»Wir müssen mehr Tempo machen...

...und zwar in diesem Jahr und nicht nächstes oder übernächstes!“ Eindrücklich warnt Volker Quaschning, einer der renommiertesten Energieexperten im Land, vor einem Nachlassen bei den Bemühungen um die Energiewende. Ein Überblick über die Sektoren, ein Blick auf die Verhinderer, die Ermöglicher und auf die Frage, warum Veränderungen in Deutschland so schwierig sind.

Illustratorin: Josephine Warfelmann
Illustratorin: Josephine Warfelmann
Interview: Mirko Heinemann Redaktion

Herr Professor Quaschning, die Zeit wird knapp. Bis 2030 sollen die Emissionen um 65 Prozent gegenüber 1990 sinken, bis 2045 soll eine vollständig fossilfreie Energieversorgung erreicht sein. Sind die Ziele noch erreichbar?

Technisch und wirtschaftlich sind die Ziele 2030 oder 2045 problemlos zu erreichen. Momentan hat die Bundesregierung aber offenbar nicht den Wunsch, diese Ziele zu erreichen. Sie handelt frei nach dem Motto: Wenn es klappt, dann ist es gut, wenn nicht, auch. Auch das Ziel für 2025 wäre ohne Energie- und Wirtschaftskrise nicht erreicht worden. Ich halte die Wahrscheinlichkeit, dass wir das Ziel 2030 erreichen, daher für gering. 
 

Bundeskanzler Merz sagte, Klimaschutz dürfe nicht die industrielle Basis unserer Länder gefährden. Wie groß ist die Gefahr?

Dieses Jahr hatten wir bereits massive Schäden durch die Klimakrise. Wir rechnen derzeit mit rund 40 Milliarden Euro an volkswirtschaftlichen Schäden, etwa Produktionsrückgänge durch Hitze. Kein Klimaschutz ist also erheblich teurer als Klimaschutz, und kein Klimaschutz trifft die Wirtschaft wesentlich härter, Stichwort: Niedrigwasser im Rhein. Wenn wir Klimaschutz machen, investieren wir in Deutschland. Wirtschaftlich gesehen ist Klimaschutz also sinnvoll. Wir wissen aber auch, dass wir dafür andere Technologien brauchen. 
 

Viele befürchten, dass die Energiewende mit massiven Veränderungen ihres Lebensstils einhergeht. Was sagen Sie ihnen?

Die Veränderungen sind nicht dramatisch. Wir nehmen den Leuten nicht das Auto weg, sondern verändern nur den Antrieb. Genauso bei der Heizung. Niemand muss frieren, sondern die Gasheizung wird durch die Wärmepumpe ersetzt. Aber selbst diese kleinen Veränderungen sorgen für massive Widerstände. Und das ist das Problem: Dass es den Deutschen schwerfällt, sich vorzustellen, den Tankrüssel durch ein Elektrokabel zu ersetzen. 
 

...während die ganze Welt weiter Diesel fährt. Kein Wunder, oder?

Es wird gern dargestellt, dass Energiewende und Klimaschutz ein rein deutscher Weg sind. Mitnichten! Global sehen wir derzeit eine regelrechte Rallye beim Ausbau erneuerbarer Energien. Solarenergie, Windenergie, Batteriespeicher und die Elektromobilität boomen weltweit. Wir werden in diesem Jahr die Kernenergie sowohl mit der Photovoltaik als auch mit der Windenergie bei der Stromerzeugung weltweit überholen. Der Boom findet vor allen Dingen in Asien statt, China ist ganz vorne mit dabei. Nicht nur aus Gründen des Klimaschutzes, sondern vor allem aus wirtschaftlichen Gründen, weil Elektromobilität, Solarenergie und Windenergie Zukunftstechnologien sind. 
 

Welche Entscheidung müsste die Politik sofort treffen, wenn sie die Klimaziele ernst nimmt?

