Transformation im Livemodus

Eine Fahrt mit dem Elektroauto von Berlin nach Marseille kann dabei helfen, die Angst vor dem Neuen zu überwinden.

Illustratorin: Josephine Warfelmann
Illustratorin: Josephine Warfelmann
Axel Novak Redaktion

Urlaubszeit. Es geht nach Südfrankreich. Wir werden erleben, wie sich Transformation anfühlt. Keine drei Monate zuvor war unser alter Familienwagen zusammengebrochen. Einen neuen Benziner wollten wir nicht kaufen. Also entschieden wir uns für ein elektrisches Fahrzeug, einen gebrauchten VW ID.4. 

Berlin-Provence: 1.600 Kilometer einfache Strecke. Und damit beginnt sie: „German Angst“. Eine Gefühlslage, die anscheinend hierzulande besonders verbreitet ist. Angst vor dem Anderen. Vor dem Fremden. Dem Neuen. Es macht keinen Spaß, mit „German Angst“ eine Reise zu planen. Was, wenn wir die nächste Ladesäule nicht erreichen? German Angst ist auch: Reichweitenangst.
 

DIE ANGST HAT IHRE GRÜNDE


Gründe für Angst gibt es für die Deutschen zuhauf: Klimawandel, Hitzesommer, politische Umbrüche, Kriege und beunruhigende Zahlen aus der Wirtschaft. Jeden Monat gehen in Deutschland Tausende Arbeitsplätze in der Industrie verloren, so der Ökonom Moritz Schularick im Wirtschaftsmagazin Capital. Diese Zahl sei nicht außergewöhnlich, sondern entspräche dem Durchschnitt der letzten Jahrzehnte. Problematisch sei vielmehr, dass die Deutschen ihre Kompetenzen aus Maschinen- und Anlagenbau, Mobilität und Autoindustrie nicht mit neuen Technologien verbinden. 

Ein zweiter Blick: 2025 wurden in Deutschland nach Angaben des Startup-Verbands 3.568 neue Unternehmen gegründet, so viele wie nie zuvor. „Unternehmen entstehen, die auf Forschung, Ingenieurwesen, Industrie und Mittelstand aufbauen – also dort, wo Deutschland traditionell stark ist“, sagt der KI-Investor und Unternehmer Fabian Westerheide auf der Plattform Start-ups.

Noch eine Zahl: Noch nie haben in Deutschland so viele Menschen gearbeitet. Fast 46 Millionen Erwerbstätige kamen 2025 auf 61,26 Milliarden Arbeitsstunden. Zwanzig Jahre zuvor waren es 47,1 Milliarden Stunden bei etwas mehr als 39 Millionen Erwerbstätigen.

Woher kommt also die Unzufriedenheit? Vielleicht überfordert uns die Transformation? Der Übergang von der fossilen Industriegesellschaft zu einer dekarbonisierten Wohlstandsgesellschaft ist ein Umbau im laufenden Betrieb. Alte Geschäftsmodelle verschwinden, neue entstehen.

Technologien werden ausprobiert, bevor jeder ihre Folgen kennt.

Unsere Route ist mit einer KI geplant: 20 Stunden Fahrzeit von Berlin nach Marseille, sechs Ladestopps bis zum Ziel. Was, wenn die Ladesäule besetzt ist? Oder kurz vor unserer Ankunft defekt? Wenn mitten in Frankreich der Akku leer ist? Wir sehen uns in der Gluthitze stehen, ohne Strom für Antrieb und Klimaanlage. Verdammt, wären wir doch beim Verbrenner geblieben. Ja, aber was dann? German Angst.

Wenige Tage vor der Abreise zählt die Bundesnetzagentur mehr als 156.000 Normal- und 56.000 Schnellladepunkte in Deutschland. Es gebe „mehr Ladesäulen, als für den jetzigen Fahrzeugbestand notwendig wären“, so Alexander Jung vom Verband e-Mobility Deutschland. Für den weiteren Hochlauf sei man gut gerüstet.

