Ausgeprägte Hochkonjunktur

Oktober 2016 | Handelsblatt | Zukunft Deutschland

Ausgeprägte Hochkonjunktur

Die guten Nachrichten für die deutsche Wirtschaft reißen nicht ab. Einziger Wermutstropfen ist der Streit, ob gespart oder investiert werden soll.

Illustration: Dirk Oberländer
Mirko Heinemann / Redaktion

Wenn Wirtschaftsforscher über die Zukunft Deutschlands spekulieren, dann weichen die Einschätzungen naturgemäß stark voneinander ab. Einig sind sich die wichtigen Institute und Experten darin, dass auch 2017 das Wachstum der größten Volkswirtschaft Europas weitergehen wird. Dabei liegen die Prognosen recht nahe beieinander: Um einen halben Prozentpunkt unterscheiden sich die optimistischsten von den pessimistischsten Vorhersagen. Ein Wirtschaftswachstum von 1,2 Prozent prognostiziert der Internationale Währungsfonds IWF. Hingegen glaubt die Europäische Kommission an 1,6 Prozent, das Institut für Weltwirtschaft Kiel (IfW) sogar an ein Wachstum von 1,7 Prozent. Die Eins vor dem Komma ist also gesetzt. Und wie geht es weiter?

Für die kommenden Jahre rechnen wir damit, dass die konjunkturelle Dynamik in Deutschland hoch bleiben wird. Insgesamt dürfte das Bruttoinlandsprodukt zwischen 2016 und 2020 durchschnittlich um 2 Prozent und damit deutlich rascher expandieren als das Produktionspotenzial, das unseren Schätzungen zufolge um 1,5 Prozent steigen wird. Als Folge dürften die Produktionskapazitäten mehr und mehr angespannt werden und sich die Produktionslücke mit etwa 2,5 Prozent am Ende des Projektionszeitraums so weit geöffnet haben wie zuletzt vor dem Beginn der Finanzkrise im Jahr 2007.*

Mit den Langfristprognosen ist es wie bei der Wettervorhersage: Je weiter in die Zukunft gedacht wird, desto unsicherer wird die Aussage. Wer hätte den Brexit geahnt? Auch Konflikte und Kriege sind schwer abzusehen. Insofern kann eine Prognose  nur auf Basis der vorliegenden Fakten getroffen werden.
Für eine ausgeprägte Hochkonjunktur spricht insbesondere, dass das monetäre Umfeld voraussichtlich länger als in früheren konjunkturellen Aufschwüngen expansiv ausgerichtet bleiben wird. Anhaltend günstige Finanzierungsbedingungen dürften dazu beitragen, dass insbesondere die Bauinvestitionen für einen ungewöhnlich langen Zeitraum deutlich aufwärts gerichtet bleiben.

Doch woher kommt die Diskrepanz zwischen den Prognosen? Warum sieht etwa der Internationale Währungsfonds für die Zukunft Deutschlands deutlich weniger Wachstum als die anderen Institutionen? Eine Ursache könnte sein, dass der IWF im Laufe des Jahres seine weltwirtschaftlichen Ausblicke stets nach unten korrigieren musste. Es habe in der ersten Jahreshälfte ermutigende Signale gegeben, hieß es aus dem IWF. Doch der Brexit habe Sand ins Getriebe gestreut. Mitte des Jahres wurden demnach die Prognosen für die Weltwirtschaft und die Industriestaaten deutlich gesenkt.  

Die Exporte werden in der ersten Hälfte des Projektionszeitraums recht kräftig, danach aber in abnehmendem Tempo expandieren. Dabei dürften vorerst noch deutliche Impulse von den fortgeschrittenen Volkswirtschaften ausgehen. Die Erholung im Euroraum dürfte erst nach und nach vollständig zum Tragen kommen, und auch die Konjunktur in den Vereinigten Staaten wird wohl zunächst noch einmal an Schwung gewinnen, bevor sie sich gegen Ende des Projektionszeitraums merklich abflacht. Die Nachfrage aus den Schwellenländern, insbesondere aus China, aber auch den ölexportierenden Ländern, dürfte sich hingegen im Vergleich zu den Vorjahren weniger dynamisch entwickeln.

