Mit dem E-Auto auf der Langstrecke

Fast ganz Europa ist von einem stetig dichter werdenden Netz an Ladestationen für E-Autos überzogen. Dennoch: Wer elektrisch reisen möchte, sollte alte Denkmuster aufgeben.

Illustrationen: Josephine Warfelmann
Illustrationen: Josephine Warfelmann
Axel Novak Redaktion

Wer wissen will, wie es um das europäische Ladenetz für E-Autos steht, sollte Nutzer dieser Fahrzeuge fragen, zum Beispiel Christoph Engelhardt aus dem bayerischen Feuchtwangen: „Nach 3.591 km mit dem Elektroauto sind wir aus dem Jahresurlaub in Frankreich zurück. Insgesamt muss ich sagen, dass es für uns gut geklappt hat, auch wenn das Gesamterlebnis noch Potenzial hat“, postet er im September auf X – früher Twitter. 

Oder RWM (@Arctic_Ligh): „Im Juli haben wir zum ersten Mal eine echte Langstrecke getestet: 2.900 Kilometer von Süddeutschland nach Lappland. Keine Probleme und trotzdem noch viel gelernt. Schnelllader gibt es mittlerweile ohne Ende“, schreibt der E-Auto-Fahrer aus Baden-Württemberg.

Und es stimmt ja: Beim öffentlichen Laden hat Europa stark aufgeholt. Im Juli 2025 gab es exakt 1.005.080 Ladepunkte in der EU. Meist AC-Wechselstromanlagen, aber auch 171.437 DC-Gleichstrom- oder Schnelllader. Ist Europa also endlich erfolgreich auf dem Weg in die E-Mobilität? Denn: „Es braucht die Infrastruktur, die vorausläuft“, wie der deutsche Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder Mitte November 2025 bei der Vorstellung des Masterplans Ladeinfrastruktur 2030 sagte.
 

3,5 MILLIONEN LADEPUNKTE BIS 2030


Die EU-Kommission hat den 27 Mitgliedstaaten Vorgaben gemacht: Bis 2030 sollen 3,5 Millionen Ladepunkte errichtet werden. Entlang der großen europäischen Transportkorridore sollen vor allem Schnelllader verfügbar sein. Deutschland ist dabei gar nicht so schlecht aufgestellt. Mittlerweile gibt es mehr als 180.000 Ladepunkte, davon 44.000 Schnellladepunkte. Im Pro-Kopf-Verhältnis sieht das jedoch anders aus: Hier liegen die Niederlande mit rund 665 Ladepunkten pro 100.000 Einwohner vorne. In Deutschland hingegen teilen sich 100.000 Menschen 217 Ladepunkte. Das ist allerdings noch luxuriös im Vergleich zu Griechenland oder Kroatien, wo es 59 beziehungsweise 64 Ladestationen für 100.000 Menschen gibt, wie die Datenanalysten von Datapulse Research berichten. Die meisten öffentlichen Ladepunkte befinden sich in Städten, in urbanen Räumen oder an Autobahnen. Auf dem Land wird es dünner, oft gibt es sogenannte Ladewüsten. In Nordskandinavien, Süd- und Osteuropa sowie in ländlichen Regionen Deutschlands liegen öffentliche Ladepunkte in einigen Regionen über viele Dutzende Kilometer voneinander entfernt.
 

GUTE PLANUNG IST ALLES


Doch die Anzahl der Ladepunkte ist das eine, genauso entscheidend für die Akzeptanz von E-Mobilität ist der Preis. Voraussetzung für akzeptable Strompreise ist ein funktionierender Markt. In diesem Punkt sticht Deutschland heraus: Zwar hält der Platzhirsch EnBW elf Prozent der Ladepunkte. Doch mehr als 1.200 weitere Anbieter und Betreiber teilen sich den Rest des Marktes, sodass E-Mobil-Reisende mit Apps, Ladekarten und Tarifen jonglieren müssen wie in den Anfangsjahren der mobilen Telekommunikation. Im Ausland ist es nicht besser. 

X-User Christoph Engelhardt bezeichnet daher nach seinem Frankreich-Urlaub den „Tarifdschungel“ als wichtigste Verbesserungsmöglichkeit beim Thema E-Mobilität. „Man muss immer schauen, ob 200 Meter weiter eine Ladesäule nur halb so viel kostet“, schreibt er auf X. Manche Ladesäulen akzeptieren nur ausgewählte Anbieter-Apps, andere werden über spezielle RFID-E-Ladekarten bedient oder erfordern sogar eine lokale Registrierung. Carsten Knop, Journalist und FAZ-Herausgeber, zieht ein Fazit: „Ich würde jedem, der überlegt, auf Elektromobilität umzusteigen, raten: Seien Sie bereit zu lernen“, schreibt Knop Ende November 2025 über seine ersten 10.000 Kilometer im E-Auto: „Nicht das Laden ist die Herausforderung – es ist die Bereitschaft, alte Denkmuster aufzugeben und sich auf eine neue Logik einzulassen.“

Gute Planung ist auf der e-mobilen Reise durch Europa unerlässlich. Viele große Ladekarten-Anbieter bieten Roaming in den gängigen Urlaubsländern an. Daneben gibt es lokale Ladekartenanbieter, deren Angebote oft günstiger sind als die Roaming-Netze. Außerdem helfen Apps den Nutzern, europaweit Ladestationen zu finden. EnBW mobility+, Chargemap und ADAC Drive oder Plugsurfing liefern detaillierte Informationen wie Echtzeit-Verfügbarkeit, Preise und Standort-Details. Einige Apps bieten auch das direkte Bezahlen oder mit einer zugehörigen Ladekarte. Andere wiederum lassen sich durch KI unterstützen. Auf Anbieterseite können KI-Systeme schon jetzt die Betriebskosten massiv senken und durch effiziente Planung Profitabilität und Lebensdauer der Infrastruktur um 20 Prozent erhöhen. Das zumindest behauptet das Unternehmen Mindverse Studio, das unter anderem Ladestellenbetreibern KI-Lösungen anbietet.
 

DER MARKT FÜR LADESTROM VERÄNDERT SICH


Hinter der Vielzahl von Tarifen an Europas Ladesäulen steckt eine Vielzahl von Betreibern. Allerdings verändert sich dieser gegenwärtig: Die meisten Betreiber sind stark auf ihren Heimatmarkt und höchstens ein oder zwei weitere Länder ausgerichtet. Vor allem Ölkonzerne und nationale Energieversorger haben die Tankstellen und Netze ausgebaut: Der französische Ölkonzern Total beispielsweise betreibt die meisten Ladestellen in Europa: 25.073 waren es im Herbst. An zweiter und dritter Stelle steht die schwedische Vattenfall und die italienische Enel. Andere Unternehmen wie Equans, Clever oder Chargepoint konzentrieren sich vor allem auf Städte und Autobahnen.

Mittlerweile werden auch Supermärkte aktiv, denn ihre Kunden verweilen auf den Parkplätzen. So hat die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland Tausende von Standorten in Europa aufgebaut. Auch britische Lebensmittelhändler wie Sainsbury's oder Tesco sowie französische Händler wie Carrefour oder Casino bauen ihre Ladeinfrastruktur aus. Das kommt wiederum ganz Europa zugute, denn um die ehrgeizigen Ziele der EU zu erfüllen, müsste der Kontinent mehr als 500.000 Ladepunkte jährlich erreichen, aktuell wird aber nur ein Drittel realisiert. Mehr privates Engagement von Händlern und anderen großen Ketten statt staatlicher Programme könnte die E-Mobilität in einem funktionierenden Markt weiter voranbringen.

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