Mittelstand im Wandel

Juli 2015 | Wirtschaftswoche | Risikomanagement

Mittelstand im Wandel

In einer zunehmend globalisierten Wirtschaft wird Risikomanagement für den Mittelstand immer wichtiger. Eine wichtige Rolle spielen Finanzierung, Exportabsicherung und Compliance.

Andreas Eicher / Redaktion

Die deutsche Wirtschaft tickt mittelständisch.“ Mit diesem Bild beginnt das Grußwort des aktuellen Jahresberichtes 2014 des Bundesverbands mittelständischer Wirtschaft BVMW, unterzeichnet von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel. Und tatsächlich: Die Zahlen sind beeindruckend. Rund 99 Prozent der deutschen Unternehmen sind kleine und mittlere Betriebe. Und diese erwirtschaften mit rund 70 Prozent der Gesamtbeschäftigten über zwei Billionen Euro Umsatz pro Jahr.


Aber natürlich soll die Metapher des tickenden Uhrwerks noch etwas anderes suggerieren: Das wird jetzt so weiterlaufen. Wie die Präzisionsmechanik einer Uhr wird der Mittelstand auch in Zukunft unseren Wohlstand sichern. Der Mittelstand, krisenfest und planungssicher, wird dafür sorgen, dass wir all die Unwägbarkeiten und Risiken, die in einer zunehmend unberechenbaren Zukunft drohen, meistern können.


Allerdings: Die so oft gelobte Krisenfestigkeit des Mittelstandes ist alles andere als ein Selbstläufer. Eine Schwachstelle, darauf weisen Rating-Experten schon lange hin, liegt in der Art und Weise, wie sich mittelständische Unternehmen Kapital beschaffen. Nicht alle Mittelständler können ihren „Finanzierungsbedarf“ über klassische Bankkredite decken. Folglich gilt es Mittel und Wege zu finden, um mögliche Finanzierungs- und Liquiditätsengpässe im Vorfeld zu erkennen.


„Um die Chancen für das eigene Unternehmen zu wahren, braucht es den ungetrübten sowie transparenten Blick nach vorne“, erklärt Dr. Roland Franz Erben, Professor für BWL im Studiengang „Wirtschaftspsychologie“ an der Hochschule für Technik (HFT) in Stuttgart. Und er ergänzt: „In diesem Zuge ist ein durchgängiger Risikomanagementprozess unerlässlich, der mehr als eine reine Erfüllung gesetzlicher Anforderungen beinhalten muss.“


Im Kern geht es um den wirklichen Nutzen von Risikomanagement. Für Erben liege dieser in einer besseren Voraussage von Ergebnisschwankungen, was sich wiederum positiv auf die Kapitalkosten auswirken könne. In diesem Zuge müssen sich Entscheider stärker auf die sich rasant wandelnden Geschäftsmodelle einstellen. Daher spielt das Geschäftsmodell eine entscheidende Rolle im Bewertungs- und Finanzierungsprozess.


Frank Romeike, Risikomanagementexperte und Geschäftsführer des Kompetenzportals RiskNET, fügt an: „Eine stabile Gewinnentwicklung ist im Interesse der Fremdkapitalgeber, was sich in einem guten Rating, einem vergleichsweise hohen Finanzierungsrahmen und günstigen Finanzierungskonditionen widerspiegelt. Das Fundament bildet hierbei ein solides und nachhaltiges Geschäftsmodell. Hierzu gehört auch die Auseinandersetzung mit zukünftigen Risiken, die dieses Geschäftsfundament auf den Prüfstand stellen, etwa durch die digitale Revolution.“


Wichtig ist in diesem Kontext eine integrierte Finanzkommunikation des Unternehmens. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) sieht in einer erfolgreichen Finanzkommunikation den möglichen „positiven Einfluss auf das Rating des Unternehmens“. Der BDI schlussfolgert: „Obwohl eine proaktive Informationspolitik handfeste Vorteile mit sich bringt, nutzen viele Mittelständler diese Chancen bisher nicht ausreichend.“ Ein durchgängiger Risikomanagementprozess im Unternehmen schafft Klarheit über die eigene Risikolandkarte, erleichtert Unternehmensentscheidungen und versorgt Fremdkapitalgeber sowie Rating-Agenturen mit validen Informationen. „Im Grunde eine vertrauensbildende Maßnahme für alle Beteiligten“, resümiert Romeike.


Um die Risikotragfähigkeit von Unternehmen auf solide Beine zu stellen, steht die Beantwortung einer einfachen Frage im Zentrum: Wie viel Risiko kann ich eingehen? Ziel ist, die individuell vorhandene Risikodeckung in Form von Eigenkapital und liquiden Mitteln festzulegen. Mit Blick auf den exportstarken Mittelstand – laut Zahlen des BMVW sind 98 Prozent der deutschen Exporteure Mittelständler – spielen versicherungsrelevante Risiken sowie Kredit- und Länderrisiken eine entscheidende Rolle. Hintergrund ist die weltweite Vernetzung von Produktionen, Lieferketten und Warenströmen.


Die Kreditversicherung ist ein wichtiges Instrumentarium, um Zahlungs- und Forderungsausfälle zu minimieren und die Chancen einer Geschäftsfortführung zu sichern. Zum Schutz vor Ausfallrisiken in Schwellen- und Entwicklungsländern greifen Mittelständler auf staatliche Exportkreditversicherungen, sogenannte Hermesdeckungen, zurück. Diese decken unter anderem die Risiken von Auslandsgeschäften ab, gerade wenn Firmen die wirtschaftlichen und politischen Risiken nicht tragen können. Im Jahresbericht 2014 – Exportkreditgarantien der Bundesrepublik Deutschland der Euler Hermes Aktiengesellschaft heißt es hierzu: „Der Schwerpunkt der Absicherungen lag bei Lieferungen und Leistungen in Schwellen- und Entwicklungsländer. Ohne Hermesdeckungen wären zahlreiche Geschäfte in diesen Ländern und Regionen nicht möglich gewesen.“


Dem Jahresbericht folgend haben sich die Entschädigungszahlungen 2014 im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt und stiegen auf 504 Millionen Euro. „Dies ist überwiegend auf den Anstieg der Schadensauszahlungen für Exporte in den Iran auf 287,1 Millionen Euro zurückzuführen“, so die Aussage des Jahresberichts. Hintergrund dürfte unter anderem die Sanktionspolitik gegen den Iran sein. Die „Industrie- und Handelskammer Region Stuttgart“ warnt auf den eigenen Internetseiten davor, dass es auch ab 1. Juli 2015 „voraussichtlich Beschränkungen im Iranhandel geben wird“. Somit müssen die Risiken im Iran-Geschäft genau geprüft und abgesichert werden.


Ein weiteres, wichtiges Bindeglied im Umgang mit Markt- und Länderrisiken bietet ein in das Risikomanagement integriertes Compliance-Management-System. Nicht nur, um gesetzliche Anforderungen und interne Verhaltensrichtlinien sicherzustellen. Am Ende geht es bei Exportgeschäften darum, finanzielle Schadensersatzansprüche durch Staaten und deren Strafverfolgungsbehörden sowie zivile Haftungsrisiken zu minimieren.