»Wettbewerbsfähigkeit braucht demokratische Kultur«

Deutschland im Niedergang? Das Land ist viel stärker, als es derzeit in der Öffentlichkeit vielfach dargestellt wird. Mehr Realismus, bitte! Und mehr Einsatz für die offene Gesellschaft! Ein Appell an die Wirtschaft.

Illustrationen: Daniel Crespo, danielcrespo.es
Illustrationen: Daniel Crespo, danielcrespo.es
Dr. Roland Geschwill & Dr. Martina Nieswandt Redaktion

Deutschland diskutiert über Wettbewerbsfähigkeit, Fachkräftemangel, Bürokratie und den Zustand seiner Demokratie. Meist werden diese Themen getrennt voneinander betrachtet. Dabei sind sie eng miteinander verbunden. Die Frage, ob Deutschland wirtschaftlich erfolgreich bleibt, entscheidet sich nicht allein an Steuern, Energiepreisen oder Regulierung. Sie entscheidet sich auch daran, ob es gelingt, Vertrauen, Zuversicht und demokratische Stabilität zu bewahren.

Wir sind der festen Überzeugung, dass wirtschaftliche Stärke und demokratische Kultur voneinander abhängen und beschreiben, wie Unternehmen einen aktiven Beitrag leisten können, um Demokratie zu fördern. Eine offene Gesellschaft ist kein Luxus, den man sich in guten Zeiten leisten kann. Sie ist eine Voraussetzung für Innovation, Investitionen und Wohlstand.

Allerdings erleben wir derzeit eine Entwicklung, die beides gefährdet: die zunehmende Schwarzmalerei. Deutschland wird häufig als Land im Niedergang beschrieben. Wirtschaftliche Probleme werden nicht nur analysiert, sondern zum Beweis eines umfassenden Scheiterns erklärt.

Natürlich gibt es Herausforderungen. Die Transformation der Industrie, der demografische Wandel oder die Digitalisierung verlangen enorme Anstrengungen. Doch wer dauerhaft den Eindruck vermittelt, das Land sei nicht mehr handlungsfähig, beschädigt das Vertrauen in Wirtschaft, Politik und demokratische Institutionen gleichermaßen.

Vertrauen ist jedoch ein zentraler Wirtschaftsfaktor. Unternehmen investieren nur, wenn sie an die Zukunft glauben. Menschen gründen nur dann Unternehmen, wenn sie Chancen sehen. Demokratien bleiben nur dann stabil, wenn Bürgerinnen und Bürger überzeugt sind, dass Probleme gelöst werden können. Der niederländische Historiker Rutger Bregman hat darauf hingewiesen, dass die permanente Konzentration auf negative Nachrichten unser Bild der Wirklichkeit verzerrt. Für Gesellschaften gilt dasselbe wie für Unternehmen: Wer ausschließlich auf Risiken schaut, verliert die Fähigkeit, Chancen zu erkennen.

Dabei ist Deutschland deutlich stärker, als es häufig dargestellt wird. Die Bundesrepublik gehört weiterhin zu den größten Volkswirtschaften der Welt. Sie verfügt über eine leistungsfähige industrielle Basis, einen innovativen Mittelstand und eine außergewöhnliche Zahl von Weltmarktführern. Jahr für Jahr erwerben weit über eine Million Menschen neue Bildungsabschlüsse. Forschungseinrichtungen, Hochschulen und Unternehmen bilden ein Innovationsnetzwerk, das international hohe Anerkennung genießt.

Trotzdem dominiert oft ein Narrativ des Abstiegs. Diese Diskrepanz zwischen Realität und Wahrnehmung ist problematisch. Gesellschaften, die ihre eigenen Stärken nicht mehr erkennen, verlieren den Mut zur Gestaltung. Die bundesrepublikanische Erfolgsgeschichte ist jedoch keine Geschichte des Jammerns, sondern des Anpackens. Ob Strukturwandel, Wiedervereinigung oder Finanzkrise – Fortschritt entstand immer dann, wenn Menschen Lösungen entwickelt haben, statt sich in Untergangsszenarien zu verlieren.

