Volumenmodelle auf dem Sprung

Dass der deutsche Straßenverkehr zunehmend elektrisch wird, ist nicht mehr zu übersehen. Künftig geht E-Mobilität stärker in die Breite.

Illustration: Anna Zaretskaya
Illustration: Anna Zaretskaya
Kai Kolwitz Redaktion

Als vor gut zehn Jahren die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel voraussagte, bis zum Jahr 2020 würden eine Million Elektro-Autos auf deutschen Straßen rollen, da wurde sie von vielen belächelt. Noch Jahre später schien nichts darauf hinzudeuten, dass sich die Zahl auch nur annähernd erreichen lassen würde.

Die Million wurde zwar erst Mitte 2021 geknackt – und auch nur dann, wenn man Plug-in-Hybride mitzählte, die rein elektrisch oder als Verbrenner fahren können. Doch inzwischen lacht niemand mehr. Die aktuellen Zahlen des Kraftfahrbundesamts weisen einen Trend aus, der vor einigen Jahren noch unvorstellbar schien: Von den gut 2,6 Millionen Personenwagen, die im Jahr 2021 in Deutschland zugelassen wurden, waren 13,6 Prozent reine Elektro-Autos – ein Zuwachs gegenüber dem Vorjahr um gut 80 Prozent. Plug-in-Hybride waren der zweite Gewinner der Statistik – weitere 12,4 Prozent hat den kombinierten Antrieb unter der Haube, macht gut 60 Prozent Zuwachs gegenüber 2020.

Sprich: Mehr als jeder vierte Personenwagen, der im vergangenen Jahr in Deutschland neu für den Verkehr zugelassen wurde, ist in der Lage, sich mit Strom fortzubewegen. Im Straßenbild spiegelt sich das deutlich wider – waren in den Zehnerjahren Teslas oder BMW i3 im Straßenbild Exoten, deren Besitzer sich viele Fragen stellen lassen mussten, erregen E-Autos inzwischen kaum noch Aufsehen. Der Wandel wird von der Politik unterstützt: Ab 2035 sollen in der Europäischen Union nur noch PKW neu zugelassen werden dürfen, die klimaneutral sind. Die Hersteller tragen dem Rechnung, auch, wenn sich die Strategien im Detail unterscheiden.

In diesen Tagen sollen zum Beispiel die ersten Exemplare des VW ID.Buzz ausgeliefert werden. Der Elektro-Bulli im Retro-Look, angelehnt an die erste VW-Bus-Generation der Fünfziger, könnte zum Sympathieträger werden, der das Thema Elektromobilität weiter Fahrt aufnehmen lässt. Auch der elektrische Mercedes EQE ist bestellbar. Er soll das Erbe der E-Klasse antreten.

Der große Umschwung könnte im kommenden Jahr folgen. Denn dann werden viele Modelle auf den Markt kommen, die Volumenmodelle ersetzen sollen, die derzeit noch von Verbrennern angetrieben werden: Der Audi Q6 e-tron soll mit 800 Volt Systemspannung für kurze Ladezeiten sorgen, Opel wird den elektrischen Astra bringen, Porsche einen mit Strom betriebenen Macan. Der VW ID.7 entspricht von den Rahmendaten dem VW Passat, der für den Konzern eine enorme Bedeutung im Dienstwagengeschäft hat. 2024 kommt dann noch ein Audi A6 e-tron.

