»KI in der Industrie ist nicht trivial«

Wir müssen in Sachen Digitalisierung nicht aufholen, wir müssenvor allem die klugen Köpfe im Land halten, sagt Dr. Sandro Gaycken. Der IT-Vordenker und Technik-Philosoph warnt vor den Folgen der steigenden Cyberkriminalität und wirbt für schlankere Strukturen statt Industrie 4.0.

Illustration: Anna Zaretskaya
Illustration: Anna Zaretskaya
Interview: Julia Thiem Redaktion

Herr Dr. Gaycken, Industrie 4.0 ist ein Buzzword, das uns seit Jahren begleitet. Wie viel Leben steckt da tatsächlich drin?
So wirklich tief vorgedrungen ist die Industrie 4.0 in all den Jahren nicht. Es gibt Unternehmen, die damit experimentieren, auch jede Menge Angebote – teilweise in Kombination mit anderen Technologien, aber viele der Equipmenthersteller haben die Industrie 4.0 nicht wirklich integriert, weshalb das Thema eher peripher mitschwimmt. Von einer Durchdringung innerhalb der Industrie oder sogar bis in den Mittelstand hinein kann man daher aus meiner Sicht nicht sprechen.

Welche Gründe mögen für die Zurückhaltung der Industrie verantwortlich sein?
Da gibt es gleich eine Reihe von Gründen – hohe Kosten oder auch die relativ schnelle Umstellung der Prozesse, die mit der Industrie 4.0 verbunden wäre, seien hier stellvertretend genannt. Aus meiner Sicht hängt die Zurückhaltung jedoch vor allem mit der Security zusammen.

Mit Security meinen Sie die Sorge, sich mit der Digitalisierung von Prozessen und der damit verbundenen Öffnung angreifbar zu machen?
Ganz genau. Gerade in der Industrie haben die Angriffe mit Ransomeware zugenommen und das hat die Branche nachhaltig und nachdrücklich geprägt. Und auch wenn nicht jedes Unternehmen bereits einer Cyberattacke zum Opfer gefallen ist, findet doch untereinander ein Austausch statt, sodass das Risiko, solche Angriffe in der Produktion zu haben, einfach viel zu hoch und damit zu teuer ist.

Das ist nachvollziehbar. Wird es auf der anderen Seite nicht aber auch „zu teuer“, nicht zu digitalisieren, weil damit Wettbewerbsvorteile entfallen?
Mit jeder Vernetzung machen sich Unternehmen offen und verwundbar für Angreifer, weshalb sich viele Unternehmen dazu entschieden haben, es eben nicht zu tun. Das ist eine strategische Entscheidung. Vom Mythos, den Anschluss zu verlieren, wenn man dies und das und jenes nicht macht, halte ich nicht viel, weil einfach jedes Jahr eine andere Sau durchs Dorf getrieben wird. Es gibt sicherlich Fälle, wo Digitalisierung sinnvoll ist, in vielen anderen Fällen aber nicht. Und die Sicherheitsbedenken sind groß – zu Recht, denn wir können ihnen noch immer kaum etwas entgegenbringen. Sicherheitstechnologie gibt es jetzt schon seit 40 Jahren und wir haben dennoch jede Woche Hunderte Hacks.

Welche strategischen Fragen sollten sich Unternehmen Ihrer Meinung dann stellen, um wettbewerbsfähig und innovativ zu bleiben?
Automatisiert ist die Produktion ja bereits, arbeitet an vielen Stellen also hocheffizient. Die Frage ist demnach, wie viel Digitalisierung möchte oder brauche ich in meiner Produktion. Bei der Industrie 4.0 geht es ja vor allem um Losgrößen und eine Individualisierung der Automatisierung. Digitalisierung muss in dem Kontext also vor allem gewinnbringend sein, einen Value für die Kunden haben – und die Risiken müssen sorgfältig abgewogen werden.

Ist die Cloud eine Lösung, die die aktuellen Sicherheitsbedenken rund um die Industrie 4.0 schmälern könnte?
Es ist ein Weg, den einige Unternehmen gehen, wobei die großen Unternehmen, in die ich Einblicke habe, in der Regel auf eine On-premise-Cloud oder hybride Modelle setzen – schlicht, weil die Kontrolle da einfach größer ist.

