Herr Professor Stotz, Gold wird vor allem in turbulenten Zeiten gerne als „sicherer Hafen“, als „Krisenwährung“ bezeichnet. Nun fällt aber der Goldpreis ausgerechnet inmitten des Krieges zwischen Israel, den USA und Iran, also in einer geopolitisch sehr angespannten Phase mit explodierenden Rohstoffpreisen. Viele Experten argumentieren, dass ein solcher Preisrückgang für die Krisenfestigkeit von Gold spricht und begründen ihn mit Liquiditätsverkäufen. Wie bewerten Sie die aktuelle Entwicklung?
Es ist ein Phänomen, dass die Preise von sogenannten Krisenwährungen in tatsächlichen Krisen auch immer wieder fallen können. Wenn es um das Spannungsfeld „Krise – sicherer Hafen: Gold“ geht, dann glaube ich, dass der Kapitalmarkt ein guter Schauplatz dafür ist, um zu beobachten, dass diese Mantren – und da können Sie Gold auch gegen Bitcoin oder andere Spekulationsobjekte austauschen – nicht wirklich gut oder sagen wir eher nicht wirklich verlässlich funktionieren. Manchmal greift der Mechanismus, manchmal aber eben auch nicht, weshalb man sich als Anleger nicht drauf verlassen kann und deshalb auch nicht sollte.
Warum hält sich Gold als Krisenwährung dennoch so hartnäckig?
Das hat zum einen historische Gründe. Anders als andere Spekulationsobjekte ist Gold als Zahlungsmittel seit vielen Jahrtausenden etabliert, nahezu alle Staaten halten mehr oder weniger große Goldreserven vor – auch aus Macht- und Prestigegründen. Wertlos ist Gold daher nicht, weshalb eine Beimischung im Portfolio je nach Ausrichtung und Risikoprofil durchaus sinnvoll sein kann. Nur diese Kausalkette, in einer Krise in Gold zu flüchten, funktioniert eben nicht zuverlässig. Wobei auch eine starke mediale Berichterstattung dazu beiträgt, dass sich dieses Mantra in den Köpfen der Menschen festsetzt. Und das zeigt sich aktuell wieder sehr deutlich, wenn man nur mal eben schnell Gold oder Goldpreis in die Suchmaschine der Wahl eingibt.
Funktioniert Gold als vermeintliche Krisenwährung in vielen Fällen vielleicht deshalb, weil durch das Befeuern dieses Mantras in einer Krise sofort eine Art Herdenverhalten einsetzt und Anlegerinnen und Anleger kollektiv in die sogenannten sicheren Häfen flüchten?
Ganz sicher wird in dem Moment eine Art selbsterfüllende Prophezeiung daraus, wenn sehr viele Menschen in einer Krise in Gold flüchten, richtig. Was mir hier jedoch wichtig ist: Nur, weil in der Vergangenheit vermeintliche Kausalitäten aufgezeigt oder beobachtet werden konnten, heißt das nicht, dass die auch in der Zukunft sicher eintreten werden. Damit sind diese Kausalitäten eben keine, sonst müssten sie wirklich immer zutreffen.
Lässt sich so auch der Preisrückgang bei Gold trotz Irankrieg erklären?
Letztendlich funktionieren auch Kapitalmärkte über ein klassisches Angebot-Nachfrage-Prinzip. Das heißt Käufer und Verkäufer müssen sich auf einen Preis einigen können und offensichtlich ist das Interesse an einem größeren Goldeinkauf zu einem aktuell sehr hohen Preis nicht gegeben. Das kann dafürsprechen, dass Gold in der aktuellen Situation doch nicht als die Krisenwährung der Wahl gesehen wird. Es kann aber auch bedeuten, dass die Preisspekulationen schon zu sehr auf die Spitze getrieben wurden. Immerhin liegt Gold aktuell auf Jahressicht rund zwölf Prozent im Plus.