Wir brauchen vor allen Dingen einen klaren Weg hin zur Klimaneutralität. Es kann nicht sein, dass wir jetzt munter weiter Gasheizungen einbauen. Für sie werden wir nicht ausreichend Biotreibstoffe herstellen können. Die Regierung baut Wege, die in die Sackgasse führen und verhindert damit, dass wir die Ziele einhalten können. Wir brauchen im Verkehr einen schnellen Umstieg auf die Elektromobilität. Wir schaffen Altlasten, die schwer zu beseitigen sein werden. Jedes Verbrennerauto, das noch gebaut wird, lebt im Schnitt rund 18 Jahre. Wir haben jetzt nicht mehr die Zeit, technologieoffene Irrwege zu gehen, sondern wir müssen jetzt die richtigen Weichen stellen. Technologien, von denen wir wissen, dass nur sie uns in die Klimaneutralität führen können, müssen jetzt flächendeckend zum Einsatz kommen.
 

Wo wären Prioritäten angezeigt?

Was im Gebäudebereich passiert, ist das Fatalste, weil wir dort die längsten Zeitkonstanten haben. Wenn ich eine Heizung einbaue, dann läuft sie 25 Jahre. Fehlentscheidungen kann ich also erst wieder in 25 Jahren korrigieren. Deshalb ist es wichtig, dass man jetzt die Weichen richtig stellt. In den anderen Sektoren, etwa bei Autos, sind die Lebenszeiten ein bisschen kürzer. Aber auch da kommt 2045 schnell nahe. Auch der Ausbau von Solar- und Windenergie geht nicht schnell genug. Was wir jetzt versäumen, ist versäumt. Die Nachholmöglichkeiten sind begrenzt. Es gibt Limits, die durch fehlende Fachkräfte, Verfahren, Regulierungen und viele andere Faktoren verursacht werden. Deswegen können wir nicht immer weiter verschieben, sondern wir müssen mehr Tempo machen, und zwar in diesem Jahr und nicht nächstes oder übernächstes. 
 

In welchem Sektor wird die Transformation am schwierigsten?

Schwierig ist der falsche Begriff. Man müsste eher fragen: Wo sind die Widerstände am größten? Das sind sicherlich der Verkehr und der Gebäudesektor. Ein Dieselauto abzuschaffen und ein Elektroauto anzuschaffen, das ist nicht schwierig, sondern es ist eine Entscheidung, die ich treffen muss. Genauso auch die Gasheizung. Für einige Menschen ist es schwierig, weil sie die nötigen Investitionen schwer stemmen können. Aber aus technologischer oder ökonomischer Sicht sehe ich keine Schwierigkeiten. 
 

Wo liegen denn im Moment die technischen Engpässe? Ist das Stromerzeugung? Netze, Speicher, Rohstoffe? Fachkräfte?

Im Strombereich ist der Engpass momentan der Netzausbau. Der Strombedarf in Deutschland wird sich durch die Energiewende etwa verdreifachen. Entsprechend müssen die Netze mitwachsen. Hier sind wir in den letzten Jahren viel zu langsam vorangekommen. Deswegen hapert es jetzt an vielen Ecken und Enden, sodass Windparks, Batteriespeicher oder auch Solaranlagen nicht angeschlossen werden können. Das darf natürlich kein Dauerzustand bleiben, weil es die Energiewende ausbremst. Der Fachkräftemangel ist das nächste Problem. Genehmigungsverfahren dauern zu lange, es gibt zu wenig Personal. Aber andererseits sind wir ja auch ein kluges Land. Und dann muss man halt für solche Engpässe Lösungen entwickeln. Insofern sehe ich das jetzt nicht als unlösbares Problem, aber man muss es wollen, mehr Tempo machen und die Bürokratie auch einfach mal abbauen. 
 

Warum hat nicht schon längst jeder Windpark oder jedes Solarkraftwerk einen eigenen Batteriespeicher, der als Pufferspeicher oder sogar als Ladestation dient?