Sehen Sie denn Tendenzen oder Impulse, beispielsweise aus Forschung und Wissenschaft – die die Sicherheitsproblematik in naher Zukunft entschärfen?
Leider nein, es ist ein Thema, das uns wohl erhalten bleiben wird.

Und dennoch wird die Digitalisierung in allen Bereichen konsequent vorangetrieben …
Mit entsprechenden Antworten in Form von Angriffen, richtig, weshalb die Zurückhaltung, die wir aktuell aus dem produzierenden Gewerbe wahrnehmen, auch in anderen Bereichen zunimmt.

Haben nicht aber die Daten, die in einer vernetzten Produktion generiert und ausgewertet werden, einen Mehrwert, der dem Sicherheitsrisiko gegenübersteht?
Daten haben natürlich einen Wert. Davon haben Unternehmen nur auch ohne Digitalisierung eine Menge, die sie gewinnen und anhand derer sie optimieren können, beispielsweise die Steuerungs- oder Nachfragedaten. Damit lässt sich bereits gut arbeiten, weshalb Unternehmen aus meiner Sicht auch hier zögerlich sind, direkte digitale Steuerungs- und Kontrollfunktionen mit reinzubringen. Ein Beispiel hierfür sind auch die Smart Meter, deren Rollout groß angekündigt wurde, der aber nie in dem Ausmaß erfolgt ist – aus Sicherheitsgründen. Hier muss man klar sagen, dass viele Visionen in den vergangenen Jahren wieder geplatzt sind.

Daten, die beispielsweise die Sensorik liefert, haben doch aber sicherlich einen Mehrwert gegenüber Steuerungs- oder Nachfragedaten?
Ja, und innerhalb eines geschlossenen Ökosystems funktionieren Sensorik und die so gewonnenen Daten auch sehr gut. Es ist die Vernetzung, mit der die Sicherheitsrisiken Einzug halten, und hier kann niemand belegen, dass ein möglicher Mehrwert die Risiken übersteigt.

Klingt, als wäre die Industrie 4.0 eine Vision, von der man sich verabschieden sollte …
Zumindest sehe ich nicht, wohin sie sich entwickeln könnte. Denn in den letzten Jahren ist tatsächlich wenig passiert. Es wird versucht, hier und da etwas zu bauen und zu verkaufen, allerdings auch mit einer großen Zögerlichkeit, weil viele Dinge nicht wirklich validiert und konkretisiert werden können. Aus meiner Sicht ist das ganze Vorhaben stecken geblieben – aber das schon vor einer ganzen Weile.

Warum wird dann überall gepredigt, dass deutsche Unternehmen dringend mit Vollgas digitalisieren müssen?
Mir scheint, Ihre Botschaft ist eher: Fuß vom Gas, ganz so dramatisch ist es erstens nicht und zweitens haben wir die Sicherheitsrisiken nicht im Griff, wenn wir alles digitalisieren würden.

Die Frage nach dem Warum kann ich für andere nicht beantworten. Aber in der Tat wäre das meine Aussage. Aus meiner Sicht haben Unternehmen heute andere Themen, mit denen sie sich beschäftigen sollten: Aufklärung, mehr Verständnis von Zusammenhängen, Open Source Intelligence, Künstliche Intelligenz, um mit den richtigen Fragen noch mehr sinnstiftendes aus den vorhandenen Daten ziehen zu können. Neue Technologien und Digitalisierung werden oft in einem Atemzug genannt, sind aber nicht zwingend ein und dasselbe. Außerdem liegt die Wertschöpfung aus meiner Sicht gerade an anderer Stelle. Denn die oben genannten Themen bringen aktuell vor allem strategische Einsichten, mit denen sich beispielsweise auch die Produktion weiter optimieren ließe.
 

Industrie 4.0 in Zahlen

Statistiken von Statista und Technology Review zeigen: Im vergangenen Jahr nutzten bereits 62 Prozent der deutschen Industrieunternehmen Anwendungen der Industrie 4.0, 21 Prozent hatten welche in Planung. Zum Vergleich: 2018 lag der Anteil der Unternehmen, die die Industrie 4.0 in Planung hatten bei 22 Prozent, der Anteil der Nutzer bei 49 Prozent. Aber auch die Hemmnisse für den Einsatz von Industrie 4.0 bleiben groß: 77 Prozent der Unternehmen gaben an, es fehle an finanziellen Mitteln, 61 Prozent nannten den Datenschutz als Hemmschuh, gefolgt von den Anforderungen an die IT-Sicherheit (57 Prozent) und fehlenden Fachkräften (55 Prozent). An der Komplexität des Themas „scheitern“ 52 Prozent der Befragten.

