Gutes Gewissen im Regal

Bio, fair, klimaneutral, regional – und jetzt CO2-Werte: Der Supermarktgang ist zum Spalier guter Absichten geworden. Aber helfen die vielen Siegel? Ein Einkauf zwischen Orientierung und Overload.

Illustrationen: Ingeborg Schindler ingeborgschindler.com
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David Schahinian Redaktion

Eier, wir brauchen Eier, sagte Oliver Kahn am 1. November 2003 nach einem 0:2 auf Schalke. Wer dieser Aufforderung heute im Supermarkt nachkommen will, braucht allerdings gute Nerven. Bio oder konventionell? Regional oder aus dem Nachbarland? Klimaneutral, also mit ausgeglichenen Produktionsemissionen? Ohne Kükentöten – in Deutschland längst verboten, anderswo nicht? Oder gleich mit Aufzucht der Bruderhähne? All das lässt sich an Labeln, Logos und Siegeln ablesen. Und wir haben bis hierhin nur über Eier gesprochen. Wer bei jeder Ware so genau hinschaut, kann fürs Einkaufen gleich Stunden einplanen.

Das macht natürlich niemand. Punktuell aber wirkt es sehr wohl. Siegel seien eine Art Markenzeichen, mit dem besondere Eigenschaften herausgestellt würden, erklärt das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat. Im besten Fall geben sie Orientierung: Aus der Wand voller Marmeladengläser greift man jenes, das den besten Kompromiss aus Anspruch und Preis verspricht.
 

DIE REIZÜBERFLUTUNG KAUFT MIT EIN


Die Sache hat drei, nein: vier Haken. Haken eins: Die schiere Menge dieser Kennzeichen hat längst zu einer stillen Reizüberflutung geführt. Hunderte konkurrieren um unsere Aufmerksamkeit, seriöse neben selbst erdachten. Das führt zu Haken zwei: Wer weiß schon, wofür welches Label steht und welche Kriterien es anlegt? Haken drei: Besondere Eigenschaften sind ein Marketing-Asset. Die Versuchung, eigene Siegel zu erfinden, die im Zweifel Selbstverständlichkeiten behaupten, ist entsprechend groß. Vegane Äpfel – wer hätte das gedacht? Und Haken vier: Irgendwann nimmt man das alles nicht mehr ernst, und die Siegel verlieren ihre Wirkung. Von jenen ganz zu schweigen, die ohnehin nur auf den Preis schauen.

Das ist allerdings eine Minderheit. Einer Studie der Beratung Simon-Kucher zufolge achten 71 Prozent der Deutschen auf Zertifizierungen wie „bio oder „fair gehandelt. Viele davon jedoch nicht mit reinem Gewissen: 33 Prozent zweifeln an Nachhaltigkeitslabeln, 35 Prozent an klimabezogenen Aussagen. Der Verdacht des Greenwashings sitzt tief. Auch der Verbraucherzentrale Bundesverband kennt dieses Misstrauen: Einer forsa-Befragung in seinem Auftrag zufolge glaubt eine deutliche Mehrheit den sozialen Werbeaussagen auf Verpackungen nicht und wünscht sich klare gesetzliche Regeln. Nicht jedes Siegel sagt eben alles – aber jedes sagt etwas. Nur was?

Illustrationen: Ingeborg Schindler ingeborgschindler.com
Illustrationen: Ingeborg Schindler ingeborgschindler.com

Vor dem Joghurtregal kommen wir ins Grübeln. Vielleicht helfen die Etiketten gar nicht so sehr bei der besseren Wahl. Vielleicht verkaufen sie vor allem das beruhigende Gefühl, das Richtige zu tun. Die meisten Siegel sind freiwillig. Trotzdem greifen wir nach ihnen wie nach Rettungsankern im Meer der Entscheidungen. Während „Noch besser! schnell als Marketing-Tamtam durchschaut wird, klingt „zuckerreduziert gleich gesund. Dass der Joghurt dann eben nur noch zur Hälfte statt zu drei Vierteln aus Zucker besteht – geschenkt. Es ist eine kleine Ökonomie des guten Gewissens: Wir zahlen ein paar Cent mehr für den grünen Punkt und nehmen die Beruhigung gleich mit nach Hause.
 