Jetzt ist Gold nicht das einzige Spekulationsobjekt. Auch der Bitcoin wurde schon als neues Gold gehandelt – und umgekehrt. Im 17. Jahrhundert waren übrigens Tulpenzwiebeln ein riesiges Spekulationsobjekt…
Richtig, wenn Gold der neue Bitcoin ist, sind Tulpen der alte Bitcoin oder so ähnlich. In der Historie – gerade in Kriegswirren – haben sich auch schon Zigaretten oder Schnaps zu Zahlungsmitteln und damit Wertanlagen entwickelt. Kurzfristig kann man in solchen Phasen durchaus auch mal zu den Gewinnern zählen – langfristig, so meine These, allerdings nie und mit langfristiger, strategischer Geldanlage oder Vermögensaufbau haben solche Spekulationen daher tatsächlich nichts zu tun.
Sind es die mangelnden realen Anwendungsfälle, die ein Spekulationsobjekt zu eben jenem machen?
Das ist ein Aspekt. Nehmen wir den Bitcoin als Beispiel. Außer in wenigen Bereichen wie dem Darknet können Sie mit dem Bitcoin weder ihr tägliches Leben finanzieren, noch im Supermarkt einkaufen oder ihre Steuern bezahlen. Zigaretten und Alkohol könnten sie wenigstens noch konsumieren oder sich ihr Gold um den Hals hängen. Zu Spekulationsobjekten werden die genannten Güter vor allem deshalb, weil ich als Anleger darauf wetten muss, dass ich sie bei Bedarf und zu einem späteren Zeitpunkt zu einem höheren Preis wieder verkaufen kann. Dafür muss es allerdings immer auch einen Markt geben. Ich kann Glück haben und diese Wette geht auf. Ich kann allerdings auch Pech haben und dann ist es denkbar schlecht, wenn ich auf einen Verkauf angewiesen bin.
Wie passen Weine, Oldtimer oder Kunst in dieses Bild. Natürlich kann ich hier persönliche Vorlieben haben, aber als Investitionsobjekt spekuliere ich dennoch auf einen höheren Preis in der Zukunft, oder?
Grundsätzlich sollten Anleger zwischen Anlageklassen wie Immobilien, Anleihen oder Aktien unterschieden, die aus sich heraus einen Ertrag generieren – in Form von Zinsen, Mieten oder Dividenden. Alle anderen Assets – Gold, Bitcoin oder auch Oldtimer – generieren diesen Cashflow nicht aus sich heraus. Hier kann Wertsteigerung nur darüber erfolgen, dass in der Zukunft jemand einen höheren Betrag zahlen wird, als ich es heute gemacht habe. Und das ist am Ende, wie Sie richtig sagen, immer Spekulation und auch das berühmte Quäntchen Glück.
Welche Lehren können Sie Investoren aus der empirischen Kapitalmarktforschung stattdessen mit auf den Weg geben, wenn es um Sicherheit beim Vermögensaufbau geht?
Wenn man aus der Kapitalmarktforschung der letzten 50, 60, 70 Jahre eine Lehre ziehen müsste dann sicherlich die, dass Modethemen – egal wie gelagert – nicht unbedingt förderlich für den Vermögensaufbau sind. Im Gegenteil: Gerade Hypes haben in der Historie schon sehr oft zur Geldvernichtung geführt. Auch viel „Action“ im Portfolio, also reges Handeln, ist nicht förderlich. Hier sei die Börsenweisheit „Hin und Her macht Taschen leer“ genannt, weil eben auch Transaktionskosten stark zu Buche schlagen. Das alles stützt klar die These, dass „langweiliges Investieren“, die bevorzugte Anlageform sein sollte.
Langweiliges Investieren heißt in dem Kontext: Breite Streuung über Anlageklassen, Regionen und über die Zeit?