Die vier Stufen der industriellen Revolution

Alles begann im 18. Jahrhundert, als die ersten mit Dampf und Wasser betriebenen Maschinen die reine Arbeitskraft unterstützten und Aufgaben teilweise ersetzten. Das Zeitalter der Industrialisierung hatte begonnen. Mit der Elektrizität kam dann das Fließband, und aus der Industrialisierung wurde die Industrie 2.0. Gallionsfigur dieses „Evolutionsschritts“: Henry Ford zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Entwicklung der Computer leitete dann in den Siebzigerjahren des 21. Jahrhunderts die 3. Stufe der industriellen Revolution ein. Das große Schlagwort hier: Automatisierung und damit eine hocheffiziente Steuerung der Produktion. Der nächste Schritt: eine konsequente Vernetzung aller Akteure und damit der Startschuss für die Industrie 4.0. Der Begriff wurde vom Arbeitskreis der Forschungsunion Wirtschaft – Wissenschaft des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, BMBF, 2011 vorgestellt und 2013 auf der Hannover Messe als Handlungsempfehlung Industrie 4.0 der damaligen Bundekanzlerin Angela Merkel übergeben.

Die Bandbreite der Anwendungsfälle ist dabei immens, weshalb es eine einheitliche Definition, die eine Industrie 4.0 nicht gibt. Gemeint ist hier allerdings immer eine bestmögliche (digitale) Vernetzung und Interaktion aller Beteiligten. Das Resultat im Idealfall: eine sich selbst steuernde und selbst optimierende Produktion.

Dr. Sandro Gaycken
Dr. Sandro Gaycken

 
Weil ein Finetuning der Unternehmenssteuerung mittels KI im aktuell extrem volatilen Marktumfeld tatsächlich höchst spannend klingt …
Definitiv, nur ist es leider nicht ganz so trivial. Sie finden in der Unternehmenssteuerung sicherlich die eine oder      andere Open-Source- Lösung, in die auch mal geschaut wird, aber wenn die analytischen Fähigkeiten davor und danach fehlen – sprich, Sie nicht wissen, welche Fragen Sie der KI stellen müssen, bringt die nicht viel. Das Ergebnis können Sie mit einer schlechten Google-Suche vergleichen. Dann ist die KI das Investment eben auch nicht wert.

Muss die Industrie solche Fragestellungen denn selbst bearbeiten? Dort gibt es doch auch Spezialisten.
Die gibt es. Interessanterweise rennen Unternehmen Anbietern von Economic Intelligence trotzdem nicht die Türen ein. An der Stelle verstehe ich persönlich den Markt nicht. Wäre ich bei einem Großkonzern in der Verantwortung, wäre das eine Investition, die ich definitiv tätigen würde.

Geht es der Industrie trotz aller Unwägbarkeiten dann vielleicht doch noch zu gut?
Aus meiner Sicht nicht nur den Unternehmen. Denn sowohl dort als auch auf Seiten der Regierung gibt es dieses breit aufgestellte mittlere Management, das sehr risikoavers ist, kein eigenes Interesse an Zielen, Werten und Inhalten hat, sondern – ketzerisch formuliert – nur einigermaßen schmerzfrei die Pension erreichen will. Neue Dinge anstoßen, die man vielleicht noch nicht einmal in Gänze versteht, und dann am Ende unter Umständen blöd aussehen? Nein, danke! Das ist ein großes strategisches Problem in Deutschland, durch das einiges an Innovationspotenzial schlicht ungenutzt bleibt.