Wenn man ins Jahr 2010 zurückschaut, waren Speicher zehnmal so teuer wie heute. Speicher waren damals wirtschaftlich noch gar keine Alternative. Inzwischen sind die Speicherpreise so enorm gefallen, dass Speicher sehr attraktiv sind. Wenn jetzt neue große Windparks oder Solaranlagen geplant werden, sind inzwischen Speicher Standard. Die Idee ist relativ simpel. Ich kann tagsüber nicht genug Solarstrom einspeisen, also nutze ich einen Speicher und bringe den Solarstrom nachts ins Netz, wenn dort wieder Platz ist. 
 

Sie sagten vorhin, Sie rechnen mit einer Verdreifachung des Strombedarfs durch die Energiewende. Die Bundesregierung rechnet mit einer Verdoppelung: rund 1.000 Terawattstunden bis 2045. Was ist richtig?

Unsere Wirtschaftsministerin hat gesagt, wir müssen erst mal schauen, ob wir überhaupt so viel Strom brauchen. Gleichzeitig schießen durch die KI Rechenzentren aus dem Boden, die enormen Strombedarf haben. Dazu kommen Kühl- und Klimaanlagen, die im Zuge des Klimawandels an Bedeutung zunehmen. Außerdem ist es vollkommen klar, dass wenn wir alle Gasheizungen durch Wärmepumpen ersetzen, die Verbrennerautos durch Elektromobilität und wenn die Industrie auch noch elektrifiziert wird, wir über ganz andere Größenordnungen sprechen. Die Studienlage zeigt ganz klar, dass wir etwa von einer Verdreifachung reden müssen. Eine Verdoppelung wird nicht ausreichen.
 

Was bedeutet das für den Ausbau der erneuerbaren Energien?

Derzeit decken wir 60 Prozent unseres Strombedarfs durch Erneuerbare. Man kann sich leicht ausrechnen: Wenn sich der Strombedarf verdreifacht und wir 100 Prozent Erneuerbare haben wollen, dann müssen wir bauen, bauen, bauen. Wir brauchen viel mehr Solar- und Windenergie. Und wir dürfen nicht jede Windenergie zum Staatsakt machen, nicht über Monate oder Jahre diskutieren. Es muss gebaut werden! Genauso brauchen wir die Netze und Batteriespeicher. 
 

Von welchen Zahlen sprechen wir?

Beim Wind an Land müssen wir die installierte Leistung ungefähr verdreifachen. Wobei das nicht die Zahl der Anlagen ist, wie häufig als Gespenst an die Wand gemalt wird. Neue Windkraftanlagen sind wesentlich größer und leistungsfähiger als früher. Die Anzahl der Windkraftanlagen, die wir für die Energiewende brauchen, wird etwa genauso groß sein wie die Anzahl der Windanlagen, die wir heute haben. Die alten, kleinen Anlagen müssen durch große Anlagen ersetzt werden. Bei der Photovoltaik reden wir bei der Leistung über den Faktor fünf und bei der Offshore-Windenergie über den Faktor fünf bis sieben. Also: Es muss schon noch einiges passieren. 
 

Derzeit wachsen Widerstände gegen neue Windparks. Gibt es bei der Solarenergie eine höhere Akzeptanz?

Nein, wir sehen jetzt auch bei Freiflächen-Solaranlagen Bürgerinitiativen dagegen. Und die AfD hetzt genauso gegen Solaranlagen wie gegen Windkraft. Braunkohle hingegen, deren Abbau wirklich einen massiven Landschaftsverbrauch hat, für die Riesenlöcher gegraben werden – die soll hingegen okay sein. Insofern findet da ein Kulturkampf statt. Für einen Windpark, der nicht gebaut wird, entstehen enorm große Schäden anderswo, nur eben nicht vor meiner Haustür. Die Energie muss schließlich irgendwo herkommen. Aber gegen die Windkraft kann man Stimmung machen. Wir haben im Bereich der Windenergie 170.000 Arbeitsplätze, die es zu erhalten gilt. Insofern müssen wir einfach die Chancen in den Vordergrund stellen. Die Menschen vor Ort müssen profitieren, der Wandel muss im Geldbeutel spürbar sein. Das sehe ich als einzige Chance für die Akzeptanz. 
 