Laden über CCS ist Standard
 

Über Reichweite redet kaum noch jemand – zwischen 400 und 600 Kilometer bieten eigentlich alle aktuellen E-Autos, manche mehr. Und per Schnelllader dauert das Auftanken zwar immer noch länger als das eines Verbrenners,  bewegt sich inzwischen aber im Rahmen normaler Erholungspausen auf der Autobahn. Dabei gibt es zwar immer noch Nadelöhre, doch inzwischen existieren gut 63.000 Lademöglichkeiten in Deutschland, davon rund 10.000 Schnelllader. Bis 2023 sollen gut 1000 weitere entstehen – der Bund fördert das mit rund zwei Milliarden Euro. Und auch für private Anbieter ist der Aufbau von Ladeinfrastruktur interessant: Dank vieler neuer Elektroautos erwarten Experten, dass sich die Umsätze beim Laden in Europa bis 2030 versechsfachen, für die möglichen Gewinne gilt das Gleiche. Und wer heutzutage im E-Auto ins europäische Ausland fährt, kann erwarten, dass sein Ladestecker auch dort passt – das CCS-System hat sich zum Standard entwickelt. In Sachen Standorte und Bezahlung sollte man allerdings vorher recherchieren. Mancherorts ist das Netz noch recht dünn, und beim Bezahlen funktioniert es nicht überall per EC- oder Kreditkarte.

Wie die deutschen Hersteller den Wandel managen, ist unterschiedlich. Während Audi zum Beispiel ab 2026 gar keine neuen Verbrenner mehr entwickeln will, fahren andere erst einmal weiter zweigleisig – auch mit Blick auf andere Regionen der Welt. Porsche hofft, mit einer eigenen Produktion von e-Fuels den Boxermotor des 911er in die Zukunft retten zu können. Da aber auch die klimaneutralen Kraftstoffe mit Hilfe von Strom erzeugt werden, würde auch so ein Verbrenner quasi elektrisch fahren.  In jedem Fall werden es für die Branche entscheidende Jahre werden. Denn viele hierzulande bisher unbekannte Hersteller, häufig aus China, drängen mit eigenen Elektro-Autos auf den Markt. Für die Deutschen gilt es, ihren Platz zu behaupten.

E-Bikes als Innovationstreiber


Eines Sache verändert sich nicht: Auch mit einem Elektro-Auto steht man im Stau, und auch mit einem Stromer muss man einen Parkplatz finden. Elektrisch angetriebener Verkehr ist deshalb gerade in den Großstädten divers: Neben E-Autos findet man E-Scooter, die unzähligen E-Roller zum Mieten – und immer mehr E-Bikes und elektrische Lastenräder. 4,7 Millionen neue Fahrräder wurden in Deutschland im Jahr 2021 verkauft, davon hatten rund zwei Millionen einen elektrischen Antrieb. Gerade Pendler schätzen den integrierten Rückenwind – der sorgt dafür, dass auf der Fahrt ins Büro der Anzug nicht durchgeschwitzt wird und macht das Bike zur Alternative für Strecken, die zu lang sind, um sie jeden Tag mit Muskelkraft zu fahren. Vorteile bei Wendigkeit, Kosten und Parkplatzsuche kommen hinzu. Die hohen Verkaufszahlen sorgen dafür, dass renommierte Autozulieferer inzwischen auch große Namen auf dem E-Bike-Sektor sind: Bosch zum Beispiel, dessen Fahrrad-Motoren zu den beliebtesten auf dem Fahrradmarkt gehören, baut außerdem bereits die zweite Generation eines Antiblockiersystems für E-Bikes. Schaeffler bietet unter anderem ein kettenloses Antriebssystem. Und Rheinmetall, bei dem die meisten eher an schweres Gerät denken würden, hat mit Amprio eine Tochterfirma, die gerade die zweite Generation ihres E-Bike-Motors vorgestellt hat.
Für Menschen, die sich mit Mobilität befassen, sind es spannende Zeiten. Für Unternehmen, die ihr Geld damit verdienen, sind es herausfordernde – und solche, die zwingen, neu zu denken. Im Handel wird das ebenfalls erkennbar: Ein Berliner Autohaus hat sich neu erfunden: als „Mobilitätshaus“. Nun gibt es hier nicht mehr nur Neuwagen und Reparaturen, sondern man bietet Lösungen an, die helfen ans Ziel zu kommen. Dazu gehören Lastenräder, E-Bikes, Carsharing – und sogar Tickets für den öffentlichen Nahverkehr.

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