ZWISCHEN MARKETING UND WIRKLICHKEIT


Weniger werden die Symbole nicht, im Gegenteil. Und jetzt auch noch das Klima. Neuerdings finden sich immer mehr CO2 -Angaben auf den Verpackungen. Diese neue Transparenz lädt zum genauen Hinschauen ein. Bloßes Marketing kann es kaum sein: Warum sollten Hersteller sonst die Mühe und die nicht geringen Kosten auf sich nehmen, für jedes einzelne Produkt möglichst realistische Werte zu ermitteln? Mit schwammigen Claims wäre das einfacher – und billiger. Heilsbringer sind die Zahlen aber ebenso wenig: Woher soll man ohne Vergleichsmöglichkeiten wissen, ob ein Wert gut ist oder schlecht? Man darf also annehmen: Belastbare COAngaben sind der ehrliche Versuch, Komplexität sichtbar zu machen. Wir sind mittlerweile bei den Tiefkühltruhen angekommen und greifen eine Packung Pommes heraus. „2,8 kg CO2 e/kg“ steht da. CO2 -hä? CO2e steht für CO2-Äquivalente: Weil es mehrere Treibhausgase gibt, rechnet man sie in die Klimawirkung von Kohlendioxid um und erhält einen einzigen, vergleichbaren Wert. Heißt: Ein Kilo dieser Fritten verursacht in der Herstellung 2,8 Kilo Treibhausgase. Zum Vergleich: Ein Kilo Röstkaffee liegt meist zwischen 8 und 15 Kilo. Noch größer sind die Unterschiede bei Tomaten: Regionale Freilandware bringt es auf rund 0,3 Kilo, solche aus beheizten Gewächshäusern auf mehr als 9. Erst der Vergleich macht die Zahl überhaupt lesbar. Und „klimaneutral? Klingt nach reinem Gewissen, meint aber oft nur, dass ein Hersteller die Emissionen der Produktion anderswo kompensiert. Nicht, dass gar keine entstünden. Ein feiner, aber entscheidender Unterschied, den das Etikett selten mitliefert. 

Gerichte und Gesetzgeber ringen längst darum, wann ein Produkt sich überhaupt so nennen darf. Was am Ende wirklich in den Wagen wandert, entscheidet ohnehin selten das Klima. Der Ernährungsreport 2025 des Ministeriums zeigt: 77 Prozent achten auf regionale Herkunft, 59 Prozent – in Zeiten der Wirtschaftskrise wieder mehr als noch vor einigen Jahren – auf den Preis. Das wichtigste Kriterium aber bleibt seit Jahren dasselbe: Es muss schmecken. Schnell zur Kasse, bevor die Pommes auftauen und der Kopf schwirrt. In der Warteschlange an der Kasse setzt sich dann eine nüchterne Erkenntnis durch: Es bringt nichts, Labeln, Siegeln und Logos zu viel Verantwortung zu übertragen. Keines ersetzt das eigene Nachdenken. 

Wer weiß, was er will und was nicht, dem können sie einen Hinweis geben: bekannte Bio- oder Fairtrade-Siegel etwa, vielleicht, in einer besseren Zukunft, auch die CO2 -Äquivalente. Am verlässlichsten aber sind noch immer die Pflichtangaben: die Zutatenliste, die Nährwerttabelle, das Herkunftsland. Vielleicht ist das die eigentliche Lehre aus dem Siegeldschungel: nicht dem Etikett zu vertrauen, sondern dem eigenen Urteil. So einfach kann das manchmal sein.
 

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