Herr Mattat, warum braucht Deutschland mehr Fernwärme?
Wenn wir die Klimaziele erreichen wollen, müssen wir unsere Wärmeversorgungssysteme dekarbonisieren. Gerade in Städten und dicht besiedelten Quartieren ist Fernwärme dafür ein besonders effizienter Weg. Wärmenetze können sehr unterschiedliche klimaneutrale Wärmequellen einbinden – von unvermeidbarer Abwärme und Geothermie über Großwärmepumpen bis zu weiteren erneuerbaren Energiequellen. Damit lassen sich nicht nur einzelne Gebäude, sondern ganze Quartiere und Städte Schritt für Schritt klimaneutral aufstellen.
Die Versorger investieren bereits kräftig. Was kommt noch auf sie zu?
Sehr viel. Die Unternehmen investieren seit Jahren Milliarden in den Ausbau und die Dekarbonisierung ihrer Wärmeerzeuger und -netze. Und dieses Investitionsniveau muss auch in den kommenden Jahren hoch bleiben. Die Bereitschaft dazu ist in der Branche da. Aber wer heute eine Leitung baut oder eine neue Erzeugungsanlage plant, investiert für Jahrzehnte. Deshalb brauchen die Unternehmen Verlässlichkeit. Sie müssen wissen, unter welchen Bedingungen sich eine Investition langfristig wirtschaftlich trägt.
Was muss die Politik dafür tun?
Was die Wärmewende jetzt vor allem braucht, ist Verlässlichkeit. Unternehmen investieren nur dann in neue Wärmeinfrastruktur, wenn die politischen Regeln zusammenpassen und über Jahre tragen. Genau daran muss sich die anstehende Ausgestaltung des Rechtsrahmens messen lassen. Mit der Wärmeplanung, den neuen Gebäuderegeln und den Eckpunkten für das Wärmenetzpaket liegen viele der richtigen Themen auf dem Tisch. Jetzt entscheidet die Umsetzung. Wichtig ist, dass die neuen Vorgaben praxistauglich und möglichst bürokratiearm ausgestaltet werden. Investitionen dürfen nicht durch zusätzliche Berichtspflichten, Doppelregulierung oder widersprüchliche Anforderungen ausgebremst werden. Genauso wichtig ist die Investitionsfähigkeit. Wer in den Ausbau und die Transformation der Wärmeinfrastruktur investiert, muss diese Investitionen auch erwirtschaften können. Das bedeutet, dass sich die damit verbundenen Kosten angemessen in den Wärmepreisen widerspiegeln werden. Verbraucherschutz und Investitionsfähigkeit sind dabei keine Gegensätze.
Welche Rolle spielt die Förderung?
Eine maßgebliche. Die Bundesförderung für effiziente Wärmenetze, kurz BEW, ist für die Transformation der Wärmenetze ein zentrales Instrument. Deshalb muss sie gesetzlich verankert und das Fördervolumen langfristig abgesichert werden. Auch das Kraft-Wärme-Kopplungsgesetz braucht über 2026 hinaus eine beihilferechtlich abgesicherte und langfristig verlässliche Perspektive. Unsere Unternehmen planen nicht in Legislaturperioden, sondern in Dekaden. Das muss sich auch in der Förderpolitik widerspiegeln.
Energiewende wurde lange vor allem als Klimaschutz verstanden. Warum sprechen Sie heute stärker über Resilienz?
Weil uns die vergangenen Jahre sehr deutlich gezeigt haben, dass Energiepolitik immer auch Sicherheits- und Wirtschaftspolitik ist. Geopolitische Krisen, unsichere Lieferketten und stark schwankende Rohstoffpreise können eine Volkswirtschaft empfindlich treffen. Dekarbonisierung bedeutet deshalb nicht nur weniger CO2. Sie bedeutet auch, unabhängiger von einzelnen Energieträgern, Lieferregionen und Importwegen zu werden.
Was kann Fernwärme dazu beitragen?
Sehr viel, weil Wärmenetze technologieoffene, skalierbare Infrastrukturen sind. Sie können Wärme aus unterschiedlichen Quellen aufnehmen und systemisch miteinander verbinden. Gerade lokale und regionale Potenziale wie unvermeidbare Abwärme aus Industrie und Rechenzentren, Geothermie oder Umweltwärme lassen sich so nutzbar machen. Je stärker wir diese Potenziale erschließen, desto weniger abhängig sind wir von Energieimporten. Wärmewende und Resilienz gehören deshalb unmittelbar zusammen.
Und was bedeutet der Fernwärmeausbau für den Wirtschaftsstandort?
Der Fernwärmeausbau schafft Wertschöpfung hier bei uns. Wenn Wärmenetze und Erzeugungsanlagen errichtet oder modernisiert werden, bleibt ein großer Teil der Investitionen in Deutschland und häufig direkt in der Region. Planung, Tiefbau, Anlagenbau, Handwerk, Betrieb und Wartung bedeuten Aufträge für heimische Unternehmen. Das sichert und schafft Arbeitsplätze und stärkt auch das regionale Steueraufkommen. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ist das von besonderer Bedeutung. Investitionen in unsere Wärmesysteme machen diese zukunftsfähig und schaffen zugleich Wertschöpfung in Deutschland. Fernwärme ist damit auch ein Konjunktur- und Standortfaktor.
Was ist Ihre wichtigste Botschaft?
Unsere Mitgliedsunternehmen wollen investieren. Dafür müssen sie wissen, woran sie sind. Wir brauchen klare und belastbare Ziele, praxistaugliche Regeln ebenso wie eine verlässliche Förderarchitektur. Dann wirkt der Ausbau der Fernwärme gleich mehrfach: Er bringt uns beim Klimaschutz voran, macht unsere Energieversorgung unabhängiger und resilienter und stärkt Wertschöpfung und Beschäftigung in Deutschland. Fernwärme ist deshalb nicht nur Energieund Klimapolitik. Fernwärme ist Standortpolitik.
ÜBER AGFW | DER ENERGIEEFFIZIENZVERBAND FÜR WÄRME, KÄLTE UND KWK E.V.
Der AGFW vertritt mit technischer, betriebswirtschaftlicher, juristischer sowie energie- und umweltpolitischer Expertise die Interessen von mehr als 740 Unternehmen der Wärmewirtschaft und blickt auf über 50 Jahre Verbandsarbeit zurück. Der in Frankfurt am Main ansässige Verband vereint Stadtwerke, Energiedienstleister sowie Unternehmen aus Planung, Entwicklung und Herstellung von Wärme- und Kälteerzeugungs- und Verteilungsanlagen. Darüber hinaus setzt der AGFW mit seinem fernwärmespezifischen Regelwerk nationale und internationale Standards in der Fernwärmetechnik.