Kürzlich vermeldete die Logistikbranche, sie sei transformationswillig, aber sie bezweifelt, dass die geplanten Stromerzeugungs- und Netzkapazitäten auf eine Nachfrage ihrer Größenordnung ausgelegt seien. Sind sie es?

VOLKER QUASCHNING ist Ingenieurwissenschaftler und Professor für Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Berlin und hat mehrere Bücher über erneuerbare Energien veröffentlicht.
VOLKER QUASCHNING ist Ingenieurwissenschaftler und Professor für Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Berlin und hat mehrere Bücher über erneuerbare Energien veröffentlicht.
Illustratorin: Josephine Warfelmann
Illustratorin: Josephine Warfelmann
Illustratorin: Josephine Warfelmann
Illustratorin: Josephine Warfelmann

»Beim Fliegen kann man den Klimaschaden erheblich reduzieren, indem man einfach die Flugrouten verändert, sodass keine Kondensstreifen enstehen.«


Es gibt einen entscheidenden Vorteil bei der Umrüstung von der Gasheizung auf die Wärmepumpe oder vom Dieselmotor auf einen Elektromotor: Die elektrischen Systeme sind erheblich effizienter. Ich kann drei Teile Diesel durch einen Teil Strom ersetzen. Genauso auch bei der Wärmepumpe. Drei Kilowattstunden Gas werden durch eine Kilowattstunde Strom ersetzt, weil die Wärmepumpe und der Elektromotor so viel effizienter sind. Der Gesamtenergiebedarf geht also durch die Elektrifizierung massiv herunter. Das hilft uns bei den Mengen. Wenn zum Beispiel alle PKWs elektrisch fahren würden, dann würde der Strombedarf in Deutschland um etwa 20 Prozent ansteigen. Wir müssen aber natürlich auch noch den gesamten LKW-Verkehr elektrifizieren. Hierfür fehlt noch die Ladeinfrastruktur. Die müssen wir jetzt massiv ausbauen, genauso wie die Netze. 
 

Die Logistik leidet unter Klimafolgen, etwa dem teilweisen Ausfall der Wasserstraßen im Sommer. Und wie elektrifiziert man die Binnenschifffahrt?

Prozentual gesehen ist der Energieverbrauch der Binnenschifffahrt vernachlässigbar. Hier können tatsächlich alternative Treibstoffe zum Zug kommen. Bei den Binnenschiffen sind sogar elektrische Antriebe denkbar. Bei Strecken von 200 Kilometern ist es heute technisch kein Problem. In Norwegen werden bereits viele Fähren elektrisch betrieben. Am Rhein sind die Auswirkungen der Klimakrise schon sehr klar spürbar. Sie werden dazu führen, dass wir auch einen Teil der Transporte auf die Straße, besser noch auf die Schiene, verlagern müssen. 
 

Wie sieht es auf interkontinentalen Schifffahrtsrouten aus? Hier wird immer noch extrem klimaschädliches Schweröl verbrannt.

Wenn ich mit dem Schiff nach China fahren möchte, wird das rein elektrisch noch lange nicht funktionieren. Da braucht man dann alternative Treibstoffe, also Treibstoffe auf Basis erneuerbarer Energien, die klimaneutral verbrannt werden können. Die sind allerdings teurer als das heute genutzte Schweröl. Und da muss man dann auch bereit sein, die Mehrkosten für die Logistik zu tragen. Das gleiche gilt für den Flugverkehr. Norwegen möchte bis 2040 alle innernorwegischen Flugstrecken elektrifizieren. Aber wenn wir über den Atlantik fliegen wollen, wird das die nächsten zehn oder 20 Jahre nicht elektrisch möglich sein. Auch hier brauchen wir alternative Treibstoffe. Wir wissen aber auch, dass beim Fliegen nicht das CO2 den größten Anteil am verursachten Klimaschaden hat, sondern die entstehenden Kondensstreifen. 
 