Der IWF ist von der Sparpolitik des deutschen Finanzministers alles andere als begeistert. Seine Empfehlung: Deutschland solle mehr in die Infrastruktur investieren und Strukturreformen anschieben, um angesichts des demografischen Wandels das mittelfristige Wachstum zu steigern. Das Geld dazu sei vorhanden. Könnte es sein, dass der IWF eine politisch motivierte Prognose abgegeben hat?

Es zeichnet sich ab, dass die deutsche Wirtschaft über den Zeitraum einer ganzen Dekade hinweg einem ultraexpansiven monetären Umfeld ausgesetzt ist. Im Jahr 2009 reagierte die Europäische Zentralbank (EZB) auf die Krise im Euroraum mit einem radikalen Schwenk. Seitdem hat sie verschiedene Maßnahmen ergriffen, um den monetären Expansionsgrad immer weiter zu erhöhen. Die Gründe, die die Mehrheit der Mitglieder des EZB-Rats zu dieser geldpolitischen Ausrichtung bislang bewogen haben, werden wohl noch mehrere Jahre fortbestehen. Damit dürfte sich auch der Kurs der EZB vorerst nicht normalisieren.

Investitionen auf Pump wären bei einer anhaltend expansiven Geldpolitik abgesichert. IWF-Chefin Christine Lagarde und Wolfgang Schäuble mögen sich sympathisch sein, auf der fiskalpolitischen Ebene vertreteten sie absolut konträre Ansichten. Während Lagarde etwa der Meinung ist, Griechenland bräuchte einen Schuldenschnitt, lehnt Schäuble dies ab. Griechenland müsse stattdessen seine Wettbewerbsfähigkeit erhöhen. Fraglich ist, ob dies ohne Investitionen gelingen wird. Während die Schuldenstaaten in einem Teufelskreis gefangen scheinen, heizt sich die Konjunktur in Deutschland weiter auf. Die Beschäftigung steigt weiter kräftig. Die Arbeitsnachfrage wird im Zuge der Hochkonjunktur und aufgrund des weiterhin günstigen Verhältnisses von Produktivität und realen Lohnkosten weiter spürbar zunehmen. Im Verlauf des Projektionszeitraums dürfte das Arbeitsvolumen aller Voraussicht nach das bisherige gesamtdeutsche Rekordniveau aus dem Jahr 1991 überschreiten. Die Arbeitsleistung wird aber von mehr Menschen erbracht als damals; im Jahr 2020 beträgt der Unterschied 6,5 Millionen Personen. Die Zahl der Erwerbstätigen, die schon seit einigen Jahren von Rekord zu Rekord eilt, wird dementsprechend weiter spürbar zunehmen.

Ein starker Arbeitsmarkt wird auch die Binnenkonjunktur weiter ankurbeln. Für Zuzügler, Flüchtlinge und deren Integrationschancen ist das ein gutes Umfeld. Zugleich werden Fachkräfte noch knapper als ohnehin schon. Auf Sicht von zehn Jahren jedenfalls werde der demografische Wandel jedenfalls eine natürliche Grenze bilden, an der weiteres Konjunkturwachstum scheitern wird. Das IfW warnt davor, zu große Hoffnungen auf die im vergangenen Jahr eingereisten Flüchtlinge zu setzen. So sei überhaupt nicht klar, ob die Flüchtlinge nicht doch zurückkehrten, sobald sich die Lage in ihrer Heimat verbessert habe. Welche Lösungen sonst denkbar sind – geregelte Einwanderung, Schrumpfung der Wirtschaft, neue Verteilungsmodelle – lässt das Institut offen.  

*Alle kursiv gedruckten Passagen stammen aus „Mittelfristprojektion für Deutschland“, IfW Kiel, Frühjahr 2016