Kurz nach dem Urknall

Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz revolutioniert das Marketing – doch vielen Unternehmen fehlt das Know-how, um sie verantwortungsvoll einzusetzen.

Illustrationen: Josephine Warfelmann
Illustrationen: Josephine Warfelmann
Verena Mörath Redaktion

Kannst du bitte schnell noch einen Post zu unserer neuen Storytelling-Fortbildung texten?“, ruft die Leiterin einer Weiterbildungsakademie kurz vor Feierabend über den Flur. Die angesprochene Marketingmitarbeiterin öffnet ein KI-Tool und lässt sich in Sekunden Vorschläge generieren und hat den ersten Entwurf auf dem Bildschirm. „Danke, das hat mir geholfen“, tippt sie. „Gern geschehen“, schreibt der Chatbot zurück. Und fragt: „Brauchst du noch Varianten?“ Solche Szenen zeigen, wie selbstverständlich generative KI inzwischen in vielen Marketingteams eingesetzt wird. KI verändert das Marketing in hohem Tempo – von automatisierten Kampagnen bis zu KI-generiertem Content und gezielter Kundenansprache. In Marketingabteilungen entstehen heute innerhalb von Minuten Texte, Bilder und Kampagnenideen, für die früher ein halber Arbeitstag nötig war. 

Dennoch zeigte eine Auswertung des Münchner ifo-Instituts: KI spielt für viele deutsche Unternehmen bislang nur eine begrenzte Rolle. Laut Eurostat-Daten nutzten 2023 nur rund 12 Prozent der Firmen mindestens eine KI-Anwendung – vor allem größere Unternehmen mit mehr als 250 Beschäftigten. Ausgerechnet fehlendes Knowhow ist eines der größten Hindernisse für den KI-Einsatz – noch vor Kosten, technischen Hürden, Sorge um den Datenschutz oder Unsicherheit hinsichtlich möglicher rechtlicher Konsequenzen. 

Denis Habig, Experte für generative KI und digitale Bildung, bezeichnet die Veröffentlichung bzw. kostenfreie Verfügbarkeit von ChatGPT im November 2022 als „Urknall“. Seitdem habe sich die Nachfrage nach Weiterbildungen zu KI exponentiell entwickelt, „wir kommen kaum hinterher“, so Habig. Ab 2023 und bis Anfang Dezember 2025 entwickelte er das Portfolio für die IHK Rhein-Neckar für digitale Themen und KI. Heute besteht das Angebot aus rund 94 verschiedenen digitalen Seminaren und Lehrgängen in den Bereichen KI, Datenmanagement, Change und Digitalisierung. Die IHK Rhein-Neckar bietet „kurze und knackige Schulungen“ an, aber auch Kurse mit über 50 Unterrichtseinheiten, schildert Habig. 
 

»KI nur dann einsetzen, wenn es einen echten Mehrwert hat und nicht nur, weil es möglich ist.«


Die Kosten für Schulungen variieren von Träger zu Träger der Weiterund Fortbildung: Ein- bis zweitägige Grundkurse können bei rund 300 bis 600 Euro liegen, längere Zertifikatsprogramme bei 2.000 bis über 3.000 Euro. Inhouse-Schulungen für größere Teams sind ebenfalls sehr gefragt. Schulungsinhalte sind zum einen, das Verständnis für die technischen Grundlagen generativer KI zu vermitteln, und zum anderen praxisnah zu üben, welche KI-Tools, wann und wie eingesetzt werden. 

Dr. Karin Windt, Beraterin, Trainerin und Projektmanagerin für Online-Reputation, Online-Marketing und Social-Media-Strategien, erlebt ebenfalls einen stark gestiegenen Orientierungsbedarf bei Unternehmen: Sie verbindet in ihren Schulungen praxisnahe Anwendung wie Text-, Video- und Contentproduktion oder E-Commerce mit strategischen, aber auch mit ethischen Fragen. Windt beschreibt sich selbst als „kritische Enthusiastin“, begeistert von den Möglichkeiten, aber mit klarem Fokus auf Verantwortung und Transparenz. Sie rät dazu, auch europäische Alternativen zu US-amerikanischen Plattformen zu nutzen, etwa Mistral oder Neuroflash, um die digitale Souveränität in Europa zu stärken. 

Windt hält KI für eine Technologie mit Umwälzungskraft, ähnlich der Einführung des Internets, aber zugleich sagt sie: „KI ist kein Heilsbringer“. Deshalb schult sie Teilnehmende darin, „KI mit Augenmaß zu nutzen und nur dann einzusetzen, wenn es einen echten Mehrwert hat und nicht nur, weil es möglich ist“. Sie weist auch auf den hohen Ressourcenverbrauch (Energie, Wasser) großer Rechenzentren hin. Als „kritische Enthusiastin“ gehört sie zu den Erstunterzeichnenden des „Code of Conduct für eine demokratische KI“, eine Selbstverpflichtung von mehr als 50 gemeinwohlorientierten Organisationen, die Leitlinien für einen verantwortungsvollen KI-Einsatz formuliert. Sie wirbt dafür, dass der Code of Conduct in der Wirtschaft stärkere Beachtung findet.

Die meistgenutzten KI-Anwendungen im Marketing sind aktuell Text-, Bild- und Videogenerierung, viele Marketingteams arbeiten mit vier bis sechs Tools gleichzeitig. Habig warnt vor Kompetenzverlusten: KI dürfe Denken und Prüfen nicht ersetzen. Er empfiehlt klare Strategien, Regeln und ein Leitbild in den Unternehmen für den KI-Einsatz – einschließlich der Prüfung von Open-Source-Alternativen. Er wie auch Karin Windt schildern das Risiko, personenbezogene Daten, zum Beispiel in einem KI-unterstützten Mailing zu verwenden. Es sei denn, die Kommunikation läuft über eine firmeninterne, nach außen abgeschlossene KI.

Tatsächlich bietet KI enorme Chancen und verändert das Marketing entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von Datenanalyse und Automatisierung über die Contenterstellung bis hin zur direkten Interaktion mit Kundinnen und Kunden. Doch ohne gezielte Schulungen drohen Fehlanwendungen, ethische Lücken und ökologische Belastungen. Entscheidend ist, KI als unterstützendes Werkzeug einzusetzen, sie dort einzubinden, wo Routinearbeiten beschleunigt und Zeit für Qualität und Kontext geschaffen werden. Dabei gilt: „KI mit kritischem Sachverstand zu nutzen – der Chatbot ist nicht schlauer als ein Mensch“, formuliert es Karin Windt. 

KI verlangt zugleich mehr Kompetenz, Verantwortung und Nachhaltigkeit als jede Marketingtechnologie zuvor. Unternehmen, die diesen Dreiklang beherrschen, werden die Technologie nicht nur schneller nutzen können, sondern auch klüger.

Klug ist auch die Mitarbeiterin der Weiterbildungsakademie. Bei nochmaliger Prüfung des KI-generierten Textes entdeckt sie zwei Sachfehler, korrigiert diese und passt ihn an den Erzählstil des Blogs an. Endlich Feierabend!

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