Würden Sie das erklären?

Zwei Drittel des Klimaschadens beim Fliegen verursachen die Kondensstreifen. Es bilden sich Eiswolken mit extrem starker Klimawirkung. Ob sich aber Kondensstreifen bilden oder nicht, hängt davon ab, in welcher Höhe die Flieger unterwegs sind und wie hoch die Luftfeuchtigkeit dort ist. Ein Lösung wäre: Man sagt in den verschiedenen Höhen die Luftfeuchtigkeit voraus und dann schreibt man vor, in welcher Höhe das Flugzeug fliegen müsste, damit sich keine Kondensstreifen bilden. So könnte man die Flugrouten anpassen. Aber wenn man tiefer fliegt oder eine andere Flugroute benutzt, braucht man mehr Flugtreibstoffe, und entsprechend steigen die Kosten. Und da die Airlines jeden Cent herumdrehen, machen sie das natürlich nicht freiwillig. 
 

Also brauchen wir da mehr staatliche Planung? Restriktionen?

Ja, natürlich. Denn für eine Airline rechnet sich das nicht. Wenn sie die Flugrouten anpasst, hat sie keinen Vorteil davon. Entweder müsste man einen Bonus zahlen oder Regeln aufstellen und entsprechend Strafen für denjenigen verhängen, der das nicht einhält. Aber das muss natürlich international geregelt werden. 
 

Wie denn? Über einen internationalen Emissionshandel vielleicht?

Mit dem Emissionshandel ist das schwierig. Schließlich sollen möglichst sofort alle ihre Flugrouten anpassen. Darum müsste man das international beschließen. Dann wird nach dem neuen Klimaschutzplan geflogen, und jede Airline, die nicht mitmacht, bekommt eine Strafe. Das wäre relativ einfach umzusetzen, wenn man das Klimaproblem auch wirklich international ernst nehmen würde, woran es bekanntlich hapert. 

Dabei wäre es nicht einmal so, dass sich die Flugpreise verdreifachen würden. Fliegen würde nicht einmal um fünf Prozent teurer werden, das merkt man so gut wie gar nicht. Man könnte auf europäischer Ebene anfangen in der Hoffnung, dass sich das dann auch weltweit durchsetzt.
 

Wann werden wir erleben, dass die Strompreise sinken?

Ich höre immer, dass die Strompreise hoch sind. Hier müssen wir fragen: welche Preise? Die Börsenstrompreise sind im Vergleich gar nicht so hoch. Auch nicht die Industriestrompreise, die von Umlagen befreit sind. Die können international mithalten. Die Haushaltsstrompreise sind allerdings wirklich relativ hoch. Es gibt Länder, die ihren Strom weitgehend abgabenfrei oder mit wenigen Abgaben an die Endkunden weiterleiten. Wir bauen auch die Netze aus, was für höhere Netzentgelte sorgt. Der Strom ist zu teuer, das ist zum Kampfbegriff geworden. Wenn ich die Leute frage, wie viel gebt ihr denn wirklich aus, dann wissen sie das oft nicht. Klar gibt es Menschen mit geringen Einkommen, da tut jeder Cent weh. Aber das ist ein Problem, was wir sozialpolitisch lösen müssen und nicht über die Stromrechnung. Und wir wissen, dass die erneuerbaren Energien die Stromkosten stabilisieren. Wir hatten vor vier Jahren die Energiekrise mit explodierenden Strompreisen. Das lag daran, dass wir vom fossilen Erdgas abhängig waren und da die Preise durch die Decke gegangen sind. Je mehr erneuerbare Energien wir haben, desto sicherer sind wir. Die Strompreise werden sich nicht halbieren, aber sie werden einfach stabil bleiben. Solche extremen Energiepreiskrisen, wie wir sie vor vier Jahren hatten, werden nicht mehr passieren, wenn wir ausreichend erneuerbare Energien haben. 
 

