Netze, Wärmepumpen, Geothermie

Viele Kommunen haben ihre Fernwärmepläne erstellt. Aber jetzt beginnt die schwierigere Phase: die Realisierung.

Illustratorin: Josephine Warfelmann
Illustratorin: Josephine Warfelmann
Illustratorin: Josephine Warfelmann Redaktion

Am Rheinufer in Köln-Niehl entsteht derzeit eine Anlage, die zeigen soll, wie die Wärmewende in einer Großstadt konkret aussieht. RheinEnergie baut hier eine 150-Megawatt-Flusswasser-Wärmepumpe. Ab 2028 soll sie Wärme für bis zu 50.000 Haushalte liefern und rund 100.000 Tonnen CO2 im Jahr einsparen. Die Anlage nutzt die Wärme des Rheins und hebt sie mit Hilfe von Strom auf ein höheres Temperaturniveau. Anschließend wird die Wärme in das Fernwärmenetz eingespeist. 

Was am Rhein entsteht, ist nicht nur ein großes technisches Projekt, sondern ein Beispiel dafür, wie aus einem Wärmeplan konkrete Infrastruktur entstehen kann. Darum geht es derzeit in Deutschland: Bis zum 30. Juni 2026 mussten Städte und Gemeinden mit mehr als 100.000 Einwohnern einen Wärmeplan vorlegen. Kleinere Kommunen haben dafür bis Mitte 2028 Zeit. Der Wärmeplan soll zeigen, wo künftig Wärmenetze sinnvoll geoder ausgebaut werden können, welche Gebiete sich für dezentrale Lösungen eignen und welche erneuerbaren Wärmequellen vor Ort genutzt werden können.
 

ANSPRUCHSVOLLE PLANUNG


Das stellt viele Kommunen vor erhebliche Herausforderungen. Denn schon die Planung ist anspruchsvoll. Laut einer aktuellen Befragung des Kompetenzzentrums Kommunale Wärmewende (KWW) dauert sie im Durchschnitt rund 18 Monate und kostet im Durchschnitt 3,79 Euro je Einwohnerin und Einwohner. Um die Planung zügig umzusetzen, benötigen die Kommunen Daten, eine Finanzierungsgrundlage und personelle Kapazitäten. Gleichzeitig müssen relevante Akteure eingebunden werden. „Die meisten Stellschrauben und Hürden liegen am Beginn der Wärmeplanung“, sagt KWW-Leiter Robert Brückmann. Entscheidend seien unter anderem die Zusammenarbeit von Ämtern und Unternehmen, die Beschaffung von Verbrauchsund Bedarfsdaten sowie ausreichend Personal. Doch die eigentliche Bewährungsprobe beginnt erst, wenn der Plan fertig ist. Nun müssen Stadtverwaltungen, Energieversorger, Netzbetreiber, Wohnungswirtschaft, Industrie und Gebäudeeigentümer die Ergebnisse in konkrete Projekte gießen. Das kann etwa bedeuten, ein neues Wärmenetz zu bauen, bestehende Leitungen zu erweitern oder eine Wärmequelle zu erschließen. Das Kölner Projekt mit der Großwärmepumpe zeigt, wie komplex das werden kann: Allein die Genehmigungen für die Entnahme und Rückführung des Rheinwassers waren schwierig zu bekommen: Ämter, Behörden und Naturschützer diskutierten rund ein Jahr über den Fischschutz und die Wassereinleitung in den Rhein. „Die Flusswärmepumpe betritt rechtliches Neuland“, stellte NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur fest.
 

EINE VIELZAHL VON TECHNISCHEN MÖGLICHKEITEN


Technisch gesehen haben Kommunen mehrere Möglichkeiten: Wärmepumpen können die Energie aus Flüssen, Seen, dem Grundwasser oder der Umgebungsluft nutzen. Hinzu kommen industrielle Abwärme, Solarthermie, Biomasse und Geothermie. In dicht bebauten Städten spielen Wärmenetze eine besondere Rolle, da sie viele Gebäude gleichzeitig versorgen können. Berlin setzt in seinem Wärmeplan zum Beispiel auf einen Mix aus Großwärmepumpen und Wärmenetzen. Allein Wärmepumpen könnten 2045 rund 43 Prozent zur Wärmeversorgung beitragen. Doch die Frage, wie sich all dies wirtschaftlich erschließen lässt, ist noch nicht beantwortet. 3,5 Milliarden Euro soll der Um- und Ausbau des riesigen Fernwärme-Netzes in Berlin kosten. Das allerdings deckt weite Teile der Stadt gar nicht ab. Die Wahl der richtigen Wärmequelle ist auch nicht immer einfach – und vor allem mit hohen Kosten verbunden. So bietet etwa die Geothermie theoretisch große Potenziale. Rechnerisch könnte sie drei Viertel des Wärmebedarfs in Deutschland decken, hat das Fraunhofer-Institut für Energieinfrastrukturen und Geothermie IEG bereits 2022 berechnet. Aber das tatsächliche Potenzial hängt stark von den lokalen geologischen Bedingungen ab. In Münster etwa wurde der Boden geologisch bis in 6.000 Meter Tiefe untersucht. Ob dort aber tatsächlich ausreichend heißes Wasser vorhanden ist, lässt sich erst durch eine Bohrung klären. Die sind technisch anspruchsvoll und teuer, je tiefer die geeigneten Gesteinsschichten liegen. Die Faustregel besagt, dass ein Kilometer Bohrung rund eine Million Euro kostet. Zwischen einer Machbarkeitsstudie und einer funktionierenden Geothermieanlage liegen deshalb nicht selten Jahre. 

Ähnlich verhält es sich mit der Abwärme von Rechenzentren, Industrieanlagen oder Abwassern. Auch hier müssen Quelle, Wärmenetz und Abnehmer räumlich und zeitlich zusammenpassen. Glücklich kann sich schätzen, wer in Berlin-Schöneberg im denkmalgeschützten Pallasseum-Wohnkomplex wohnt: Dort wird künftig mit der Abwärme eines Telekom-Rechenzentrums geheizt.
 

ORIENTIERUNG FÜR HAUSBESITZER


Für Haus- und Wohnungseigentümer soll die kommunale Wärmeplanung vor allem eines schaffen: Orientierung. Der Plan zeigt, ob ein Gebäude künftig an ein Wärmenetz angeschlossen werden kann oder ob die Eigentümer eher eine individuelle Lösung, wie etwa eine Wärmepumpe, benötigen. Eine Garantie für einen möglichen Netzanschluss ist der Wärmeplan allerdings nicht. 

Denn eine der größten Fragen der Wärmewende ist ungeklärt: Wer bezahlt sie eigentlich? Denn wenn die Erstellung eines Wärmeplans vergleichsweise günstig ist, kostet die Umsetzung Millionen oder sogar Milliarden. Kommunen müssen Netze ausbauen, Energieversorger neue Erzeugungsanlagen errichten und Stromnetze müssen mitunter verstärkt werden. Für die erstmalige Erstellung der Wärmepläne stellt der Bund zwar insgesamt 500 Millionen Euro bereit. 

Für die eigentlichen Investitionen braucht es jedoch weitere Finanzierungsmodelle und langfristige Planungssicherheit. Wie groß der Kraftakt sein kann, zeigt erneut Köln: Rund 280 Millionen Euro kostet die Flusswasser-Wärmepumpe. 100 Millionen Euro kommen von Bund und EU. Den Rest muss der Energiebetreiber RheinEnergie mit Finanzierungspartnern aufbringen. Gut möglich, dass diese Rechnung irgendwann auf dem Tisch der Verbraucher landet.
 

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