»Wir sind eine kleine, aber schlagkräftige Gruppe«

Er ist Ingenieur, Youtuber und Initiator der erfolgreichen  Petition zur Vereinfachung der Regelungen für Solar-Balkonkraftwerke.  Ein Gespräch mit Andreas Schmitz. 
 

Illustration: Emanuela Carnevale
Illustration: Emanuela Carnevale
Interview: Mirko Heinemann Redaktion

Herr Schmitz, in Ihren Videos geht es um Energiewende-Technologien für das Heim: Wärmepumpen, Solaranlagen, Selbstbau-Lösungen zur autarken Versorgung mit Sonnenstrom. Wie sind Sie zum Youtuber geworden?
Ich war eher skeptisch gegenüber Erneuerbaren Energien eingestellt, bis ich vor vier Jahren meine erste Berührung mit Photovoltaik hatte. Ich wollte einem Freund zum Geburtstag ein portables Solarmodul schenken. Der Geburtstag fiel aus, und ich hatte das Teil zuhause. Ich habe es durchgemessen und war überrascht, wie viel Strom es produzierte. Bei meiner weiteren Recherche fiel mir auf, dass gute Videos meist in englischer Sprache waren. Ich habe dann einfach mal selber einen Film gemacht.

Ihre Videos erhalten viele überschwängliche Lobeshymnen. Was machen Sie richtig?
Na gut, zum einen: YouTube pusht die guten Bewertungen nach oben. Zum anderen habe ich ein Forum gegründet, in dem wir uns über PV, Energieversorgung, Heizungslösungen, Akkus und Regulierungen austauschen. Daraus ist eine eingeschworene Community von mittlerweile über 20.000 Mitgliedern entstanden. Viele sind in der gleichen Situation wie ich. Sie haben ein Haus gekauft oder gebaut, wollen es energetisch fit machen, wissen aber nicht wie. Man muss hohe Investitionen tätigen, und da sind objektive Informationen wichtig. Die recherchieren wir inzwischen zu zweit, ehrenamtlich neben der Arbeit und ohne Produktwerbung. Mit Spenden kann man unsere Arbeit unterstützen.

Wie hoch sind die Qualitätsunterschiede zwischen Produkten? 
Während es bei Solarpaneelen keine so großen Unterschiede gibt, sind sie bei Wechselrichtern, die den Solarstrom in Haushaltsstrom umwandeln, teilweise enorm. Gemeinsam mit Professor Stefan Krauter von der Universität Paderborn habe ich den Wirkungsgrad von Mikrowechselrichtern gemessen, die Geräte aufgeschraubt und die Verarbeitung angeschaut. Fazit: Bei teuren Geräten sind die Unterschiede gering, aber bei den billigen Geräten gibt es Ausreißer nach unten. Vor kurzem hatten wir einen Skandal, als 400.000 chinesische Wechselrichter vom Typ Deye eine deutsche Zulassung erhalten haben, obwohl ein wichtiges Relais fehlte. Bei Tests haben wir festgestellt, dass viele billige Wechselrichter ihre versprochene Leistung nicht erbringen.

Sie haben eine Petition gestartet, um die Inbetriebnahme von sogenannten Solar-Balkonkraftwerken zu erleichtern, die man einfach per Schukostecker mit dem heimischen Stromnetz verbinden kann. Wie kam die Petition zustande?
Hintergrund war eine Empfehlung des Elektrotechnik-Verbands VDE, bei privaten Solar-Kleinanlagen, sogenannten Balkonkraftwerken, die maximale Einspeiseleistung von erlaubten 600 Watt auf 800 Watt anzuheben. Ich habe daraufhin beim VDE angerufen und gefragt, was sie nun  vorhaben. Sie sagten mir, politisch könnten sie nichts machen. Daraufhin habe ich auf Twitter gepostet, dass ich eine Petition starten wolle, um politischen Druck aufzubauen. Es bildete sich eine kleine, aber schlagkräftige Gruppe.

Petitionen mit mehr als 50.000 Unterschriften werden im Petitionsausschuss beraten. Ihre hatte über 100.000. Wie ging es weiter? 
Wir wurden zu zweit in eine Sitzung des Petitionsausschusses eingeladen, wo wir unser Anliegen vorbrachten und anschließend Fragen aller Parteien beantworteten. Der Ausschuss gab dann eine positive Empfehlung an die Regierung. Wir wurden zur weiteren Beratung vom zuständigen Staatssekretär Sven Giegold eingeladen und ermutigt, an der Photovoltaik-Strategie der Bundesregierung mitzuarbeiten. Für Änderungen im Wohneigentums- und Mietrecht ist allerdings nicht das Wirtschaftsministerium BMWK, sondern das Justizministerium zuständig. Wir wollen, dass künftig für den Betrieb einer Balkonsolaranlage keine Genehmigung der Eigentümergemeinschaft oder des Vermieters notwendig ist. Es sieht derzeit so aus, als würden alle Forderungen umgesetzt.

Die Erleichterungen für so genannte Balkonkraftwerke sind Teil des Solarpakets I, das 2024 in Kraft treten soll. Balkonkraftwerke haben demnach eine technisch bedingte Höchstgrenze für Solarpaneele von 2.000 Watt und Wechselrichtern von 800 Watt. Überschüsse werden entgeltfrei ins Netz eingespeist. Lohnt sich das überhaupt?
Kommt darauf an, wie viel man verbraucht und wann. In einer Simulation konnten wir zeigen, dass man mit einem Balkonkraftwerk zehn bis 20 Prozent seines Haushaltsstroms aus Solarenergie beziehen kann. Wenn ich 2.000 Watt-Paneele anschließe, dann kann ich häufig auch im Winter oder bei Dämmerung 800 Watt Leistung erzielen. Dazu kommt: Man erlebt, wie Energiewende funktioniert. Das schafft Vertrauen in die erneuerbaren Energien und macht bei denjenigen, die den Platz haben, Lust auf mehr.

Ihre Community wurde vom BMWK aufgefordert, weitere Vorschläge für die Photovoltaik-Strategie zu sammeln. Was kam denn da so?
Es waren viele klug ausgetüftelte Vorschläge dabei. Teils skurrile. Man glaubt ja nicht, was es alles gibt: Bekommt man etwa einen digitalen Zweirichtungszähler und will dessen Infrarotschnittstelle freischalten, muss man allen Ernstes Morsezeichen mit einer Taschenlampe hineingeben. Lang, kurz, lang, lang und so weiter. Der Vorschlag lautete: Die Zweirichtungszähler bitte mit einer freigeschalteten Infrarotschnittstelle ausliefern. So einfach kann es manchmal sein.

Andreas Schmitz
Andreas Schmitz

Andreas Schmitz arbeitet beim Zentrum für Luft und Raumfahrt im Bereich Künstliche Intelligenz. Sein YouTube-Kanal über Erneuerbare-Energie-Lösungen fürs Heim hat eine Viertelmillion Abonnenten. Mehr unter: www.akkudoktor.net 

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