Im Dienst der Gesundheit

Digitale Innovationen verändern die medizinische Versorgung. Das Beste: Viele davon gibt es auf Rezept.
Illustration: Ivonne Schulze
Illustration: Ivonne Schulze
Dr. Ulrike Schupp Redaktion

 

Ängste erfolgreich online behandeln? Seit Kurzem soll auch das möglich sein. „HelloBetter Panik“ ist ein interaktives Programm, das Betroffene dabei unterstützen will, im Alltag mit Panikstörungen, Agoraphobie und Angsterkrankungen besser umzugehen. Voraussetzung ist allerdings, dass die Patienten oder Patientinnen Therapieerfahrung aus dem echten Leben mitbringen. Online vermittelt ihnen das Programm dann Strategien aus der kognitiven Verhaltenstherapie. Konkret hilft es unter anderem durch Entspannungstraining dabei, Panikattacken vorzubeugen, oder begleitet die Konfrontation mit deren Auslösern. Um Feedback zu geben und bei Krisen einzugreifen, stehen Psychologen und Psychologinnen den Betroffenen zur Seite.

Ganz ähnlich funktionieren neben vielen anderen Programmen auch „Kalmeda“ und „Vitadio“. Kalmeda bietet eine leitlinienbasierte Online-Therapie bei chronischer Tinnitusbelastung. Vitadio soll bei Diabetes Typ 2 dazu beitragen, die Diabeteskontrolle durch Selbstmanagement und einen veränderten Lebensstil zu verbessern. Eine persönliche Beraterin oder ein persönlicher Berater beantwortet hier die Fragen der Teilnehmenden im Chat.

Alle drei Programme sind „DiGA“, digitale Gesundheitsanwendungen. Durch das neue Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG), das im Dezember 2019 in Kraft getreten ist, können sie von Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen im Rahmen der medizinischen Behandlung nun offiziell verschrieben werden. Die gesetzlichen Krankenversicherungen zahlen die „Apps auf Rezept“. Über 73 Millionen Versicherte in Deutschland haben bei entsprechender Indikation einen Anspruch auf die Online-Therapien. DiGA sind zertifizierte Medizinprodukte, deren medizinischer Nutzen oder Vorteil für die Struktur der medizinischen Versorgung ebenso nachgewiesen sein muss wie die dringend erforderliche Datensicherheit, bevor sie überhaupt zugelassen werden. Sie sollen die Behandlung durch Ärzt:innen oder Therapeut:innen dabei in der Regel nicht ersetzen, sondern lediglich ergänzen. Gleichzeitig füllen sie Lücken im Gesundheitssystem. Zum Beispiel können sie psychologische Soforthilfe gewährleisten, während die Wartezeit für eine Psychotherapie aktuell bei mehreren Monaten liegt. Nach stationären Behandlungen verhindert die Online-Therapie eventuell erneute, für das Gesundheitssystem kostenintensive Klinikaufenthalte. Erfolgreich sind die digitalen Lösungen auch deshalb, weil sie sich am Alltag und an den Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten orientieren. Durch die Interaktion mit den Nutzer:innen können sie regelmäßig überprüft, verbessert und in hohem Maße individualisiert werden.

Schon jetzt zeichnet sich ab, dass sich durch die Digitalisierung einige Prozesse in der Regelversorgung grundlegend verändern. „Der Point of Care wird sich von Arztpraxis und Klinik immer stärker hin zu den Patientinnen und Patienten verlagern“, sagt das Bundesgesundheitsministerium. Apps und digitale Therapieprogramme fördern die Selbstverantwortung und die „Mündigkeit“ der Patient:innen. Ärztinnen und Ärzte erhalten zusätzliche Informationen, um die Behandlung noch stärker zu individualisieren, vorausgesetzt, die App-Nutzer:innen möchten ihre Daten teilen.

Immer häufiger greifen Gesundheitsbewusste im Rahmen der primären Prävention auch zu Wearables. Hier geht es meist darum, durch einen gesunden Lebensstil dem Entstehen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes Typ 2 vorzubeugen, Übergewicht, schlechten Schlaf oder Bewegungsmangel zu verhindern. Verpackt im schmalen Fitnessarmband oder der luxuriösen Smartwatch tracken Software-Programme die Gewohnheiten ihrer Nutzer und Nutzerinnen. Per Vibrationssignal erinnern sie im Büro unauffällig daran, dass es Zeit wird, sich mal wieder zu bewegen, etwas zu trinken oder im zweiminütigen Entspannungsprogramm tief durchzuatmen. Sie zählen Schritte und Kalorienverbrauch, messen den Ruhepuls im Schlaf oder werten Leistungsdaten beim Joggen aus. Kostenerstattungen für Wearables und medizinische Begleitung gibt es in der Regel nicht. Die Grenzen zur Hypochondrie sind mitunter fließend. Dass die App fehlenden Tiefschlaf moniert oder der Ruhepuls seit Tagen plötzlich ein wenig höher ist, beschäftigt unzählige Nutzerforen.

»Sinnvoll genutzt, können diese Daten Therapien und Prävention verbessern sowie die Forschung unterstützen.«

Neben den DiGA gibt es etliche weitere Services, die immer stärker Teil der medizinischen Versorgung sein werden. Zu nennen sind hier Videosprechstunden zur telemedizinischen Behandlung von Patient:innen, die diesen lange Anfahrten ersparen, was gerade nach Operationen sehr entlastend sein kann, E-Rezepte, via App erhältlich ohne den vorherigen Besuch in der Praxis, dafür aber mit elektronischem Nebenwirkungscheck, und die elektronische Patientenakte (ePA). Sie wird seit Januar 2021 stufenweise eingeführt und erhält nach und nach weitere Funktionen. Die ePA kann über eine App per Smartphone verwaltet werden. Patienten und Patientinnen stellen in ihrer Akte unter anderem selbst erhobene Daten, Arztbriefe oder Medikationspläne ein. Ärzt:innen greifen auf die individuell verschlüsselten Daten erst zu, nachdem Patient oder Patientin ihnen eine entsprechende Berechtigung erteilt haben. Die Möglichkeit, die Daten freiwillig auch zu Forschungszwecken zu teilen sowie unter anderem Informationen aus der pflegerischen Versorgung, aus den DiGA oder AU-Bescheinigungen in die ePA einzutragen, sollen Patient:innen ab 2023 erhalten.

Seit 2019 gilt die elektronische Gesundheitskarte (eGK), mit der gesetzlich Krankenversicherte ihre Leistungsberechtigung nachweisen müssen. Ihre Funktionen sollen ebenfalls nach und nach ergänzt werden. Beispielsweise können Versicherte seit 2020 Medikationspläne und Notfalldaten auf ihrer eGK speichern lassen wie Hinweise zu chronischen Erkrankungen oder Allergien.

Alle digitalen Anwendungen tragen eine gewaltige Menge an Daten zusammen. Sinnvoll genutzt können diese Daten Therapien und Prävention verbessern sowie die Forschung unterstützen. Gleichzeitig unterliegen Gesundheitsdaten einem besonderen Schutz. Höchste Sicherheit soll nicht zuletzt aufgrund strengster Zugangsreglementierung die Telematikinfrastruktur garantieren, die „schnelle Datenautobahn“ für das Gesundheitswesen, die Akteure wie Praxen, Kliniken, Apotheken oder Pflege digital vernetzt.

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