Talente freisetzen

Oktober 2021 | Wirtschaftswoche | Unternehmertum

Talente freisetzen

Die zunehmend sichtbare Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft wird tief in die DNA der Unternehmen eingreifen. Das kann nur gelingen, wenn alle Beteiligten am richtigen Platz sitzen.

Illustration: Jasmin Mietaschk
Thomas Feldhaus / Redaktion

„Wohnst Du noch oder lebst Du schon?“, hat der schwedische Möbelkonzern Ikea vor einigen Jahren seine Kunden gefragt. Eine ganz ähnliche Frage könnte man Unternehmenslenkern und HR-Verantwortlichen stellen. „Suchst Du noch oder bindest Du schon?“, könnte es dann heißen. Talentmanagement ist nach wie vor eines der heißen Eisen im HR-Management und wird zunehmend zum festen Bestandteil erfolgreicher Personalentwicklung und Mitarbeitergewinnung. Im aktuellen Talent-Klima-Index der Hochschule Fresenius wird die Mitarbeiterbindung als eines der zukünftig wichtigsten Themen im HR-Management von Unternehmen genannt. Die Gründe liegen auf der Hand. Geeignete neue Mitarbeiter zu finden ist aufwendig und kostenintensiv. Klüger ist es, die vorhandenen Potenziale der eigenen Belegschaft zu fördern und auszubauen. Eine herausfordernde Aufgabe, die weit über die jährliche Ermittlung der Retention Rate hinausgeht.


Finden und binden lautet die Aufgabe, die sich im HR-Management Talent Engagement nennt. „Das Anbieten von bedarfsorientierten Entwicklungsformaten, die Vernetzung von Talenten und eine Orientierung schaffende, aber nicht lenkende Unterstützung bei selbst gewählten Entwicklungsschritten kann über die Zukunftsfähigkeit von HR-Abteilungen und Organisationen mitbestimmen“, meint Eberhard Hübbe, Managing Director bei Kienbaum und Mitautor einer Studie, die sich genau damit beschäftigt hat. Eigenverantwortung, Wirksamkeit und Gemeinschaft, so lautet ein Fazit der Befragung von rund 1.000 Talenten im DACH-Raum, seien die zentralen Treiber, die in einem zeitgemäßen Talentmanagement berücksichtigt werden müssen.


Allerdings sieht die unternehmerische Praxis noch etwas anders aus. So würden 95 Prozent der für die Studie „Engaging Talent – Potenzialträger binden und entwickeln“ befragten Talente aktiv an ihrer beruflichen Entwicklung beteiligt seien wollen, etwa indem sie Inhalte und Formate selbst auswählen. Bei ihren Arbeitgebern wird aber nur rund zwei Dritteln diese Möglichkeit eingeräumt. Dabei hat die Selbstbestimmung für das Unternehmen als Ganzes deutliche Vorteile, denn die entwickelten Fähigkeiten wollen die Mitarbeiter auch im Sinne der Unternehmensziele einsetzen. Wichtig ist deshalb ein konstruktives Zusammenspiel zwischen Talent, Führungskräften und HR-Management.


Das setzt auch neue Denkweisen und die Überwindung bestehender Praktiken voraus. Karriere bedeutet heute etwas anderes, als in einer bestehenden Hierarchie möglichst weit nach oben zu kommen. Nachwuchskräfte sind an der eigenen Entwicklung interessiert, aber ebenso an der Weiterentwicklung ihres Teams. Modernes Talentmanagement muss deshalb viel weiter gedacht werden. Einerseits müssen die High Potentials identifiziert und gefördert werden, andererseits gilt es aber auch, in jedem Mitarbeiter die individuellen Fähigkeiten und Talente freizusetzen. Der Wirtschaftspsychologe und Experte für Personalthemen Professor Klaus P. Stulle spricht in diesem Zusammenhang von Breiten- und Spitzensport. Das ist gar nicht so neu, denn schon Management-Legende Lee Iacocca stellte bevorzugt Menschen mit ergänzenden Fähigkeiten ein und machte ihnen den Weg zur persönlichen Entfaltung frei.