Verstärken statt bremsen

Die Digitalisierung hat eine schlechte Umweltbilanz. Das muss nicht so sein: Forschergruppen haben heraus- gearbeitet, wann die Digitalisierung nachhaltige Entwicklungen beschleunigt.
Illustration: Sophia Hummler
Illustration: Sophia Hummler
Lara Marie Müller Redaktion

 

Sei es der Verbrauch seltener Erden, ein hoher Energiebedarf oder das Anregen von nicht unbedingt notwendigem Konsum: Die Digitalisierung führt, insbesondere aus Konsumentensicht, häufig zu einer schlechten Umweltbilanz. „Aktuell sieht es nicht danach aus, als ob sich der generelle Trend aufgrund der zunehmenden Digitalisierung in Richtung mehr Nachhaltigkeit entwickelt“, attestieren Informations- und Technologieforscher der Universität Zürich in einer Studie in der Fachzeitschrift Sustainability. Dies sei schade, da die Digitalisierung grundsätzlich großes Nachhaltigkeitspotenzial biete.

Denn im Kern heiße Digitalisierung, Informationen sehr schnell zu übertragen, auszutauschen und aufeinander abzustimmen. „Damit entsteht ein riesiges Potenzial zum effektiveren Ressourceneinsatz bei Produktion und Konsum“, schreiben die Forscher. Bedrohungen wie der Klimawandel machen es essenziell, dieses Potenzial auch zu nutzen. Daher wird aktuell breit angelegt und über viele Disziplinen hinweg versucht zu verstehen, wie Nachhaltigkeit und Digitalisierung sich nicht gegenseitig bremsen, sondern verstärken können.

Für die Züricher Forscher beispielsweise ist die Sharing Economy ein zentrales Konzept. Darunter versteht man das systematische Ausleihen von Gegenständen und gegenseitige Bereitstellen von Räumen und Flächen – also etwa Onlinebörsen für Werkzeug oder das Untervermieten der eigenen Wohnung während eines Auslandsaufenthaltes. „Digitale Technologien erweitern die engen Grenzen vom konventionellen Teilen mit zum Beispiel Nachbarn“, schreiben die Forscher. „Immer mehr Leute interessieren sich dafür, weniger zu besitzen und mehr zu leihen oder zu teilen.“

Das Wachstum von Sharing-Plattformen sei teilweise spektakulär und würde ganze Industrien auf den Kopf stellen, etwa Uber den Taximarkt oder Airbnb die Hotelbranche. Aus Sicht der Forscher ist allerdings notwendig, dass sich die Plattformen weiterentwickeln. Um in möglichst vielen Dimensionen Nachhaltigkeitsstandards zu erfüllen, müsste für alle Anbieter ein gleicher Zugang zu den Plattformen bestehen. Außerdem müssten intern Analysen durchgeführt werden, um sicherzustellen, dass man tatsächlich dazu beiträgt, Ressourcen stärker zu nutzen, und nicht einfach nur ältere Anbieter verdrängt.

Politikwissenschaftler aus Lausanne betonen in einer anderen Erhebung, wie wichtig eine auf nachhaltige Digitalisierung ausgelegte Governance-Strategie ist. Diese hätte das Potenzial, letztlich in allen Branchen vor allem diejenigen Vorteile der Digitalisierung zu nutzen, die Nachhaltigkeit fördern. „Es braucht höchstwahrscheinlich eine an die nachhaltige Digitalisierung angepasste Regierungsarbeit“, schreiben sie. Je nach politischem System könnte so etwas unterschiedlich aussehen. Stark regelgeprägte Länder würden beispielsweise von einer intensiven aktiven Überwachung von Nachhaltigkeitsstandards profitieren, während es in liberaleren Ökonomien wichtiger sei, die richtigen Anreize zu setzen.

Ob und inwieweit die Digitalisierung insgesamt nun also gut oder schlecht für die Umwelt ist, kann man aus heutiger Sicht nicht sagen: Es zählt, was wir aus den Möglichkeiten machen.

 

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