Tatsächlich: An den Ladestationen in Deutschland klappt alles reibungslos. Stecker rein, laden, Kaffee holen. Im Vergleich zum klassischen Tanken verlieren wir kaum Zeit. Ähnlich in Luxemburg. Eine „Station de Charge“, Strom für 52 Cent pro Kilowattstunde – günstiger als an manchen deutschen Schnellladesäulen.

Während unser Wagen, entspannt eingereiht zwischen den anderen Fahrzeugen, mit maximal Tempo 130, fast geräuschlos seinem Ziel entgegenrollt, diskutieren wir über Energie. Energieerzeugung, Netzausbau, Marktstrukturen, Steuern: Deutschland macht Strom nicht gerade billig. Transformation zeigt sich im Kleinen. Millionen Menschen haben inzwischen selbst in dezentrale erneuerbare Energien investiert. Ende 2025 gab es in Deutschland rund 4,8 Millionen Photovoltaikanlagen.
 

WENN ENERGIE PREISWERT WIRD


Das Dach eines Hauses wird zwar kein Chemiecluster in Ludwigshafen oder Leverkusen versorgen. Aber für den eigenen Haushalt kann die Rechnung erstaunlich aussehen. Wer sein Elektroauto mit selbst erzeugtem Solarstrom lädt, kommt je nach Anlage und Rahmenbedingungen auf deutlich niedrigere Kosten als an öffentlichen Ladesäulen. Bei angenommenen sechs bis 14 Cent pro Kilowattstunde wird aus der Energiewende eine attraktive Sache: Sonne aufs Dach, Strom ins Auto, losfahren.

In der Provence leuchten die Lavendelfelder in sattem Violett, wir sind angekommen. Hundert Meter von unserem Ferienhaus entfernt stehen zwei Ladepunkte vor dem Rathaus. 44 Cent kostet die Kilowattstunde. Frankreich hat den Ausbau der Ladeinfrastruktur kräftig vorangetrieben. Mehr als 150.000 öffentliche Ladepunkte stehen inzwischen zur Verfügung. Jedes vierte neu zugelassene Auto ist dort ein reines Elektroauto. Dazu kommen staatliche Programme wie das „Leasing social“, mit dem auch Menschen mit geringerem Einkommen Zugang zu Elektroautos bekommen sollen. 

Frankreich hat erlebt, wie schnell Energiepreise zur sozialen Frage werden können. 2018 entzündeten sich die Gelbwesten-Proteste unter anderem an einer geplanten Erhöhung der Kraftstoffsteuer. Wer Mobilität elektrifiziert und günstiger macht, verändert nicht nur die CO2-Bilanz, sondern auch die politische Ökonomie des Alltags.

Wir fahren durch die Provence, erklimmen steile Straßen. Die Canicule, die Hundshitze mit Temperaturen von teilweise mehr als 40 Grad, stellt die Klimaanlage auf die Probe. Abends stehen auf den Parkplätzen andere Elektroautos: Franzosen, Belgier, Briten, Deutsche. Langsam verschwindet unsere Reichweitenangst. 

Auf der Rückfahrt blitzt sie doch noch einmal auf. Ferienende in der Region Paris. Hinter Avignon sind zwölf Ladestationen abgesperrt, weil sie belegt sind. Fünfzehn Kilometer weiter das gleiche Bild. Futter für unsere German Angst. Wir reihen uns in die Schlange ein und müssen tatsächlich warten. Elf Minuten, dann ist die nächste Säule frei. In Berlin zeigt das Display 68 Kilometer Restreichweite.

Kurz nach unserer Rückkehr meldet das Kraftfahrt-Bundesamt, dass im August fast jedes dritte neu zugelassene Auto ein batterieelektrisches war. Wir sind fast traurig. Vor zwei Wochen waren wir noch Pioniere. Kaum springt der Spritpreis, schwenken die Deutschen um. German Angst scheint gut triggerbar: Wenn der finanzielle Anreiz erst da ist, tritt sie in den Hintergrund.
 

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Wirtschaft
Dezember 2025
Illustrationen: Marga Castaño
Redaktion

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