100 Soldatinnen und Soldaten. Die U.S. Army testet den Küchenroboter, um die Qualität der Truppenverpflegung zu verbessern. Die Maschine verarbeitet frische Zutaten, liefert bis zu 70 Gerichte und arbeitet rund um die Uhr. Für viele Amerikaner, ohnehin technikaffin, ist das ein logischer Schritt: Wo früher hektische Küchenbrigaden arbeiteten, regiert nun eine KI-gestützte Küchenmaschine.
Immer mehr Roboter, die menschliche Dienste ergänzen, kommen auf den Markt, man denke nur an Fensterreiniger, Staubsauger oder Rasenmäher. Aber ein Segment hat in den vergangenen zwei Jahren besonders Fahrt aufgenommen: humanoide Roboter. Zweibeinige Maschinen mit menschlichem Aussehen montieren und schweißen bereits in Fabriken in Südkorea, sie sortieren und transportieren Waren in Logistiklagern in den USA und China und helfen in Altenheimen und Krankenhäusern in Japan und China aus. Wie menschenähnlich Roboter sein können, zeigte die „Beijing Humanoid Robot Sports Competition“ im August 2025: Mehr als 500 humanoide Roboter traten in 280 Teams in Disziplinen wie Boxen, Fußball, Reinigen und Sortieren von Medikamenten gegeneinander an. Unter den Teilnehmern waren nicht nur Teams aus Asien, sondern auch aus den USA, Japan und Deutschland.
IM EINSATZ BEI TESLA, BMW, MERCEDES-BENZ
Die Dynamik des Marktes für humanoide Technik ist gewaltig. Laut einer Studie der Beratungsfirma Nexery könnten bis 2030 weltweit rund 20 Millionen solcher Roboter im Einsatz sein, vor allem in industriellen Anwendungen. Innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahre, so die Prognose, könnten die Roboter bis zu 40 Prozent der Tätigkeiten in einer Standardproduktion übernehmen. Ein besonders vielversprechender Einsatzort für die Zweibeiner ist die Autoindustrie. Die Anforderungen an die Zuverlässigkeit sind hier extrem hoch. Jahrzehntelang arbeiteten dort vor allem starre, hochpräzise Industrieroboter, die schweißen, lackieren, schrauben oder Bauteile montieren – zuverlässig, aber in engen Grenzen. Ihre Fähigkeiten enden aber dort, wo Unvorhersehbarkeit beginnt: bei variablen Bauteilen, wechselnden Geometrien und unstrukturierten Umgebungen.
Tesla zum Beispiel will den hauseigenen Roboter Optimus in der Produktion der Tesla-Fahrzeuge einsetzen. Ursprünglich sollten 2025 mindestens 5000 der Roboter produziert werden, doch kürzlich musste das Unternehmen seine ehrgeizigen Ziele stoppen. Laut Medienberichten war die Komplexität der Hände für den schnellen Roll-out zu groß. BMW hat dagegen im vergangenen Jahr gemeinsam mit dem US-amerikanischen Robotikunternehmen Figure den humanoiden Roboter Figure 01 erstmals in der Produktion getestet. Die Maschine positionierte zunächst nur Blechteile, doch die Tests verliefen so erfolgreich, dass das Projekt fortgesetzt wurde. Die neue Generation, der Figure 02, bietet mehr Rechenleistung, verbesserte Sprachinteraktion und modernere Sensorik sowie bemerkenswert bewegliche Hände. Figure-CEO Brett Adcock schrieb kürzlich auf LinkedIn: „Ich bin stolz darauf, heute mitteilen zu können, dass unsere F.02-Roboter zur Produktion von 30.000 Fahrzeugen bei BMW beigetragen haben.”
Einen anderen Schwerpunkt setzt Mercedes-Benz. Seit rund einem Jahr arbeiten humanoide Roboter in den Werken Kecskemét und Berlin-Marienfelde, dem Mercedes-Benz Digital Factory Campus und globalen Kompetenzzentrum für die Digitalisierung der Produktion. Getestet wird dort Apollo, ein 1,70 Meter großer und 75 Kilogramm schwerer Zweibeiner des US-amerikanischen Herstellers Apptronik. „Die humanoiden Roboter wurden in einer Testumgebung einer Produktionsanlage eingesetzt und haben dort Daten gesammelt, um sie für reale Fertigungsprozesse zu trainieren“, erläutert Jörg Burzer, Vorstand bei Mercedes-Benz. Die Handgriffe in der Produktion wurden den Robotern per Teleoperation durch erfahrene Mercedes-Benz-Mitarbeiter und über Augmented Reality vermittelt, sodass die Maschinen die Arbeitsabläufe präzise ausführen. „Künstliche Intelligenz und humanoide Roboter eröffnen ein spannendes neues Feld, das die Automobilproduktion nachhaltiger, effizienter und intelligenter macht”, meint Burzer. Nun sollen die Apollos Aufgaben in der Logistik übernehmen. Sie sollen Teile an die Produktionslinien transportieren oder kleinere Montagearbeiten durchführen.