Wie hoch ist das Risiko, dass in Deutschland Industrien wegen der Energiewende abwandern?
 

»Die günstigste Art, Energie bereitzustellen, ist nicht in den USA mit Kohle, sondern in Saudi- Arabien oder Ägypten mit Solarstrom.«


Seit meiner Kindheit kenne ich dieses Schreckensszenario: Wenn wir jetzt kein Lohndumping machen, wenn wir die Energiepreise nicht senken, wenn wir die Umweltstandards nicht senken, dann wandert die Industrie ab. Bislang ist sie am Ende dann doch weitgehend hiergeblieben. Es gibt jedoch noch andere Faktoren. Die Abwanderung hängt nicht unbedingt an den Energiepreisen. Wir sehen beispielsweise derzeit in der Automobilbranche sehr viel Druck, weil man in anderen Ländern wie China deutlich günstiger produzieren kann. Aber das liegt an Rahmenbedingungen, an Bürokratie, an Schnelligkeit, an Lohnkosten. Energie ist da nur ein kleiner Baustein. Wir haben energieintensive Industrien und da gehört zur Wahrheit dazu, dass wir in Deutschland immer höhere Energiepreise haben werden als andere Länder. Und zwar nicht wegen der fossilen Energien. 
 

Sondern?

Glauben Sie wirklich, dass sich ein Manager fragt, wo er möglichst günstig mit Öl- oder Kohleenergie produzieren kann? Das ist ja vollkommener Quatsch. Die günstigste Art, heute Energie bereitzustellen, ist nicht in den USA mit Kohle, sondern in Saudi-Arabien oder Ägypten mit Solarstrom. Und das werden wir auch nicht toppen können, weil diese Länder einfach doppelt so viel Sonne haben wie wir. Und deswegen gehört zur Wahrheit einfach dazu: Die Länder, die sehr sonnenreich sind, werden langfristig gesehen günstiger Energie bereitstellen können als wir. Und entweder schaffen wir es dadurch, dass wir produktiver sind, diesen Nachteil auszugleichen, oder wir werden Industrien in die sonnigen Bereiche dieser Erde verlieren. Die Sonne können wir nicht ausgleichen. 
 

Aber welche Lösungen gibt es für prozessbedingte CO2-Emissionsminderungen, in der Zementindustrie zum Beispiel?

Das ist ein wichtiger Punkt. Elektrische oder thermische Energie lässt sich durch erneuerbare Energieträger bereitstellen. Es gibt aber Prozesse, da entsteht unweigerlich CO2, selbst wenn die Anlagen mit grünem Wasserstoff oder grünem Strom betrieben werden. Beim Stahl kann ich die prozessbedingten Emissionen durch grünen Wasserstoff ersetzen, was auch schon passiert. Bei der Zementindustrie nicht. Hier wandelt sich beim Brennen von Zement der im Kalkstein gebundene Kohlenstoff unweigerlich in CO2 um. Genauso entsteht bei der Müllverbrennung unvermeidbar CO2. Das heißt, die einzige Möglichkeit, das CO2 dort loszuwerden, ist es aufzufangen und in Endlager zu verpressen. Die Abtrennung und Endlagerung von CO2 verursacht aber massive Kosten. Leider müssen wir diesen Weg gehen und zwar möglichst auf europäischer Ebene. Der Baustoff Zement wird dadurch teurer, was aber nicht dramatisch ist. Denn es ist ein Weg, Innovationen in den Markt zu bringen, also bessere Baustoffe. Und das kann auch wieder ein internationaler Wettbewerbsvorteil sein.
 

