Weniger Kosten, mehr Effizienz: Die Intralogistik steht heute unter hohem Druck. Doch wo früher viele Menschen in gigantischen Lagerhallen endlos lange Gänge mit Hochregalen entlangliefen oder -fuhren und Objekte stapelten, entnahmen, sortierten und zu Sendungen zusammenstellten, herrscht heute gähnende Leere: Die Zukunft der Intralogistik kommt ohne Menschen aus.
In Duiven in den Niederlanden steht ein Dark Warehouse der neuesten Generation. Das Leipziger Health-Tech-Unternehmen apo.com hat hier für den Versand von täglich bis zu 25.000 Medikamenten-Sendungen ein hochautomatisiertes Logistikzentrum aufgebaut. 17 vollautomatische Roboter sortieren KI-gestützt die Produkte, einige wenige Menschen helfen dabei. „Bis 2029 wollen wir den Automatisierungsgrad auf rund 97 Prozent erhöhen“, sagt Friedrich Lorek, Head of Automation and Technology bei apo.com. „Ich bin stolz auf das, was wir hier aufgebaut haben.“ Dark Warehouses sind vollautomatisierte Logistikzentren, in denen Robotik, automatisierte Lagerund Abrufsysteme sowie Künstliche Intelligenz den Menschen ersetzen. Sie verwalten Bestände, bearbeiten Bestellungen und übernehmen logistische Funktionen, ohne dass ein Mensch Waren stapelt, sortiert, kennzeichnet oder hebt. In der Intralogistik, also den internen logistischen Prozessen von Unternehmen, gilt die Automatisierung als zentraler Hebel zur Verbesserung der Prozesse.
Laut dem Jahresreport World Robotics 2025 – Service Robots der International Federation of Robotics (IFR) wurden im Jahr 2024 weltweit rund 102.900 Roboter für Transport- und Logistikaufgaben verkauft. Etwa 81.800 der verkauften Einheiten waren mobile Roboter für intralogistische Anwendungen. Sie transportieren Material und Güter in Werkshallen und Lagern, versorgen Produktionslinien oder übernehmen das Be- und Entladen von Lkw und Paletten. Die meisten dieser Roboter stammen aus Asien. Der Direktverkauf ist noch wichtig, allerdings haben „Robot-as-a-Service“-Lösungen im Jahr 2024 um 42 Prozent gegenüber dem Vorjahr zugenommen.
„Wir sehen eine große Nachfrage nach Automatisierungslösungen mit mobiler Robotik. Gleichzeitig bedeuten diese Projekte auf Kundenseite oft einen erheblichen Investitions- und Kapazitätsaufwand“, sagt Sascha Schmel, Geschäftsführer des VDMA-Fachverbands Fördertechnik und Intralogistik.
Dabei kommt es heute auf das Zusammenspiel vieler verschiedener Systeme an. In Löhne setzt Hermes Fulfilment in seinem Logistikzentrum beispielsweise auf autonome mobile Roboter, um für die Otto Group und deren Plattform-Partner Möbel, Matratzen und Elektrogroßgeräte, die in bis zu 12,40 Meter hohen Regalen lagern, zu Sendungen zusammenzustellen. „Damit entlasten wir unsere Mitarbeitenden und heben die Effizienz unserer Logistikprozesse auf ein neues Level“, sagt Thomas Saltenbrock, Betriebsleiter von Hermes Fulfilment in Löhne. Um die Robotersysteme unterschiedlicher Hersteller zu steuern und zu trainieren, hat die Otto Group gemeinsam mit NVIDIA das Steuerungsprogramm „Robotic Coordination Layer“ entwickelt. Wenn das Projekt erfolgreich ist, soll diese smarte Robotik an den weiteren 120 Logistikstandorten der Unternehmensgruppe eingeführt werden.
Parallel zur Robotik gewinnt auch Künstliche Intelligenz in den intralogistischen Abläufen von Unternehmen zunehmend an Bedeutung. KI und maschinelles Lernen sorgen für mehr Flexibilität und Transparenz, optimieren Abläufe, verbessern die Bestandsverwaltung und ermöglichen deutlich genauere Prognosen. Dabei kommen zwei Ansätze zum Einsatz: generative KI und spezialisierte KI-Modelle. Generative KI, wie sie beispielsweise in ChatGPT zum Einsatz kommt, unterstützt im Kundenservice, bei der Dokumentenverarbeitung oder in der Kommunikation. Sie steht für den Übergang von regelbasierter Automatisierung zu selbstlernenden, adaptiven Systemen. Spezialisierte KI-Modelle werden hingegen gezielt mit internen Daten trainiert und übernehmen klar umrissene Aufgaben, beispielsweise bei der Bauteilerkennung, bei der Verpackung oder bei präzisen Lieferterminprognosen.
Wenn KI die Robotik steuert, erhöht sich deren Autonomie: KI sagt Roboter-Ausfälle voraus, steuert selbstständig die Tourenplanung und kann autonom Ressourcen zuweisen. Noch einen Schritt weiter geht sogenannte Agentic AI, die analytische KI mit generativer KI kombiniert und Roboter so in die Lage versetzt, vollkommen selbstständig in komplexen realen Umgebungen zu agieren.
Doch langfristig stellt sich die Frage: Wie viele Menschen werden künftig in der automatisierten Welt der Intralogistik arbeiten? Fahrerinnen und Fahrer sowie Lagermitarbeitende werden noch lange gebraucht. Aber wie lange noch? Nicht alle Fahrerinnen werden zu Teleoperatorinnen und nicht alle Lagermitarbeiter zu IT-Spezialisten werden können.
Wissenschaftler des Fraunhofer-IML und der TU Dortmund haben sich mit der Frage beschäftigt, was passiert, wenn KI und Roboter große Teile der Logistik übernehmen und die Logistik somit „posthuman“ wird. „Im Ideal des Posthumanen übergibt der Mensch nicht nur physische Arbeit, sondern auch einen Teil der Kontrolle und der geistigen Tätigkeiten an die KI. Sie wird zum Partner des Menschen, dem sie Ergebnisse und Gedachtes präsentiert“, schreiben die renommierten Experten Michael ten Hompel, Alice Kirchheim und Moritz Roidl in den VDI-Nachrichten.
„Es geht darum, die Logistik zu verändern – nicht den Menschen“, betonen die drei und fügen hinzu: „Wir sollten weder in dystopischen noch in euphorischen Zukunftsbildern verharren. Die Zukunft hat längst begonnen. Es gilt, die technischen Chancen zu nutzen und mit Zuversicht an einer Logistik zu arbeiten, in der wir leben wollen.“ Sie plädieren dafür, endlich den regulatorischen Rahmen für KI mitzugestalten und deren Wirkung systematisch zu erforschen.
Illustrationen: Martin Schumann