Die Autobranche könnte in den kommenden zehn Jahren zum mit Abstand größten Anwendungsfeld für humanoide Roboter werden. Weltweit könnten allein entlang der gesamten automobilen Wertschöpfungskette bis zu 1,6 Millionen Systeme zum Einsatz kommen. Die Analysten der Beratungsfirma IDTechEx schätzen, dass der Markt bis 2035 ein Volumen von rund 30 Milliarden US-Dollar erreichen wird.
PHYSICAL AI IST DAS HUMANOIDE BETRIEBSSYSTEM
In der industriellen Fertigung könnten humanoide Roboter der jüngsten Generation ihre ureigenen Stärken ausspielen: Denn diese Maschinen greifen und laufen nicht nur, sondern sie lernen dazu, sie passen sich an, eliminieren selbstständig Fehler und treffen in einem festgelegten Rahmen selbstständige Entscheidungen. Möglich wird das durch „Physical AI“: Künstliche Intelligenz, die nicht nur Daten verarbeitet, sondern direkt in physische Prozesse eingreift. Diese Systeme lernen aus Umgebungsdaten der Sensoren, bewegen sich autonom, greifen Objekte und können komplexe Produktionsabläufe steuern. „Physische KI definiert industrielle Automatisierung neu“, sagt Patrick Vollmer, Global Industry Group Lead Industrials bei Accenture. „Sie eröffnet neue Wege der Steuerung und Schulung autonomer mobiler Roboter, adaptiver Manipulatoren und humanoider Roboter.“ Dabei dürften Logistik- und Lagerunternehmen ein besonderes Interesse an humanoider Robotik haben. Denn angesichts des akuten Arbeitskräftemangels und der steigenden Komplexität moderner Lieferketten könnten humanoide Systeme eine gute Lösung darstellen. Sie können flexibel zwischen verschiedenen Aufgaben wechseln, sind langfristig kostengünstig und können Betriebsunterbrechungen reduzieren. Auch beim Heben schwerer Lasten geraten sie nicht so schnell an ihre Grenzen. Apollo-Roboter, wie sie beispielsweise von Mercedes-Benz eingesetzt werden, können bis zu 25 kg tragen und mit einer Akkuladung etwa vier Stunden lang arbeiten.
WARUM MÜSSEN ROBOTER MENSCHENÄHNLICH AUSSEHEN?
Bleibt die Frage: Wie werden Roboter in Zukunft aussehen? Die Entscheidung, einen Roboter mit zwei Beinen, zwei Armen und Händen mit fünf Fingern zu bauen, hat klare Vorteile. Unsere Welt ist für den menschlichen Körper gemacht: Ein humanoider Roboter braucht keine Rampe, um einen Bordstein zu überwinden. Er kann Türen selbstständig öffnen und Werkzeuge bedienen, die für Menschen entwickelt wurden. Theoretisch kann er ohne großen Aufwand in bestehende Arbeitsabläufe integriert werden – ein Pluspunkt gegenüber Robotern auf Rädern oder stationären Systemen.
Ein weiteres Argument lieferte Nvidia-CEO Jen-Hsun Huang in seiner Keynote zur Messe Computex 2025. Humanoide Roboter, so seine These, seien wahrscheinlich die einzigen universellen Robotersysteme, die sich langfristig durchsetzen werden: „Technologie braucht Skalierbarkeit. Die meisten Robotersysteme, die wir bisher hatten, sind zu klein dimensioniert. Diese zu klein dimensionierten Systeme werden nie die technologische Größe erreichen, um das Schwungrad weit genug in Gang zu bringen, damit wir bereit sind, genügend Technologie in sie zu investieren, um sie weiterzuentwickeln.“
Dennoch darf man fragen, ob KI in Menschengestalt tatsächlich der richtige Weg ist. Spezialisierte Roboter mit einfachen Algorithmen, Rädern oder stationären Armen sind oft energieeffizienter, günstiger und leistungsfähiger. Humanoide Roboter sind zwar Allrounder, aber braucht die Industrie wirklich immer den KI-gesteuerten Alleskönner? Der Futurist und Robotikexperte Dominik Bösl legt den Finger auf einen empfindlichen Punkt: Er weist darauf hin, dass industrielle Automatisierungssysteme heute in einer nahezu perfekten Präzision arbeite. Fehlerraten im Bereich von millionstel Ereignissen sind Standard, Prozesse laufen über Jahre stabil. Künstliche Intelligenz hingegen operiert mit Wahrscheinlichkeiten statt Gewissheiten. KI-Systeme auf Basis neuronaler Netze können ihre Entscheidungen weder vollständig erklären noch garantieren. Was im Textmodus tolerierbar ist – eine halluzinierte Antwort – wird im physischen Raum zur Gefahr. Hier prallen zwei Welten aufeinander: deterministische Kontrolle gegen statistische Intuition. Zwischen „vielleicht richtig“ und „zweifellos sicher“ lägen Welten. In dieser Lücke, schreibt Bösl, der früher leitende Positionen beim Roboterhersteller Kuka und der Automatisierungsfirma Festo innehatte, entscheide sich letztlich die Zukunft der Robotik – und damit das Schicksal des menschenähnlichen Roboters.