Frau Deyringer, ist Deutschland bei der digitalen Transformation abgehängt?
Ganz sicher nicht vollständig. Deutschland ist weiterhin eine der stärksten Wirtschaftsnationen weltweit. Doch wir verlieren an Tempo und das inzwischen seit mehreren Jahren. Gleichzeitig beginnt die eigentliche Transformation erst jetzt: Wir sprechen nicht mehr nur über digitale Prozesse oder einzelne Tools, sondern über KI als Technologie, die tief in Arbeitsweisen, Geschäftsmodellen und ganzen Branchen wirkt. Die Veränderungen werden umfassend sein. Unternehmen müssen lernen, flexibler und schneller zu reagieren, weil KI nicht nur Aufgaben automatisiert, sondern Denk- und Entscheidungsprozesse verändert. Das Potenzial bleibt enorm: Wir verfügen über eine starke Forschungslandschaft, einen innovationsfähigen Mittelstand und gut ausgebildete Fachkräfte. Was jedoch oft fehlt, ist der Mut, grundlegende Strukturen anzupassen und digitale Kompetenz konsequent zu fördern. Weiterbildung ist dafür zentral.
Wie reagieren Unternehmen auf diesen Druck?
Wir sehen eine wachsende Bereitschaft, sich frühzeitig und strukturiert mit KI auseinanderzusetzen. Viele Führungskräfte verstehen inzwischen, dass KI kein Spezialthema der IT ist, sondern ein strategisches. Gleichzeitig beobachten wir eine deutliche Lücke bei der Qualifizierung: Während einige Unternehmen massiv investieren, geben andere weniger als ein paar Hundert Euro pro Mitarbeitendem und Jahr für Weiterbildung aus. Angesichts der Geschwindigkeit der Veränderungen ist das zu wenig. Lernkultur wird damit zum entscheidenden Faktor. Unternehmen, die Wissen strukturiert aufbauen, entwickeln schneller neue Produkte, Prozesse und Services und haben weniger Schwierigkeiten beim Recruiting. KI verstärkt diesen Trend, weil sie nur dort produktiv wird, wo Menschen verstehen, wie sie sinnvoll eingesetzt wird.
Wie verändert KI die Bedeutung von Weiterbildung?
Fundamental. Ein Viertel der Erwerbstätigen hat im letzten Jahr keine neuen digitalen Fähigkeiten erworben – oft, weil der Bedarf unterschätzt wird. Doch gerade im Umfeld von KI reicht es nicht mehr, gelegentlich etwas Neues zu lernen. Mitarbeitende müssen verstehen, wann KI zuverlässig ist, welche Grenzen sie hat und wie Ergebnisse bewertet werden. Wir arbeiten seit über 20 Jahren mit Unternehmen an digitalen Lernprozessen. Eine zentrale Erkenntnis lautet: Technologie allein bringt keinen Fortschritt. Wissen muss in den Arbeitsalltag eingebettet werden, nicht als Zusatzaufgabe auftreten. Lernangebote sollten dort stattfinden, wo Arbeit passiert: integriert in Systeme und Prozesse. KI kann dabei helfen, Wissen schneller verfügbar zu machen oder Lernwege zu personalisieren. Ohne eine klare Struktur bleibt das Stückwerk.
Was empfehlen Sie Unternehmen konkret?
Zunächst sollten sie eine klare Haltung entwickeln: Welche Kompetenzen werden gebraucht? Wo in der Wertschöpfung wird KI relevant? Welche Tätigkeiten ändern sich? Und welche Rollen entstehen neu? Diese Analyse bildet die Grundlage jeder Qualifizierungsstrategie. Zweitens sollte Weiterbildung kontinuierlich gedacht werden. KI beschleunigt die Erneuerungszyklen von Wissen enorm. Unternehmen brauchen Systeme, die flexibel und skalierbar sind. Drittens müssen Mitarbeitende aktiv eingebunden werden. Viele unterschätzen, wie stark KI kulturelle Veränderungen auslöst. Sie wirft Fragen auf: Verändert sie Verantwortlichkeiten? Bedeutet sie Arbeitsplatzverlust? Wer diese Fragen ignoriert, verliert Vertrauen. Beteiligung hingegen schafft Akzeptanz und fördert Lernbereitschaft. Mein Rat lautet: Warten Sie nicht ab. Gestalten Sie den Wandel, bevor er Sie überrollt.
Wie prägt KI die Arbeit der Zukunft? Und was hat das Beratungsunternehmen Gartner in diesem Zusammenhang entwickelt?
Gartner ist eines der weltweit einflussreichsten Forschungs- und Beratungsunternehmen für Technologie. Viele Organisationen nutzen die von Gartner entwickelten Zukunftsszenarien, um Entwicklungen der Arbeitswelt besser einzuordnen. Die Szenarien dienen nicht als Vorhersage, sondern als strukturierte Denkmodelle, die helfen, strategische Entscheidungen zu treffen. Sie zeigen mögliche Entwicklungspfade auf und erlauben Unternehmen, sich bewusst auf Chancen und Risiken vorzubereiten.
Im ersten Szenario automatisiert KI zahlreiche Routinen, während Menschen dort eingreifen, wo Kreativität, Erfahrungswissen oder soziale Kompetenz notwendig ist. Dieses Szenario erzeugt einen hohen Bedarf an Qualifizierung rund um die Frage: Wie steuert man KI verantwortungsvoll und prüft Ergebnisse kritisch?
Im zweiten Szenario arbeiten Unternehmen weitgehend automatisch. Menschen definieren Ziele, während KI-Systeme operative Entscheidungen treffen. Hier gewinnen Rollen wie Datenkompetenz, Prozessgestaltung und ethische Bewertung stark an Bedeutung. Unternehmen müssen Mitarbeitende darauf vorbereiten, komplexe KI-Prozesse zu überwachen und zu verstehen.
Im dritten Szenario bleibt der Mensch zentral, nutzt KI aber als Werkzeug zur Effizienzsteigerung. KI übernimmt Analysen, Recherchen und Teile der Kommunikation. Das verändert Aufgabenprofile: weniger Routine, mehr strategisches Denken, mehr Interpretation.
Im vierten Szenario arbeiten Mensch und KI partnerschaftlich zusammen und entwickeln Innovationen, die jenseits des bisher Denkbaren liegen. Dieses Szenario erfordert besonders dynamisches Lernen, weil sich Technologien und Prozesse schnell weiterentwickeln. Aus meiner Sicht ist es das produktivste Szenario, weil es menschliche Kreativität mit maschineller Geschwindigkeit verbindet.
Ihr Fazit?
Ich blicke optimistisch nach vorn. Deutschland hat alles, was es braucht: Know-how, starke Unternehmen und Menschen, die gestalten wollen. Doch wir müssen uns entscheiden: Verwalten wir den Status quo – oder nutzen wir die Chance, Arbeit, Bildung und Wertschöpfung neu zu denken? Wenn wir Mut, Offenheit und Verantwortung verbinden, bleibt Deutschland ein Land der Ideen, digitaler und mit KI als Partner für den Fortschritt.
ÜBER DIE CHEMMEDIA AG
chemmedia begleitet Unternehmen dabei, Weiterbildung strategisch neu auszurichten und Organisationen auf die KI-Transformation vorzubereiten. Mit der Software-Suite Knowledgeworker sowie umfassenden Beratungs- und Contentservicesschaffen wir flexible, skalierbare Lernprozesse. Weltweit setzen mehr als 400 Unternehmen auf unsere Lösungen, um moderne Lernkulturen aufzubauen.
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