Am Abend des 2. März 2026 fiel in einem Rechenzentrum in Aachen der Strom aus. Was nach einem lokalen technischen Problem klingt, hatte am nächsten Morgen massive Folgen für dutzende Städte in Nordrhein-Westfalen: Der kommunale IT-Dienstleister regio IT war ausgefallen. Verwaltungsservices, Bürger- und Schulportale funktionierten nicht mehr. Termine konnten nicht gebucht, Anträge nicht bearbeitet werden. Der Vorfall ist einer von vielen, die das Bewusstsein dafür schärfen, dass kommunale Krisenfestigkeit im digitalen Zeitalter viel mehr ist als Katastrophenschutz.
Zum einen geht es um kritische Infrastrukturen wie Wasser-, Energie- oder Gesundheitsversorgung. Zum anderen zählen auch die digitale Verwaltung vor Ort, die Krisenkommunikation und die soziale Stabilität einer Stadt dazu.
Kommunen haben einen entscheidenden Vorteil: Nähe. Stadt- und Sicherheitsforscher Holger Floeting vom Deutschen Institut für Urbanistik bringt es auf den Punkt: „Sie sind in lokale Kontexte eingebettet und kennen die lokalen Potenziale.“ Gleichzeitig seien Städte aber auch Knotenpunkte – dicht besiedelt, wirtschaftlich bedeutsam und stark vernetzt. Damit sind sie besonders anfällig für Bedrohungen aller Art.
Viele Kommunen haben die Risiken längst erkannt. Sie haben freiwillig Vorsorge getroffen, über das gesetzlich Vorgeschriebene hinaus: mit Starkregengefahrenkarten, Projekten zur dezentralen Energieversorgung, sogenannten Bürgerenergiegemeinschaften, und KI-Schulungen für Verwaltungsmitarbeiter. Warn-Apps wie NINA oder KATWARN erreichen heute Millionen Menschen.
VIELE PROBLEME, WENIG GELD
Doch vieles bleibt Stückwerk. Oft fehlt es an abgestimmten Konzepten zwischen Bund, Ländern und Kommunen. Genehmigungsverfahren dauern lange, Fachkräfte fehlen. Und nicht jede Gemeinde hat die gleichen Probleme: Küstenkommunen kämpfen gegen Sturmfluten, Innenstadtquartiere gegen Hitzestress, ländliche Gebiete gegen marode Brücken und ausgedünnte Versorgungsnetze.
Am Ende steht jedoch fast immer dieselbe Frage: Wer bezahlt das? 2024 verzeichneten die Kommunen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes ein Rekorddefizit von 24,8 Milliarden Euro. Das ist ein Anstieg von rund 18 Milliarden Euro gegenüber dem Vorjahr. Für 2025 steuern die Kommunen auf ein Defizit von über 30 Milliarden Euro zu. Jeden Euro kann man nur einmal ausgeben. Statt Zukunftsvorsorge zu betreiben, müssen Investitionen in Schulen, Straßen und soziale Einrichtungen häufig zurückgestellt werden. Burkhard Jung, Oberbürgermeister von Leipzig und Präsident des Deutschen Städtetages, bringt die Konsequenz auf den Punkt: „Insofern ist es eine Demokratiefrage, ob wir auskömmlich finanziert sind und vor Ort die Leistungen erbringen, die Bürgerinnen und Bürger von uns erwarten.“
Hinzu kommt die Gleichzeitigkeit struktureller und akuter Krisen. Langfristige Herausforderungen wie der Klimawandel lassen sich planvoll angehen. Aber unvorhersehbare Aufgaben – die Unterbringung von Geflüchteten, die Bewältigung einer Pandemie – kommen plötzlich und ohne Rücksicht auf leere Kassen.
RESILIENZ ALS DAUERAUFGABE
Wo also anfangen? Bei der Klimaanpassung, der Digitalisierung, dem Bevölkerungsschutz? Die Nationale Plattform Resilienz gibt eine klare Antwort: im Kopf. Resilienz müsse als strategisches Querschnittsthema dauerhaft verankert werden. Nicht als Sonderprojekt, sondern als fester Bestandteil jeder kommunalen Entscheidung, von der Stadtplanung über die Sozialarbeit bis zur IT.
In der Praxis bedeutet das: Wer ist zuständig, wenn der Strom ausfällt? Wer kommuniziert, wenn das Rathaus nicht erreichbar ist? Wer sichert die Lieferkette, wenn ein Dienstleister wegbricht? Diese Fragen müssen beantwortet sein, bevor der Ernstfall eintritt. Gefragt ist ein sogenannter All-Gefahren-Ansatz: ein Rahmen, der Cyberangriffe, Extremwetter und Versorgungsausfälle nicht getrennt, sondern gemeinsam in den Blick nimmt.
Das Netzwerk der Nationalen Plattform Resilienz hat festgestellt, dass sich vieles bereits verbessert hat, aber an einer übergreifenden Strategie und föderaler Koordination fehlt es nach wie vor. Die Risikokommunikation erreiche viele Bevölkerungsgruppen nicht. Die Bilanz fällt entsprechend nüchtern aus: „Ohne klare Prioritäten, langfristige Finanzierung und bessere Koordination kann Resilienz nicht dauerhaft gestärkt werden.“
In vielen Städten konzentrieren sich die Bemühungen deshalb auf drei Felder: die Anpassung der Infrastruktur an Klimafolgen wie Hochwasser oder Hitze, die sichere Digitalisierung der Verwaltung sowie der Bevölkerungsschutz. Wer diese drei Bereiche zusammendenkt, statt getrennt zu verwalten, gewinnt doppelt: an Effizienz und an Wirkung.
Redundanzen und Back-ups sind dabei ein zentraler, aber oft unterschätzter Faktor. Doppelstrukturen kosten Geld. Deshalb geht es nicht darum, alles doppelt vorzuhalten, sondern gezielt dort, wo ein Ausfall am schädlichsten wäre: bei kritischen Infrastrukturen. Wo Abhängigkeiten zu groß sind, müssen sie verringert werden.
Der Stromausfall in Aachen dauerte nur wenige Stunden. Die Frage, die er aufgeworfen hat, bleibt länger: Wie verletzlich sind unsere Städte? Und was tun wir dagegen? Resilienz ist kein Zustand, den Kommunen einmal erreichen und dann abhaken können. Sie ist eine Daueraufgabe – organisatorisch, politisch und finanziell.
DREI ZENTRALE BAUSTELLEN FÜR RESILIENTERE STÄDTE
1. INFRASTRUKTUR AN DEN KLIMAWANDEL ANPASSEN Städte müssen sich auf häufigere Extremwetter vorbereiten: etwa durch Hochwasserschutz, Hitzeschutz in Innenstädten oder widerstandsfähigere Energie- und Wassernetze.
2. DIGITALE VERWALTUNG ABSICHERN Verwaltungen sind zunehmend von IT-Systemen abhängig. Cyberangriffe oder technische Ausfälle können schnell ganze Behörden lahmlegen.
3. BEVÖLKERUNGSSCHUTZ STÄRKEN Warnsysteme, Krisenpläne und Notfallstrukturen müssen regelmäßig getestet und aktualisiert werden. Dazu gehört auch eine klare Zuständigkeit im Ernstfall.