In diesem Zusammenhang kommt Unternehmen eine besondere Rolle zu. Sie schaffen nicht nur Arbeitsplätze und Wertschöpfung. Sie prägen auch gesellschaftliche Werte und öffentliche Debatten. Vor der Bundestagswahl 2025 haben zahlreiche Unternehmen deutlich gemacht, dass Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Vielfalt keine parteipolitischen Positionen sind, sondern Voraussetzungen für wirtschaftlichen Erfolg. 

Das ist mehr als Symbolik. Marktwirtschaft braucht verlässliche Institutionen. Investitionen benötigen Rechtssicherheit. Innovation entsteht dort, wo Menschen frei denken, diskutieren und neue Ideen entwickeln können. Wo demokratische Strukturen geschwächt werden, geraten langfristig auch wirtschaftliche Entwicklung und gesellschaftlicher Zusammenhalt unter Druck. Unternehmen haben deshalb ein legitimes Interesse daran, die Grundlagen einer offenen Gesellschaft zu stärken.
 

»Wer dauerhaft den Eindruck vermittelt, das Land sei nicht mehr handlungsfähig, beschädigt das Vertrauen in Wirtschaft, Politik und demokratische Institutionen gleichermaßen.«


Besonders sichtbar wird dieser Zusammenhang in der Unternehmenskultur. Für viele Menschen ist der Arbeitsplatz der Ort, an dem sie Beteiligung, Führung und Zusammenarbeit konkret erleben. Dort entscheidet sich täglich, ob Vertrauen entsteht, ob unterschiedliche Meinungen gehört werden und ob Verantwortung übernommen werden kann.

Unternehmen, die Mitsprache ermöglichen, Eigenverantwortung fördern und Vielfalt als Stärke begreifen, leisten deshalb mehr als Personalentwicklung. Sie stärken demokratische Kompetenzen. Wer erlebt, dass Beteiligung funktioniert und unterschiedliche Perspektiven zu besseren Entscheidungen führen, wird weniger anfällig für autoritäre Versprechen und einfache Feindbilder. Demokratie beginnt nicht erst im Parlament. Sie beginnt dort, wo Menschen lernen, Konflikte konstruktiv zu lösen und gemeinsam Verantwortung zu tragen. Die vielleicht wichtigste Ressource für die Zukunft Deutschlands ist deshalb nicht Geld oder Technologie, sondern Zuversicht. Die Herausforderungen der kommenden Jahre sind enorm. Künstliche Intelligenz, Robotik, Biotechnologie und neue Energietechnologien werden Wirtschaft und Gesellschaft tiefgreifend verändern. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob diese Veränderungen kommen, sondern mit welcher Haltung wir ihnen begegnen.

Angst führt zu Abschottung und Stillstand. Zuversicht schafft Innovationsbereitschaft und Gestaltungswillen. Sie ist keine naive Haltung, sondern ein strategischer Erfolgsfaktor. 

Deshalb sollten Unternehmen die Debatte über Demokratie, Freiheit und gesellschaftliche Verantwortung nicht anderen überlassen. Die offene Gesellschaft ist nicht nur eine politische Errungenschaft. Sie ist die Grundlage unseres Wohlstands. Wer die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands stärken will, muss deshalb auch seine demokratische Kultur stärken. Denn Demokratie ist kein Kostenfaktor der Wirtschaft. Sie ist eine ihrer wichtigsten Voraussetzungen.
 

ÜBER DIE AUTOREN

Der Psychologe DR. ROLAND GESCHWILL und die Ökonomin DR. MARTINA NIESWANDT leiten gemeinsam die „Denkwerkstatt für Manager“ mit Sitz in Baden-Württemberg. In ihrem aktuellen Buch „Wirtschaft für eine offene Gesellschaft. Wie Sie Ihr Unternehmen für Freiheit, Vielfalt und Verantwortung positionieren“ erklären sie, warum Demokratie eine zentrale Voraussetzung für wirtschaftliche Stärke, Innovationsfähigkeit und gesellschaftliche Stabilität ist. Das Buch ist im Carl-Auer Verlag erschienen.
 

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