Ganz genau. Letztendlich ist Investieren sehr einfach – egal ob innerhalb oder außerhalb einer Krise. Als Anlegerin sollten Sie Ihre Risikotragfähigkeit kennen, Sie sollten Ihren Anlagehorizont kennen und einen entsprechend gesunden Anlagemix zwischen risikobehafteten, aber dafür ertragreichen Anlagen und risikoärmeren Anlagen zusammenstellen. Und dann ist es recht einfach, sich mit drei, vier kostengünstigen ETFs ein sinnvolles Portfolio aufzubauen, daran festzuhalten und sich über die Erträge zu freuen. Das Problem daran ist, dass daran natürlich kaum einer etwas verdienen kann. Aber Erfolg und Fehleranfälligkeit stehen gerade für den durchschnittlichen Anleger so einfach in einem optimalen Verhältnis.
Aus Ihrer Erfahrung heraus: Was motiviert durchschnittliche Anlegerinnen/Anleger doch immer wieder zu Spekulation und irrationalen Entscheidungen?
Ich glaube, das liegt zu einem gewissen Grad daran, dass wir alle durchaus ein Bestreben haben, besser zu sein als andere, einen Vorsprung zu haben – und hängt natürlich auch damit zusammen, dass wir mittlerweile dazu übergangen sind, hauptsächlich Erfolge zu kommunizieren. Sie werden in Foren oder im Austausch immer wieder hören, wie gut die Entscheidung für das Portfolio war, in Gold investiert zu haben, oder wie hoch die Bitcoin-Gewinne alleine in der vergangenen Woche waren. Kaum jemand wird offen kommunizieren, dass er oder sie gerade 10.000 Euro mit einem Bitcoin-Invest oder einer Einzelaktie verloren hat. Und wenn alle immer Erfolg haben, muss es bei mir ja zwangsläufig genauso sein. Das ist dann ein schneller aber eben fataler Gedanke. Der deutlich bessere Ansatz ist da, am Kapitalmarkt möglichst Durchschnittlichkeit und die mit möglichst kostengünstigen Produkten zu erlangen. Aber das will kaum einer wahrhaben.
Weil damit für Vermögensverwalter und Banken, wie Sie sagen, kein Geld zu verdienen ist?
Richtig. Gerade neue Investmentprodukte zielen oft mit einem spekulativen Charakter auf dieses psychologische Phänomen des „Besserseinwollens“ ab – und haben damit für einen gewissen Zeitraum aus Sicht der Emittenten ja auch durchaus Erfolg.
Mittlerweile haben Anlegerinnen und Anleger doch aber ganz andere Informationsmöglichkeiten. Viele Neobroker und -banken bieten KI-basiert bereits mit wenigen Klicks eine Risikoanalyse an oder geben Empfehlungen für die Portfoliozusammenstellung. Sie selbst haben im Rahmen ihrer Forschungstätigkeiten ebenfalls eine Finanzapp zur Altersvorsorge entwickelt. Kurz: Müsste es nicht deutlich mehr Finanzwissen und damit informierte Anlageentscheidungen geben?
In erster Linie nimmt die Heterogenität durch die neuen Informationsmöglichkeiten zu. Das heißt auf der einen Seite, dass Sie durchaus mehr Anleger haben, die sich durch die Informationsfülle klicken und sich für das „langweilige Investieren“ entscheiden. Sie haben allerdings auch mehr Anleger, die in irgendwelchen Bitcoin- oder Edelmetall-Informationsblasen feststecken und sich dann am Trading, Market-Timing oder sonst einem Versprechen abarbeiten. Das liegt daran, dass jeder danach selektiert, was zu ihm passt. Mehr Informationen müssen also nicht zwangsläufig rationale Entscheidungen fördern, sondern können auch dazu genutzt werden, das eigene Bauchgefühl oder die eigene Meinung zu bestätigen. Und damit sind wir dann wieder sehr schnell bei den eingangs erwähnten Mantren. Ein Bitcoin-Investor wird sich eher mit einem Gleichgesinnten austauschen, anstatt jemanden nach den Beweggründen für sein oder ihr langweiliges Investieren zu fragen.