Im Juni 2026 steht die Energiewende an einem Punkt, an dem Licht und Schatten ineinander fallen. Der Ausbau der erneuerbaren Energien kommt voran, aber in einigen Schlüsselbereichen nicht schnell genug, um die gesetzlichen Klimaziele bis 2030 verlässlich zu erreichen. Soweit der Befund des aktuellen Fortschrittsmonitors des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft BDEW und der Wirtschaftsberatung EY: Deutschland bewegt sich zwischen knapp über Zielkurs und deutlichem Nachholbedarf – je nachdem, welchen Sektor man betrachtet.
VORREITER STROMSEKTOR
Beim Strom läuft es überraschend gut. 2025 lag der Anteil erneuerbarer Energien am Bruttostromverbrauch zwischen 55,1 und 56 Prozent, knapp über dem für dieses Jahr vorgesehenen Zielpfad. Bezogen auf die gesamte Stromerzeugung war der Anteil mit 58,6 Prozent sogar noch höher. Das 80-Prozent-Ziel für 2030 bleibt damit im Stromsektor grundsätzlich erreichbar – vorausgesetzt, der Zubau hält das aktuelle Tempo.
Den Ausschlag gibt vor allem die Photovoltaik. Mit knapp 17,6 Gigawatt neu installierter Leistung gelang 2025 das dritte Rekordjahr in Folge. Die gesamte Solarleistung in Deutschland liegt damit bei rund 117 bis 118 Gigawatt – etwa 55 Prozent des für 2030 gesetzten Ziels von 215 Gigawatt. Vereinfachte Genehmigungsverfahren, attraktive Förderbedingungen und die gestiegene Wirtschaftlichkeit von Solaranlagen haben diesen Schub ermöglicht.
HAUPTPROBLEM WINDKRAFT
Bei der Windenergie an Land sieht es deutlich zäher aus. Mit 4,6 Gigawatt Zubau blieb 2025 klar unter dem angepeilten Zielpfad von 8,6 Gigawatt. Insgesamt steht die Onshore-Windkraft bei rund 69 Gigawatt – bis 2030 sollen es 115 Gigawatt sein. Noch kritischer fällt die Bilanz bei der Windkraft auf See aus: Hier kamen 2025 nur 0,5 Gigawatt hinzu, weit hinter dem für das Jahr vorgesehenen Zubau von 3,5 Gigawatt. Die gesamte Offshore-Leistung liegt damit noch deutlich unter der für 2030 kritischen Marke von 30 Gigawatt. Langwierige Genehmigungsverfahren, Lieferengpässe bei den Herstellern von Windkraftanlagen und Widerstände vor Ort gelten als Hauptursachen.
ENGPASS NETZAUSBAU
Die größte Herausforderung der Energiewende liegt inzwischen nicht mehr in der Erzeugung, sondern im Transport. Der Netzausbau ist zum Flaschenhals geworden, der das gesamte System bremst: Ohne leistungsfähige Stromautobahnen vom Norden in den Süden und Westen kommt überschüssiger Wind- und Solarstrom nicht dort an, wo er gebraucht wird.
Immerhin hat sich die Netzstabilität verbessert – Stunden mit negativen Großhandelspreisen, in denen Erzeuger praktisch dafür bezahlen müssen, ihren Strom überhaupt einzuspeisen, sind seltener geworden. Die größte Schwachstelle bleibt aber die Flexibilität des Systems. Speicher, intelligente Netze und verschiebbare Verbrauchslasten (Demand-Shifting) müssen massiv ausgebaut werden, um die Schwankungen von Wind und Sonne aufzufangen.
WÄRMEPUMPEN UND ELEKTROMOBILITÄT
Im Wärmesektor zeigt sich ein freundlicheres Bild. Wärmepumpen erreichten 2025 bei den Neuinstallationen einen Marktanteil von knapp 48 Prozent – ein Rekordwert (siehe auch Seite 10). Der Trend zeigt klar nach oben, doch die absoluten Stückzahlen reichen noch nicht aus, um die Klimaziele im Gebäudesektor zu erreichen. Entsprechend hoch hängt die Latte für das Gebäudemodernisierungsgesetz, das 2026 zentrale Weichen stellen soll und vom Bundesverband Erneuerbare Energie als entscheidend für die Wärmewende eingestuft wird.
Auch die Elektromobilität entwickelt sich positiv, nur eben zu langsam. Rund 19 Prozent der neu zugelassenen Pkw waren 2025 reine Elektroautos – niedrig, aber mit klarer Aufwärtstendenz. Damit die Verkehrswende ihre Klimaziele erreicht, braucht es laut Fortschrittsmonitor vor allem eine schneller wachsende Ladeinfrastruktur und attraktivere Kaufanreize.
HOFFNUNGSTRÄGER BATTERIESPEICHER
Ein echter Lichtblick ist der rasante Ausbau der Batteriespeicher. Allein im ersten Quartal 2026 kamen rund zwei Gigawattstunden neue Kapazität hinzu, für das gesamte Jahr rechnen Experten mit acht bis zehn Gigawattstunden. Das ist keine Randnotiz: Gerade Speicher sind entscheidend, um die Schwankungen von Wind und Solar abzufedern und die Netze stabil zu halten. Gleichzeitig sinken die CO2-Emissionen weiter, und die Gasversorgung bleibt zuverlässig – ein Hinweis darauf, dass die Energiewende nicht nur dem Klima dient, sondern auch Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft stärkt.
SCHLÜSSELJAHR 2026
Der Bundesverband Erneuerbare Energie nennt 2026 nicht ohne Grund das Schlüsseljahr der Energiewende: Mit der EEG-Novelle und dem Gebäudemodernisierungsgesetz werden zentrale Weichen für die Wachstumstreiber erneuerbare Energien und Digitalisierung gestellt. Der Verband fordert deshalb mehr Tempo beim Ausbau von Windenergie, Flexibilitäten und Netzen, um die Klimaziele noch verlässlich zu erreichen.
Das Wirtschaftsforschungsinstitut DIW Berlin bringt es in seinem Energiewende-Monitor auf den Punkt: Die Energiewende kommt voran – aber noch zu langsam. Der Ausbau der erneuerbaren Energien hat zuletzt an Dynamik gewonnen, reicht aber weiterhin nicht, um die gesetzlichen Klimaziele zu erreichen. Auch bei Wärmepumpen, Elektromobilität und Stromspeichern ist das Tempo nicht hoch genug. Die Politik, so der gemeinsame Tenor der Studien, sollte die derzeit günstigen Rahmenbedingungen nutzen, um schneller voranzukommen. Gescheitert ist die Energiewende 2026 also nicht – abgeschlossen aber auch nicht. Der Stromsektor ist bereits mehrheitlich erneuerbar, doch der eigentlich entscheidende nächste Schritt ist der Übergang von der reinen Erzeugung zur Systemintegration. Bei einem deutlich beschleunigten Ausbau von Windkraft und Netzen bleibt das 80-Prozent-Ziel bis 2030 erreichbar. Der technische Fortschritt ist beeindruckend, die politischen Rahmenbedingungen werden zunehmend günstiger. Ohne ein klar höheres Tempo bei Windkraft, Netzen und Speichern wird es aber knapp.