Wie sieht es in der Landwirtschaft aus?

Bei den landwirtschaftlichen Maschinen wird man auf absehbare Zeit nicht alles elektrifizieren können. Es gibt zwar schon Elektrotraktoren, aber ein Mähdrescher fährt 24/7 in der Erntesaison durch. Er wird weiterhin mit Treibstoffen fahren und dann muss man halt dort auf alternative Treibstoffe zurückgeifen. Wenn ich die Biotreibstoffe zum Beispiel aus dem Pkw-Verkehr rausnehme, weil er leicht zu elektrifizieren ist, und sie dann in der Landwirtschaft verwende, dann ist das Problem gelöst. Und dann haben wir noch die Emissionen durch die Tierhaltung. Gerade Rinderhaltung sorgt für sehr viele Methanemissionen. Hier wäre eine Veränderung der Lebensstile förderlich. Wir essen etwa viermal so viel Fleisch wie gesund ist. Wenn wir auf das gesundheitlich verträgliche Level runterkämen, dann wäre es auch klimaverträglich. Aber da hört man schon den Aufschrei in der Bevölkerung. Einige Menschen sterben lieber fünf Jahre früher, als weniger Fleisch zu essen. 
 

Warum sind die Menschen von der Energiewende nicht überzeugt?

Uns ist es einfach nicht gelungen, die Energiewende sexy zu machen. In China ist es ganz anders. Die junge Generation stürmt auf die Automessen und feiert die Elektromobilität. Das ist ein Hype. Hier aber geht es um Verzicht, um Reichweitenangst. E-Mobilität wird als Problem wahrgenommen. Dabei ist sie cool. Sie bietet ein ganz anderes Fahrgefühl. Jeder, der elektrisch gefahren ist, weiß das. Wir nehmen den Lärm raus, die Abgase aus den Städten. Wir gewinnen nur Vorteile. Genauso auch bei den Wärmepumpen. Bei ihnen kann man auch Kühlsysteme integrieren. Man braucht keine Schornsteinfeger mehr. Die Luft wird sauberer. Es ist enorm wichtig, dass wir eine positive Erzählung liefern. Und es muss natürlich über den Geldbeutel gehen. Wenn die Menschen finanziell davon profitieren, also wenn das Elektroauto günstiger ist, was es inzwischen ja auch ist, als das Verbrennerauto, dann kaufen sie sich das auch. Und wenn die Solaranlage Geld spart, dann schaffen sich plötzlich auch Leute vom extrem rechten Rand eine an, obwohl die AfD gegen Solar- und Windenergie wettert. 
 

Sie halten viele Vorträge, auch vor Managern aus der Industrie. Wie sehen die das?

Die Industrie ist viel weiter als die Bevölkerung und die Politik. Unternehmen müssen langfristig planen. Ihnen ist klar, dass eine weitere Abhängigkeit von fossilen Energieträgern wirtschaftlich riskant ist und dass die erneuerbaren Energien eine sinnvolle Sache sind. Ich halte Vorträge vor Unternehmen, die viel schneller klimaneutral werden wollen als die Bundesregierung. Es funktioniert. Es lässt sich rechnen. Und das sind Unternehmen, die gestärkt aus Krisensituationen hervorgehen. Insofern bin ich bei der Industrie eher positiv eingestellt. Das Problem ist eher derzeit die Stimmung in der Bevölkerung und bei Teilen der Politik, die einfach nicht das tun, was wir tun müssten.
 

Nächster Artikel
Wirtschaft
Dezember 2025
Illustrationen: Marga Castaño
Redaktion

Die Chance liegt nur im Wandel

Es soll aufwärts gehen für die deutsche Wirtschaft im kommenden Jahr, da sind sich die Experten einig. Aber reicht das schon für eine Trendwende?