Wenn Sie ein weißes Blatt Papier hätten: Was braucht Deutschland, um sein Innovationspotenzial voll ausschöpfen zu können?
Punkt eins: das mittlere Management abschaffen oder, besser noch, direkt verhaften. Der zweite Schritt ist aus meiner Sicht, eine gute Informationsbasis zu schaffen. Das heißt, wir müssen mutig in ein besseres Verständnis der Zukunft investieren. Dazu zählen für mich die Bereiche Sicherheit – auch geopolitisch –, Lieferketten, Klimawandel, Energieversorgung. In diesem Jahr sind sehr, sehr viele Themen wortwörtlich sehr heiß geworden und die werden in Zukunft vieles dramatisch verändern. Dem muss man sich mit offenen Augen stellen. Und auch bei Investitionen in Innovationen wünsche ich mir deutlich mehr Mut. Hier kann ich sowohl aus der Tech-Entrepreneur-Sicht als auch aus der Sicht des Wissenschaftlers sprechen: Wir haben sehr viele sehr kluge Menschen in Deutschland mit großartigen Ideen, die allerdings nicht weiterkommen – ausgebremst von der Konzern- und Behördenwelt mit ihrem mittleren Management. Und diese klugen Köpfe wandern dann eben ab.

Das machen andere Nationen besser?
Definitiv – allen voran die USA und China. Dort stehen ganz andere Risikobudgets zur Verfügung. Und auch die Bereitschaft, Fehler zu machen, ist dort eine andere.

Sie sprachen von klugen Menschen mit guten Ideen in Deutschland. Haben Sie hier Beispiele, von denen auch die produzierende Industrie profitieren würde?
Ich sehe geniale Ingenieure, Techniker und auch Hacker, die Künstliche Intelligenz, die IT-Security oder Deep-Tech-Felder beherrschen. Allerdings werden die in der Regel ausgebremst, weil sie nicht genügend Mittel zur Verfügung haben. Die Konsequenz: Sie arbeiten ziemlich schnell im Silicon Valley.

Von den klugen Köpfen, die wir dringend in Deutschland halten müssen, einmal abgesehen: Sind KI, IT-Sicherheit und Deep-Tech Bereiche, in denen Sie Innovationspotenzial sehen?
Es geht weniger um die Bereiche als um das Wie. Und damit wären wir wieder bei der Industrie 4.0. Am Ende ist es völlig egal, wo wir einsteigen, sobald der Staat einen Bereich auserkoren hat, um dort zu investieren, geht es in eine Behörde, dort versickert das Thema erst einmal, vielleicht wird noch etwas drauf rumgekaut, dann werden Ausschreibungen rausgegeben, mehr Zeit verstreicht und dann werden halbstaatliche Konzerne mit der Umsetzung betraut. Kurz: Innovation geht anders und bei solchen Prozessen sind die Inhalte am Ende des Tages egal.

Wenn es die Konzerne in den USA und China besser machen: Was können wir von denen lernen?
Dort stehen die klugen Menschen und Talente deutlich mehr im Vordergrund. Ein „cheap trick“ für Software-Projekte im Silicon Valley ist zum Beispiel, High Talents wie hochfunktionale Autisten einzustellen – und zwar mit richtigen Programmen, wie man die findet. Und wenn die eingestellt sind, haben sie jede Menge Freiheiten – auch finanzieller Natur. Micromanagement, Compliance, Legal, Audit und ISO-Zertifizierung, was bei uns so Standard ist, kennen die erst einmal nicht. Die haben einen Spielplatz. Da kommt viel Mist raus, aber eben auch das eine großartige Ding. Das ist eine andere Denkweise.

Haben Sie noch ein Schlussplädoyer?
Wir brauchen keine neuen Forderungen. Wir wissen alles Gesagte – auch die Unternehmen. Selbst die Silicon-Valley-Idee wurde hierzulande im Kleinen schon mal nachgebaut. Wir müssen viel eher Führung überdenken und neu gestalten. Der Ex-Chef von Aberdeen, Martin Gilbert, hat das in einem Gespräch und nach unzähligen Change-Management-Prozessen mal auf den Punkt gebracht: The only way to change management is to change the management. 


Dr. Sandro Gaycken  

ist Gründer und Direktor des Digital Society Instituts an der European School of Management and Technology Berlin, ESMT, Erfinder und Gründer verschiedener Firmen im Feld Military Intelligence. Sein Schwerpunkt liegt vor allem auf der Cybersicherheit. Als Berater der deutschen Regierung entwickelte er die deutsche Cyber-Außenstrategie, sagte mehrfach im Deutschen Bundestag aus und führte viele parlamentarische Dialoge.

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